Ausgabe 
(24.7.1894) 60
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was hoffnungslose Liebe ist. So schien.es ihr, als wäredas Lied die hervorbrechende Stimme ihrer eigenen Be-kümmernisse. Das Gefühl, womit sie sang, der Ausdruck,den sie jeder Note gab, quoll aus den innersten Tiefenihrer Seele hervor, und bei den Worten:Ist das Herzgeleert, wird's nie mehr voll," mutzte sie ihre ganze Fas-sung zusammennehmen, um nicht in Thränen auszubrechen.

Obwohl ihr ganzes Empfinden, während sie sang,in dem Liede aufging, so irrte ihr Blick doch dann undwann zu dem Oelporträt einer schönen jungen Frau em-por, welches über dem Pianino hing, und unwillkürlichdrängte sich ihr dieWahrnehmung auf,daß einzelne Züge die-ses Gesichtes an Mait-land erinnerten. Hättesie ihn beobachten kön-nen, wie er, ihr zu-hörend, in der dunkel-sten Ecke saß, so würdesie gesehen haben, wieseinAuge mit unwider-stehlicher Gewalt vondemPorträt angezogenwurde, und hätte sie sichin sein Inneres ver-setzen können, so würdesie erkannt haben, wieihr Gesang angesichtsdieses Bildes gleich derStimme eines Engelsauf ihn wirkte, dereinem gefallenenGeistezusang, und, trauerndüber dessen Herab-würdigung, das Er-glühen der Scham aufseine Wangen rief.

Wenn etwas ge-eignet war, inMait-land die verborgenstenTiefen seiner Gefühleaufzuwühlen, so wares dieses Haus, diesesZimmer mit jenemBilde. Er wußte vondem Mädchen, welchesihn hereingeführt hattedaß es die verstorbeneGemahlin Teßner'svorstellte, dessen da-neben hängendes Por-trät dasjenige ihresVaters hätte sein können. Er hatte, während er hier allein war,davor gestanden wie vor einem Heiligenbilde und dannin unsäglichem Seelenschmcrz die Augen mit der Handbedeckt. Was wohl mochte ihm diese Frau sein, ihm, derwohl ihren Namen gekannt, wohl gewußt hatte, daß sieeinst in diesen Räumen gewaltet, aber erst seit heutewußte, wie sie ausgesehen?

Als Melanie mit dem Liede zu Ende war, wurdeder Hausherr herausgerufen, und Melanie sah sich mitMaitland allein. Sie beobachtete plötzlich eine nervöseUnruhe an ihm. Der kaltblütige Mann fühlte sich in

einem Grade erschüttert, wie nie zuvor in seinem ganzenLeben. Aber seine Leidenschaft war stärker als alles an-dere in ihm; er schalt sich einen Schwächling und tratentschlossen auf Melanie zu.Mein liebes Fräulein,"sagte er,ich wünschte nur einige Minuten allein mitIhnen sprechen zu können."

Gewiß betrifft es meinen Bruder," antwortete siebesorgt.Haben Sie mir etwas Schlimmes über ihn mit-zutheilen?"

Maitland wollte ihre Einbildungskraft in Aufregungerhalten und erwiderte:O, nichts Schlimmes eigentlich,

aber doch etwas vongroßer Wichtigkeit."

O, bitte, könnenSie mir es nicht jetztsagen?" fragte sieängstlich.

Aber noch ehe ereine Antwort gebenkonnte, kam Teßnerschon wiederzurück undverließ das Zimmernicht mehr.

Es war spät ge-worden, und Melanieerhob sich endlich, umsich zur Ruhe zu be-geben.

Maitland blieb mitdem Hausherrn nochein Viertelstündchensitzen, dann wurdeauch er nach seinemim ersten Stock ge-legenen Zimmer ge-führt.

Während dasDienst-mädchen noch beschäf-tigt war, die Fenster-rouleaux herab zulassen und eine Ka-raffe mit Wasser zubringen, riß Maitlandein leeres Blatt ausdem Notizbuche seinerBrieftasche, nahm denBleistift zur Hand undsetzte sich vordemTischeauf einen Stuhl, umzu schreiben.

Hah l" rief er plötz-lich,schon wieder dasBild!"

Einen Augenblick nachsinnend über das, was erschreiben wollte, hatte er den Kopf erhoben, und dabeiwar sein Blick auf eine große Photographie gefallen,welche gerade vor ihm über dem auf der andern Seitedes Tisches stehenden Sophn hing. Dasselbe Antlitz,welches eine so gcheimnißvolle Macht auf ihn ausgeübt,blickte wieder auf ihn herab. Nur trug es auf dieserverblaßten Photographie noch mädchenhafte Züge.

Der Stift, den er eben zum Schreiben hatte an-setzen wollen, war seiner Hand entsunken. Was wollteer thun? Er war im Begriff, zerstörend in das Leben

Hungrige Gäste. Orignalzeichnung von E. Ravel