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von der Fahrstraße her, die sich am Waldrande hinzog,den Hufschlag eines scharftrabenden Pferdes vernahm.Ihr Herz pochte bei diesem Tone, dessen kurzer, flotterAnschlag offenbar auf einen Reiter schließen ließ, dennsie dachte, es könne Wolfgang sein. Die Liebe ist ebensoschnell mit Hoffnungen wie mit Befürchtungen bei derHand, und obwohl der Gedanke an Wolfgang sehrnatürlich war, verwarf sie ihn doch schon im nächstenAugenblicke als eine eitle Selbsttäuschung, denn er hatteihr erst vor wenigen Tagen von seinem schlesischen Guteaus geschrieben, ohne ein Wort über die Zeit seinerRückreise zu erwähnen. Dennoch verließ sie den Fuß-pfad und schlug die Richtung nach der Straße ein.
Durfte sie ihren Augen trauen? Ja, es war derGeliebte. Auf demselben prächtigen Renner, mit demer damals über den Zaun seines Parkes gesetzt war,wollte er eben an ihr vorüberjagen.
„Wolfgang! Wolfgang!"
Er kannte den süßen Wohllaut dieser Stimme sehrwohl, und wie er, sein Pferd mit einem Ruck zum Stehenbringend, den Blick seitwärts nach der Stelle wandte,von wo der Ruf erklungen, sah er eben die schlankeMädchengestalt in ihrem hellen Sommergewand wie eineWaldfee zwischen dem dunkeln Grün der Gebüsche her-vortreten. Im nächsten Augenblick war er vom Pferdeund Felicitas über den Graben gesprungen, und Wolf-gang drückte die Geliebte an sein Herz.
Während er das Pferd hinter sich am Zügel führte,wandelte sie an seiner Seite.
Wolfgang wollte Felicitas endlich die Seintge nennen,und um sein Schicksal zu erfahren, war er heute ge-kommen. Er wollte vor ihren Vater treten, um sich vonihm ihre Hand und die Zusage baldiger Verbindung zuerbitten.
Zwar hatte Teßner gegen Felicitas noch kein Wortgeäußert, welches darauf schließen ließ, er werde sichihrer Verbindung mit Wolfgang entschieden widersetzen.Er hatte über diesen Gegenstand vollkommenes Schwei-gen beobachtet; zwar war er etwas finster gewesen, aberFelicitas schrieb dies dem ihn betroffenen Verluste unddem körperlichen Unbehagen zu, über welches er klagte.Obgleich sie also nicht wußte, was sie eigentlich zu fürch-ten hätte, beschlich sie doch zuweilen ein Zweifel, derdas Gefühl der Freude dämpfte.
Jetzt bebte sie schüchtern zurück, das süße Geheim-niß ihrer Liebe einem Dritten enthüllen zu müssen, undgleichwohl widerstrebte es ihr auch, ihrem Vater dieEröffnung ihres Herzens noch länger vorzuenthalten.Wäre nicht dieses letztere Gefühl gewesen, so würde sieWolfgang zugeredet haben, noch einige Zeit geduldig zuwarten und nicht allzu hastig in die dunkle Zukunfthineinzustürmen, aber das Bewußtsein der Pflicht tratdazwischen, obgleich sie noch zögerte und sagte: „MeinVater ist noch immer über das ihn betroffene Unglücketwas verbittert und fühlt sich Unwohl. Auch fürchteich, wir werden gerade heute schwer Gelegenheit finden,mit ihm ungestört zu sprechen, da Melanie's Bruder beiihm ist."
„Melanie's Bruder?" wiederholte Wolfgang er-staunt. „Wie wäre das möglich? Ist er denn vonAmerika wieder zurückgekehrt?"
„Er und Mclanie haben Ansprüche auf ein bedeu-tendes Erbe, welches sich im unrechtmäßigen Besitz einesanderen befinden soll. Meinem Vater waren diese Ver-
hältnisse von einer früheren Rechtspraxis her bekannt,er wußte jedoch die gesetzlichen Erben nicht ausfindig zumachen, die er endlich in den beiden Geschwistern ent-deckt hat."
„Ob dieser Glücksfall von heilsamem Einfluß aufRettberg sein wird, möchte ich bezweifeln," bemerkteWolfgang. „Um der armen Melanie willen aber kannsich darüber niemand herzlicher freuen als ich. In wessenHänden befindet sich denn jetzt noch dieses streitige Ver-mögen?"
„Das weiß ich nicht, und Melanie weiß es ebensowenig," antwortete Felicitas. „Mein Vater und auchihr Bruder machen ihr vorläufig noch ein Geheimnißdaraus. Rettberg ist viel zwischen Berlin und Göllnitzunterwegs, und wenn er kommt, schließt er sich mitmeinem Vater ein. Melanie wundert sich selbst überdiese Geheimnißthuerei, da sie doch an dem Gegenständeebenso unmittelbar betheiligt ist wie ihr Bruder."
Beide hatten inzwischen das Dorf erreicht, wo derBaron im Gasthaus sein Pferd einstellte, um auf demWege nach dem Gute ungehindert mit Felicitas plau-dern zu können. Er bestand darauf, heute noch beiihrem Vater in aller Form um ihre Hand anzuhalten,und Felicitas gab nach, behielt sich jedoch vor, zuerstselbst mit ihrem Vater zu sprechen, damit dieser aufWolfgang's Werbung vorbereitet sei.
Sie erreichten das Gut. Melanie führte den Ge-liebten in den kleinen, an die Südseite des Herrenhausesstoßenden Blumengarten, wo er warten sollte, bis sieihn rufen werde.
„Gehen Sie, mein süßes Mädchen," flüsterte erihr zu, „und kehren Sie mit glückverkündender Mienezu mir zurück I" Er blickte ihr nach, bis sie um die Eckedes Hauses verschwand, und setzte sich dann in die unterdem Balconfenster gelegene Laube. Noch hatte er keinefünf Minuten gewartet, als sich Schritte vernehmenließen; es wurde auch gesprochen, aber er vermochte dieStimmen nicht zu unterscheiden. Sehr bald bemerkteer, daß die Personen sich nicht dem Garten näherten,sondern die Pappelallee betreten haben mußten. Erst inder Mitte derselben, wo die Ecke des Hauses sie nichtmehr verbarg, tauchten sie auf, und obwohl sie Wolf-gang den Rücken zukehrten, so erkannte er doch leichtMelanie und ihren Bruder. Sonst war ihm die Gegen-wart des liebenswürdigen, reizvollen Mädchens ein süßerGenuß gewesen, — jetzt wandte er sich nach der Laubezurück und verbarg sich in deren schattigem Grün, da-mit Melanie ihn, falls sie sich zufällig umwendete, nichtsehen sollte, denn er würde sich nicht in der Stimmungbefunden haben, mit ihr zu plaudern.
(Fortsetzung folgt.)
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8rüAii6i' ^ hlrme.
Ein Gedenkblatt zum 27. und 28. Juli 1794.
Von Frhrn. v. R.
INachdruck verboten.;
Nobespierre! Der Unbestechliche, Einzige, wie ihnseine Zeitgenossen nannten, der Mann mit dem Tugend-scheine und der Lügenmaske des Patriotismus, Meisterin der radikalen Verwerthung jakobinischer Nivellirungs-theorien, gleich unübertroffen an Heuchelei wie an Mord-lust, das Prototyp eines vollendeten Tyrannen I Sich derabsoluten Herrschaft zu bemächtigen, schlug er nieder, was