Ausgabe 
(20.7.1894) 59
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nehmen Ständen an, aus dem männlichen wie aus demfrommen Geschlechte; es ist wie ein Bekenntniß desGlaubens, daß die Herren ebenso gut wie die Damensehr große Rosenkränze mit Perlen und Kreuz um dieMitte geschlungen oder am Arme trugen, sogar mehrereMilitärs. Bei dem Anblicke der vor der Grotte sichversammelnden Menge drängt sich die Erwägung auf,wie durch die Religion der Geist der innigsten christ-lichen Liebe geweckt, das Band der vollkommenen Ein-heit um die Angebörigen der verschiedensten Nationenund Stünde geschlungen wird; sieht man hier nebendem reichen, vornehmen Herrn den Landmann, an derSeite der noblen Dame die ärmlich gekleidete Hirtin,Kinder aller Nationen in Andacht vereint, so fühlt man,wie uns das Christenthum zu Gliedern einer Familie,zu Kindern einer gemeinsamen Mutter gemacht hat; mansteht erfüllt, was die HI. Jungfrau Maria voraussagte:Blich werden selig preisen alle Geschlechter!" Mandenkt hier an den Himmel, wo noch mehr als hieralleThränen abgewischt", alle Unterschiede der Nationalüätund der Stünde beseitigt werden. Man kann hiermit Inbrunst und Andacht beten, wie an wenig andernheiligen Orten; diese feierliche Stille, das Wildromantischedes FelscuS, das Rauschen des vorübereilenden Flusses,über sich das blaue Himmelsgewölbe, der Anblick derbetenden Menge, Alle unverwandt das Auge auf dieStatue der Mutter Gottes gerichtet, die Hände andächtighaltend oder ausbreitend und stundenlang knieend,der Gedanke: dort in der so nahe vor mir sich öffnendenFelsen-Nische hat sich die Mutter Gottes so oft gezeigt,da stand sie in herrlichem Lichtglanze, die reinen jung-fräulichen Füße der Königin der Engel haben diesenirdischen Felsen berührt, ihre himmlische Stimme wardhier vernommen, hier neigte sich der Himmel zur Erdeherab, zum sündhaften Menschengeschlechte, all dießmuß die Beter mit heiliger Ehrfurcht erfüllen und zumBeten drängen. Selbst nicht im heiligen Hause zu Loreto oder an den Gräbern der Apostelfürsten habe ich eineso große Menschenmenge so innig beten gesehen wie hier,wo Maria ihren Gnadenthron aufgeschlagen hat, uns zutrösten, zu heilen, zu erhören!

Um gnädig erhört zu werben, ist aber Buße er-forderlich, darum pflegen alle Pilger zu beichten und zucommuniciren; diese täglichen General-Communionen ander Grotte während und nach den hl. Messen gehörtenzu den Glanzpunkten unserer Wallfahrt.

Abends 8 Uhr war Abschiedsandacht in der Basilika.In unbeschreiblichem Lichtglanze erstrahlte diese mächtigeKirche. An den vielen, zum Theil sehr großenLustres brannten Hunderte von Kerzen, welche aufeigenthümliche Art angezündet wurden. Es waren näm-lich alle Lustres und an denselben auch wieder eine jedeKerze durch eine Zündschnur mit einander verbunden.Als das Ende dieser Schnur angezündet war, eilte derFunke unendlich rasch von einem Lustre und von einerKerze zur andern, bis in kurzer Frist das ganze Licht-meer dem geblendeten Auge entgegenschimmerte.

Der deutsche Missionär k. Asprion, aus Hohen-zollern gebürtig, hielt eine herzliche Abschiedsrede, indemer den Eifer und die Andacht der Pilger belobte, dieMänner und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen zurgetreuen Erfüllung der Standespflichten aufforderte undzur beharrlichen Liebe, Andacht und Verehrung der un-befleckten allerseligsten Jungfrau Maria, zum fleißigen

Beten des hl. Rosenkranzes, zum Gebete für die Kircheund das deutsche Vaterland, und schließlich Alle demSegen und dem Schutze Mariens empfahl. Nachdemdie Devotionalien geweiht waren (täglich war hiefürGelegenheit), wurde der päpstliche Segen von dem Mis-sionär gespendet, dann das Sanctissimum ausgesetzt, dasDankliedGroßer Gott" und Salve Regina gesungenund nach einem deutschen Segenliede der sakramentaleSegen gespendet. Viele Opfer waren in den Troncgelegt worden, sowie einzelne Weihegeschenke, deren bisjetzt fast 10,000 seit 30 Jahren gespendet worden waren.Dahin gehören die goldenen und silbernen Gefäße, diefür den heiligen Dienst bestimmt sind, 60 kostbare Kelche,15 Ctborien, 7 Monstranzen, darunter eine als Kunst-werk ersten Ranges mit 1300 Diamanten, 4000 seltenenkostbaren Steinen, Rubinen, Amethysten, Topasen, kost-baren Perlen, 22 Sternen von Brillanten, welche dieGlorie der hl. Hostie umgeben, 12 Sterne von kleinenBrillanten, einen Nimbus zur Verherrlichung der MutterGottes bildend, ein Kunstwerk von Goldarbeit, Plastikund Email, woran der Künstler Calliot in Lyon mit33 auserwählten Arbeitern 4 Jahre gearbeitet hat.

Einiges wurde geopfert für den Altar der Deutschenin der Nosenkranzkirche, welcher 10,000 Frcs. kostet,wovon 6000 Frcs. gedeckt sind, 4000 Frcs. noch fehlen. Es folgte der letzte gemeinsame Gang zur Felsen-grotte um 9 Uhr Abends, wo Jeder das Abschiedsgebetaus seinem Pilgerbüchlein betete, nochmal rief:O Maria,Heil der Kranken, Zuflucht der Sünder, Trösterin derBetrübten, bitte für uns!" Welche Summe von Leidund Sorge, Trübsal und Bedrängniß, die in der Abschieds-stunde zu den Füßen der Helferin der Christen nieder-gelegt wurde! Nicht nur Frauen, sondern auch dieMänner sah man, die Augen voll Thränen, sich wieder-holt niederbeugen, den hl. Felsen küssen. Welcher Ortin der Welt, außer Kalvaria und dem hl. Grab zuJerusalem , übt solch unwiderstehlichen Eindruck aus aufdie Christensecle, als diese Felsenhöhle, welche die un-befleckte Jungfrau durch ihre wirkliche gnadenvolle Er-scheinung geheiligt hat; es ist, als ob man sich garnichttrennen könnte von diesem wunderbaren Orte! Und dochmuß es sein. Die Zeit drängt! Wir müssen wiederheim in unser theures Vaterland, zu unsern Familien.So lebt denn wohl, ihr schönen Ufer des Gave, ihrmalerischen Landschaftsbilder, ihr Kapellen voll hehrerWeihe; lebe wohl, du neues Jerusalem, du Fürsten-tempel der Königin des Himmels und der Erde, wirhaben deine Pracht geschaut, die Lichterkronen, habendeine Gnade gekostet. Lebe wohl, du unvergeßliche Grottemit deiner Wunderguelle, deinen Kerzen, Pyramiden,deinen vielen Weihegaben. Lebe wohl, Maria, ohne Sündeempfangen, auf Wiedersehen im Himmel! Das Kindmuß scheiden von der Mutter, in deren Nähe es tagelangweilte, das Herz blieb bei ihr zurück!

(Schluß folgt.)

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Auflösung des Arithmogripbs in Nr. 57:

Jura, Aarau , Narr, Unna, Anna, Naja. Januar.

Auflösung des Bilder-Räthsels in Nr. 68:

Handelsvertrag.