Ausgabe 
(24.7.1894) 60
Seite
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Sie werden es noch erfahren," antwortete Teßnerzugeknöpft.Vor allen Dingen schreiben Sie an IhrenBruder, daß er sofort zurückkommt."

Die Mittheilungen des Advokaten erfüllten Melaniemit Freude und Hoffnung, aber mehr um ihres Brudersals um ihrer selbst willen. Mit ihrer lebhaften Phantasievergegenwärtigte sich daS arglose Mädchen, wie Edmund,in günstige Vermögensverhältnisse versetzt, sich in der glück-lichen Lage befinden werde, etwas für seine zerrütteteGesundheit zu thun. Freilich dachte sie auch an sich selbst:sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß es eineGenugthuung für sie sein würde, dem Baron v. Sturenals eine Gleichberechtigte im weltlichen Besitz zu begegnen.Aber eine Stimme flüsterte ihr zu, in ihrer Brust könnenie ein Gefühl von Stolz gegen ihn Raum finden. O Ihätte er sie doch nur lieben können, wie gern wäre sievon seiner Güte in allen Dingen abhängig gewesen. Aberach l sie war zu schmerzlichem Verzicht verurtheilt, undein schwerer Seufzer hob ihre Brust.

XXIV.

Als der Gutsherr mit seiner jungen Begleiterin heim-kehrte, hielt vor dem Herrenhause eine Miethskutsche ausder Kreisstadt. In dem geräumigen Parterregemach, welchesals Salon und Empfangszimmer diente, erhob sich einvornehm gekleideter Herr von einem Sessel und trat, denHut in der Hand, den beiden Ankömmlingen grüßend ent-gegen. Teßner erwiderte den Gruß, blieb aber, nachdemer den Fremden näher in's Auge gefaßt, plötzlich stehenund maß ihn mit einem so finsteren Blicke, als habe erseinen schlimmsten Feind vor sich.

Melaniens überraschter Ausruf:Herr Maitland!"löste jedoch diesen Bann schon in der nächsten Secunde.Offenbar hatte sich der Gutsherr über die Person seinesBesuchers, vielleicht getäuscht durch eine Aehnlichkeit, imIrrthum befunden.

Maitland nahm eine erstaunte Miene an, FräuleinRettberg hier zu treffen. Er verdanke diesen glücklichenZufall einer Geschäftsangelegenheit, die ihn hierherführe,dann wandte er sich von Melanie an den alten Herrn,er habe gehört, daß Herr Teßner sein Gut mit vortreff-licher Jagdgelegenheit verkaufen wolle, und da er aufein derartiges Besttzthum reflectire, so habe er sich er-laubt, heute vorzusprechen, um die Kaussbedingungen ken-nen zu lernen.

Melanie wollte sich entfernen, um die Verhandlungennicht durch ihre Gegenwart zu stören, wurde aber vonMaitland mit so überredenden Worten zu bleiben gebeten,daß es unhöflich gewesen wäre, auf ihrem Vorsätze zubestehen.

Teßners Gesicht hatte sich zu einem holdseligen Lächelnaufgeheitert.Ja, es ist so," sagte er,ich beabsichtige,wegen meines zunehmenden Alters mein Gut zu verkaufenund wieder in die Stadt zu ziehen." Er ließ nicht un-erwähnt, daß vor einigen Tagen bereits ein Kauflustigerdagewesen sei, ein großer, ältlicher Herr, und begann dieVorzüge des Guts in einer Weise zu rühmen, als fändesich in der ganzen Mark Brandenburg keine zweite Ge-legenheit zu einer gleich günstigen Kapitalanlage.

Maitland schien hoch erfreut über diese Mittheilungen.Ich bedaure nur," bemerkte er,daß es jetzt zu spätist, um die Liegenschaften zu besichtigen. Ich werde mirdaher erlauben, morgen wieder zu kommen. Da dasWirthshaus im Dorfe sehr schlecht ist, wie mir mein

Kutscher sagte, so will ich vollends bis Polkwitz weiter-fahren, wo man ein gutes Nachtquartier finden soll. Auchstehen dort ebenfalls zwei Güter zum Verkauf, die ichmorgen Vormittag in Augenschein nehmen kann, ehe ichzurückkomme."

Maitland hatte sich in der Kreisstadt über allesunterrichtet. Dort war ihm nicht nur gesagt worden, daßTeßner schon lange einen Käufer für Göllnitz suche, wasden Vorwand zu dem Besuche liefern mußte, sondern erhatte auch von den beiden Gütern in Polkwitz gehört,welche viel preiswürdiger waren, als die Teßner'sche Be-sitzung.

Das letztere wußte Teßner wohl, und deßhalb boter alles auf, seinen Gast von der Weiterreise abzubringen,und lud ihn in zuvorkommendster Weise ein, bei ihmüber Nacht zu bleiben.

Das war es eben, was Maitland hatte erreichenwollen, und nach einigen lauen Einwendungen nahm erdie Einladung an und schickte den Lohnkutscher nach derStadt zurück.

Teßner ließ ein opulentes Abendbrod auftragen undsetzte dem Gaste die beste Marke seines Weinkellers vor,wobei Melanie die graziöse Wirthin machte. Als sie diefreiwillig übernommenen Pflichten erfüllt hatte, nahmMaitland an ihrer Seite Platz und bot all seine Be-zauberungskünste auf, welche bekanntlich nicht gering waren.

In Maitland's Benehmen und Unterhaltung lag einebestechende Mischung von Scherz und Liebe, ein Anstrichvon Stolz, der sich schmiegt, um zu gefallen, und im Be-wußtsein seiner geistigen Ueberlegenheit nachgiebt; es lagdarin eine Verbindung von allem, was besticht und ge-winnt. Aber alles dies brachte auf Melanie Rettbergkeine Wirkung hervor, denn sie trug die Liebe zu einemAnderen im Herzen.

Maitland fühlte sehr wohl, daß alle seine Künste anihr abprallten, er wußte auch, wer darin den Platz ein-nahm, welchen er gern selbst besessen hätte, aber geradedas machte ihm das Mädchen nur um so begehrenswerther.Hier gab es etwas zu überwinden, und er wollte, er mußtediesen Sieg davontragen.

Doch läßt sich nicht leugnen, daß ihn Melanie füreinen der angenehmsten Gesellschafter hielt, ja, sie wurdedurch seine Unterhaltung so angeregt, daß sie sich über-reden ließ, das im Zimmer stehende Pianino zu öffnenund etwas zu singen. Teßner nannte ein Lied, welcheser oft von Feltcitas hörte. Auch Melanie kannte es; infrüheren Tagen, wo sie noch ein Klavier besessen, hattees zu ihren Lieblingsliedern gehört. Sie setzte sich andas Pianino, und während sie mit sicheren Griffen dieBegleitung spielte, sang sie mit klangvoller Stimme:

Aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar;

O, wie liegt so weit, was mein einst war.

Was die Schwalbe sang, die den Herbst und Frühling bringt,Ob das Dorf entlang das jetzt noch klingt?

O. du Heimathflur, laß zu deinem sel'gen RaumMich noch einmal nur entflieh'n im Traum.

Als ich Abschied nahm, war die Welt mir voll so sehr,

Als ich wiederkam war alles leert

Wohl die Schwalbe kehrt und der leere Kasten schwoll,Ist das Herz geleert, wird's nie mehr voll.

Keine Schwalbe bringt dir zurück, wonach du weinst,

Doch die Schwalbe singt im Dorf, wie einst."

Seit Melanie dies ergreifende Volkslied zuletzt ge-sungen, war eine große Veränderung in ihr vorgegangen;sie hatte die Liebe kennen gelernt und hatte erfahren,