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eines Mädchens einzugreifen, jung und schön wie jenes,welches ihn aus dem Bilde anschaute; er war im Be-griff, der Tugend und der Unschuld dieser Armen eineSchlinge zu legen und ihr ein ähnliches Schicksal zubereiten, wie ein Anderer, dem er noch im Grabe fluchte,es über jene gebracht hatte.
Ein dunkler Schatten überflog seine Stirn.
Das Dienstmädchen kam mit der gefüllten Karaffezurück, setzte sie schweigend nieder, schritt dann wiederzur Thür und wünschte „gute Nacht!"
Das brachte den Kampf in Maitland zur Entschei-dung. Stolz und Leidenschaft übertäubten die warnendeStimme.
„Warten Sie einen Augenblick," rief er dem Mäd-chen zu. Er hob den ihm entfallenen Bleistift auf undschrieb folgende Zeilen nieder: „Mein liebes Fräulein!Ihr Bruder Edmund befindet sich nicht auf dem Wegenach Amerika, sondern ist von Southampton nach Berlin zurückgekehrt. Wollen Sie so gütig sein, unter dieseZeilen zu bemerken, um welche Zeit ich morgen unge-stört und allein ein paar Minuten über diesen Gegen-stand mit Ihnen sprechen kann?"
Maitland faltete das Blatt zusammen und über-reichte es dem Mädchen. „Uebergeben Sie dies sofortFräulein Nettberg und bringen Sie mir Ihre Antwort;ich warte darauf."
Kaum hatte das Mädchen sich entfernt, als Mail-land das Licht auslöschte und leise wieder die Thüröffnete, um nach dem Schall ihrer Schritte zu berechnen,wohin sie ging. Sie schritt geradeaus den Corridor ent-lang, dem am anderen Ende desselben gelegenen Balkon-zimmer zu. Maitland hörte das Aufklinken der Thür;ein aufblitzender Lichtstreifen verrieth, daß Melanie nochwach war.
Unhörbar stahl er sich wieder in sein Zimmer, undals das Mädchen nach einer Weile zurückkam, fand sieihn beim brennenden Lichte am Tische sitzend, wie sieihn verlassen. Sie überreichte ihm das wieder zusammen-gebrochene Blatt, welches er heftig entfaltete. Nur anihren Bruder denkend, hatte die Arglose unter Mait-land's Frage hastig die Worte geschrieben:
„Ich stehe Ihnen zu jeder Stunde, wo es Ihnenbeliebt, zu Diensten. Melanie Rettberg."
Maitland las diese Antwort mit gierigen Augen,und um seine Lippen zuckte ein triumphirendes Lächeln.
Als er allein war, trennte er mit seinem Taschen-messer den Theil des oberen Blattes, den er selbst be-schrieben hatte, los und verbrannte ihn am Lichte bisauf das letzte Atom. Melanie's Antwort aber legte ersorgfältig in seine Brieftasche zu dem gefälschten Wechselund dem Sündenbekenntniß ihres Bruders.
„Gebt mir von jemand irgend etwas Geschriebenes— und ich will ihn damit an den Galgen bringen, hateinmal ein berühmter Mann gesagt," murmelte Mait-land. „In ihrer Angst um ihren erbärmlichen Bruderhätte diese spröde Schöne sich gar nicht unglücklicher aus-drücken können. Mit diesem l?a886-xartout kann ichschlimmenfalls meinen Rückzug decken und mich vor denAugen der Welt rechtfertigen. — Zu jeder Stunde, woes Ihnen beliebt," wiederholte er Melanie's Worte.„Gut, es beliebt mir noch heute Nacht!"
-Er löschte das Licht aus und legte sich, nur halbentkleidet, auf das Bett. (Fortsetzung folgt.)
Die „Maschinenfabrik Augsburg" zv Augsburg .
(Hiezu das Bild Seite 461.)
Unter jenen Fabriketablissements, deren Großartigkeitund ausgezeichnete Leistungen Weltruf genießen, ist u. A.auch die Maschinenfabrik Augsburg zu nennen. Die Fabrikliegt auf der Nordseite Augsburgs , an einem Arme des„Stadtbaches" , eines der durch die Stadt und derenUmgebung geleiteten Lechkanäle. Das zur MaschinenfabrikAugsburg gehörige, dieselbe umgebende Areal beträgt nichtweniger als 17 Hektar, wovon 5,5 Hektar von den dasEtablissement bildenden Gebäuden eingenommen werden.
Gegründet wurde die Fabrik im Jahre 1840 durchHerrn Ludwig Sander aus Augsburg , aus dessen Händensie aber bereits mit einem Personal von ca. 60 Arbeiternan Herrn C. Buz , den Vater des derzeitigen Direktors,und Herrn C. Reichenbach in Augsburg überging. ImJahre 1857 waren bereits ca. 300 Arbeiter ständig inder Fabrik beschäftigt. In diesem Jahre wurde die Um-wandlung in eine Aktiengesellschaft beschlossen und durch-geführt mit einem Aktienkapital von 600,000 Gulden.Heute beziffert der Jnventarwerth der Grundstücke, Gebäudeund deren Wasserkraft, der Maschinen und anderen Ein-richtungsgegenstände, sowie der Arbeiterquartiere ca. 9*/zMillionen Mark, während die Zahl der in den letztenJahren beschäftigten Arbeiter sich stets zwischen 1800 bis2000 bewegte, von denen ca. 365 auf die Eisengießereikamen. Das Aktienkapital beträgt jetzt 4^114,290 Mk.,wozu noch ein Anlehen (4°/<> Partial-Obligationen) von2'000,000 Mk. kommt.
Die Fabrik beschäftigt sich mit der Construction vonBuchdruckmaschinen, dem Bau von Turbinen und Dampf-maschinen, von Kälte-Erzeugungsmaschinen für Eis-fabriration, Wasser- und Luftkühlung. Mit diesen Er-zeugnissen innig zusammenhängend wurde der Bau vonTransmissionen, Pumpen, hydraulischen Pressen, mechani-schen Aufzügen rc. gepflegt, ja sogar großartige eiserneBrücken (über den Lech und anderweit) sind in der Ma-schinenfabrik Augsburg ausgeführt worden, so daß dieJahresproduktion der Fabrik das gewaltige Gewicht von3'750,000 Kilogramm liefert. Die Zahl der gebautenSchnellpressen aller Größen kommt heute der Ziffer 4400nahe. Besonders hervorzuheben sind zwei große, neueMaschinen, welche aus der Fabrik hervorgegangen: dieMehrfarbendruckmaschine für fünf Farben und die Zwillings-Rotationsmaschine. Die Leistungsfähigkeit der ersteren be-trägt 6000—8000 Bogen in der Stunde, bei einemFormat von 840X670 ram. Papiergröße, je nach derGüte der zu liefernden Arbeit. Zwillings-Rotationsmaschinenbaute die Fabrik im Ganzen bis jetzt 21.
Dieser ganze großartige Industriebetrieb bewegt sichin einem Komplex von Gebäuden, deren Ausdehnung natür-lich die verschiedenartigste, je ihrem Zweck entsprechendeist, und zwischen und in denen der Verkehr durch gelegteSchienengeleise erleichtert wird.
Das eigentliche allbewegende Leben aber wird derganzen Anlage eingehaucht in einem links vom Fabrik-eingange gelegenen Hause. In demselben befinden sichdie Direktions- und Comptoirlokalitäten nebst den Sälenfür die technischen Bureaux mit ihren mächtigen Zeich-nungstischen, dem entsprechenden kaufmännischen und tech-nischen Personal rc.
Tritt man in eine oder die andere der ungeheurenWerkstätten, so wird man unwillkürlich überrascht sein durchdie fast sinnverwirrende Großartigkeit des sich bietenden An-