Ausgabe 
(24.7.1894) 60
Seite
457
 
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6V.

1894.

Nugsburger Postzeitung".

Dinstag, den 24. Juli

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Angsburg.

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr).

Äm Lanne alter Schuld.

Roman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

In Amerika? " fiel Teßner fast erschrocken ein.

Ja, in New-Iork, und dorthin ist mein Brudervor einigen Tagen über Bremerhaven abgereist."

Das trifft sich in der That unglücklich!" riefTeßner.Er muß zurückkehren," setzte er in sehr ent-schiedenem Tone hinzu,er muß sofort zurückkehren."

Warum muß er zurückkehren, Herr Teßner?"fragte Melanie erstaunt.

Warum?" wiederholte er, indem er seinen Schrittanhielt und vor dem verwirrten Mädchen Front machte.Warum? Weil Sie und Ihr Bruder die Erben einergroßen herrschaftlichen Besitzung sind, die sich gegenwärtigin der Hand eines Unberechtigten befindet."

Melanie starrte den Alten sprachlos an. Dannerschien ein ungläubiges Lächeln um ihren schönen kleinenMund.Sie treiben Ihren Scherz mit mir, Herr Teßner."

Ich scherze nie, mein liebes Fräulein," verwahrtesich der Gutsherr,ich bin auch nicht der Mann, der,Illusionen in Ihnen erwecken würde, sondern sehe dieSache mit dem nüchternen Auge des Juristen an. Glau-ben Sie mir, daß ich mich in dem Briefe an meineTochter nicht ohne triftigen Grund nach Ihren Familien-verhältniffen erkundigt habe. Es kann nichts Klareresgeben, als Ihr gutes Recht auf jene Besitzung, und des-halb sage ich: Ihr Bruder muß zurückkommen, um seineAnsprüche persönlich geltend zu machen." Er sprachnicht weiter über dieses Thema, sondern machte seineBegleiterin auf die Gegend aufmerksam. Als beide dannden Rückweg antraten und schweigend nebeneinander her-gingen, war es ihr, als habe sie das ganze Gesprächüber die Erbschaft geträumt.

Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Teßner,"begann sie endlich.Von welcher Seite sollte uns jenesErbe zufallen?"

Der ehemalige Advokat hätte nicht der habsüchtigeMann sein müssen, als welcher er weit und breit ver-schrieen war, wenn er bei der Sache nicht seine eigenegewinnsüchtige Speculation verfolgt hätte, die ihm inseinen Mittheilungen eine gewisse vorsichtige Zurückhalt-ung auferlegte, damit er den Haupttrumpf des Spielesin der Hand behielt.Frau von Baldeneck, Ihre Groß-mutter, war zu der'Erbschaft berechtigt," gab er nach

einigem Nachdenken zur Antwort,und da sie derselbenauf ungesetzliche Weise verlustig ging, ich aber in derLage bin, die rechtskräftigen Beweise ihrer Ansprüchebeizubringen, so gehen die letzteren auf Sie und IhrenBruder über, als die einzigen direkten Nachkommen, dienoch leben."

Es ist doch sonderbar, daß meine Eltern hiervonnichts gewußt zu haben scheinen," bemerkte Melanie.

Wie die Verhältnisse lagen, hatte Frau von Bal-deneck selbst so wenig Aussicht, Erbin zu werden, daßsie es wahrscheinlich nicht der Mühe werth fand, mitihrer Familie darüber zu reden. Erst spätere Ereignisseänderten die Sachlage zu ihren Gunsten. Kurz nach-dem sie hiervon Kenntniß erhalten, starb sie. WennIhre Eltern und in erster Reihe Ihre Mutter von ihrerErbberechtigung nichts gewußt haben, so hat Frau vonBaldeneck entweder keine voreiligen Hoffnungen erweckenwollen oder der Tod hat sie überrascht." Er schwieg.Seine Begleiterin war sehr nachdenklich geworden. Da-bei begegnete sein Auge wiederholt ihrem schüchtern fra-genden Blicke, als habe sie etwas auf dem Herzen, wassie nicht auszusprechen wage.

Ich glaube Ihre Gedanken zu errathen," sagte er.Sie Meinen, liebes Fräulein, daß ich, als wohlunter-richteter Mitwisser der Erbschaftsangelegenheit, Ihre Elterndavon hätte verständigen können und sollen. Allerdingswußte ich aus den Briefen Ihrer Großmutter, daß sieeine Tochter habe, die an einen Mann Namens Rettbcrgverheirathet sei. Wo diese Tochter aber wohne und wasihr Mann sei, war mir unbekannt. Ich erfuhr den TodIhrer Großmutter zu spät, um mich mit Erfolg nach IhrenAngehörigen erkundigen zu können. Die Leute, die mirdarüber vielleicht Auskunft zu geben vermochten, warennicht mehr ausfindig zu machen."

Mein Vater war beim Tode der GroßmutterGymnasiallehrer in Königsberg," belehrte Melanie,undspäter wurde er nach Berlin versetzt. Die Eltern hattendie Großmutter wiederholt zu bestimmen gesucht, zu ihnenzu kommen. Aber sie fürchtete, ihnen zur Last zu fallen,sie liebte auch die Unabhängigkeit, und die kleine Pension,die sie bezog, genügte für ihre Bedürfnisse. Würden Siemir jetzt noch eine Frage beantworten?"

Herzlich gern, mein liebes Fräulein, wenn es inmeiner Macht steht."

Wer ist der gegenwärtige Inhaber jenes Befitzthums,auf welches mein Bruder und ich Anspruch haben?"