Ausgabe 
(13.7.1894) 57
Seite
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Sie mir Ihren Beistand leihen, wollen Sie Ihren Ra-inen unter dieses Papier setzen, so wird Ihnen die Reiseüber das Meer erspart, Sie dürfen hier bleiben undich werde dafür sorgen, daß es Ihnen nie an den Mit-teln mangelt, ein angenehmes Leben zu führen. Undnun frage ich Sie, ob Sie geneigt sind, mir in allembetzustehen, was ich von Ihnen verlange."

Ich bin zu allem bereit, wodurch ich mich Ihnenverpflichten kann," erklärte Rettberg, ohne sich lange zubesinnen.

Gut," nickte Maitland,so unterzeichnen Sie diesesSchriftstück."

Nettberg zauderte. Aber eS blieb ihm keine an-dere Wahl; das Bekenntniß seiner Schuld war schließ-lich nur das Duplikat des gefälschten Wechsels und ver-mochte seine Strafbarkeit nicht zu erhöhen. Wenn erunterschrieb, so gewann er sich in dem Besitzer diesesReichthums, der ihn umgab, einen Freund, dessen Frei-gebigkeit ihm die angenehmsten Aussichten eröffnete.

Er überlas das Blatt und setzte seinen Namen dar-unter, Maitland legte es in die Brieftasche zu demWechsel. Dann lehnte er sich in seinen Sessel zurück,sah Nettberg mit durchdringendem Blicke an und fragte:Wo ist Ihre Schwester?"

Ich weiß es nicht," antwortete der Gefragte, demplötzlich eine Ahnung aufging, nach welcher Richtung hinman seiner Dienste begehre.Ich bin ein paar Tagenicht nach Hause gekommen; als ich zurückkehrte, war siefort. Aber der Herr Baron von Sturen wird Ihnensagen können, wo sie ist."

Davon bin ich ebenfalls überzeugt, doch möchte ichihn nicht fragen. Wir müssen es ohne ihn heraus-bringen. Sie haben sich gestern ohne Zweifel bei ihmnach dem Verbleib Ihrer Schwester erkundigt, und er hatIhnen die Auskunft verweigert?"

Erst in Bremerhaven , auf dem Dampfer, derübermorgen nach New-Iork abgeht, will er mir dieAdresse meiner Schwester geben."

Ha! das ließe sich benutzen!" rief Maitland, voneinem Gedanken erleuchtet.Das wollen wir versuchen,ob wir nicht schon vorher zum Ziele gelangen können.Ihre Wirthin sagte mir, sie sei nicht zu Hause gewesen,als Ihre Schwester verschwand. Diese habe ihr nurein Billet mit der Pränumerando-Miethe zurückgelassen."

Weiter wußte mir die Wirthin auch nichts zusagen," bemerkte Nettberg.Ich begnügte mich jedochmit dieser Auskunft nicht, sondern stellte Erkundigungenim ganzen Hause an. Zwei Frauen hatten meine Schwe-ster mit einer vornehm gekleideten Dame in einen ele-ganten Wagen steigen sehen. Ein Dienstmann, der beimKutscher auf dem Bock gesessen, hatte den Koffer herab-getragen. Mehr wußte man mir nicht zu berichten."

Eine elegant gekleidete Dame?" wiederholte Mait-land wie im Selbstgespräch.Wer könnte das gewesensein?" Plötzlich erhob er den Kopf, den er im Nach-denken auf die Brust hatte sinken lassen. Möglicher-weise befand er sich bereits auf einer Spur. Er er-innerte sich zweier Briefe, welche er beim Baron vonSturen gelegentlich eines Besuches auf dem Tische liegengesehen hatte. Der eine war an den Justizrath CaruS,der andere an eine Frau von Prachwitz adressirt, derenNamen Maitland schon früher in Gesellschaften hattenennen hören. Der Gedanke, daß der Baron Melanie

unter den Schutz die/er Dame gestellt haben könne, lagnahe genug.

Wir wollen morgen weiter über die Sache sprechen,"sagte Maitland, sich von seinem Sessel erhebend.Kom-men Sie im Laufe des Vormittags zu mir."

Morgen früh sechs Uhr erwartet mich Ihr Freundauf dem Bahnhöfe Friedrichstraße, um mich nach Bremer-haven zu begleiten," wandte Nettberg lächelnd ein.

So kommen Sie diesen Nachmittag in der sechstenStunde wieder," bestimmte Maitland.Doch warten Sieeinen Augenblick."

Er zog wieder die Brieftasche mit dem schillerndenUeberzuge von Schlangenhaut hervor, nahm aus einemmit Banknoten vollgestopften Fache derselben einen Hun-dertmarkschein und überreichte ihn seinem neuen Ver-bündeten mit den Worten:Nehmen Sie dies als Hand-geld. Wenn der Erfolg unsere Bemühungen krönt, sohat Ihr Glück begonnen."

Nettberg griff begierig nach dem Mammon, fürwelchen er das war ihm sehr wohl bewußt seineSchwester verkaufte, und warf dem Geber ein bedeut-sames Lächeln zu, welches selbst diesen höheren Dämonmit Ekel und Verachtung erfüllte.

(Fortsetzung folgt.)

--4SSS8-S--'-

Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nachLonrdes 1894.

(Fortsetzung.)

Wir eilten nun zur liturgischen Choral-Vesper indie Basilika, gesungen von 40 Geistlichen (Pilgern),welcher alle Reisegefährten und viel Volk beiwohnten.Wegen des Sonntags war ganz Lourdes in Bewegung;auch Nachbar-Gemeinden kamen mit den Erstkommunikantenunter Führung ihrer Abbäs, die begeisterte Ansprachenin der Grotte an ihre jungen Zuhörer hielten. Auch heutewurde wieder eine großartige Lichter-Prozesston gehalten,welcher Einheimische und Fremde sich anschlössen; die Ba-silika, die gekrönte Madonna und das große Kreuz warenprächtig illuminirt. Am folgenden Tage, 16. April, pre-digte k. Bartholomä aus Maria Birnbaum bei Aichach ,(Maria, unsere Mutter,) beim Hauptgottesdienste, undDinstag Vormittag Herr Pfarrer Hinträger von Kirchheim,dieser über den Rosenkranz. Während des Dinstags wurdendie drei Kirchen und die Grotte noch recht fleißig besucht;denn Abends 8 Uhr sollte ja die Abschieds-Andacht statt-finden und Nachts 11 Uhr die Rückreise beginnen. Wie istuns doch dieses Lourdes so theuer geworden; mit Recht hates einen Weltruf er langt; sein Name ist über die GrenzenFrankreichs und Spaniens hinausgedrungen in alle Welt-theile; 800 Tausende machen sich alle Jahre auf, umaus den entferntesten Ländern Europas , ja über denOcean hierher zu kommen, und für Millionen ist Lourdes der Gegenstand sehnlichster Wünsche! Lourdes ist einSammelplatz für Nationen geworden. Die Fremdenbücherder Hotels, die Aufschreibungen der dortigen Missionäreweisen die Namen von Pilgern auf, die nicht bloß auseuropäischen Ländern (sogar aus Schottland, Dänemark ,Rußland, Polen), sondern auch aus Nord- und Süd-Amerika , aus den verschiedensten Theilen der großen Insel-welt hierhergekommen sind, und zwar aus allen Ständen,Bischöfe und Priester, Fürsten und Hochadelige, Gelehrteund Künstler, Soldaten, Beamte, Kaufleute, Landbauern,