Ausgabe 
(31.7.1894) 62
Seite
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längeres Schweigen,daß mein Vater sich sehr unfreundlichgegen Wolfgang benahm, als wir uns zum ersten Malewiedersahen. Damals schrieb ich es dem Schreck zu,den er uns durch sein plötzliches Hervorbrechen aus demParke eingejagt hatte. Nun weiß ich zwar, daß meinVater leider von sehr unversöhnlichem Charakter ist,dennoch kann ich mir kaum denken, daß er ihm dieseKleinigkeit nachtragen sollte."

Wenn er dem Baron übel gesinnt ist," entgegnetedie Tante langsam und gedankenvoll,so liegt die Ursachedazu wohl viel weiter zurück. Ich weiß, daß er aufWolfgang's Vater nicht gut zu sprechen war. Er sahden Verkehr zwischen Dir und Wolfgang, als ihr nochKinder wäret, nicht gern, duldete ihn aber, weil er mirin meinem Hause keine Vorschriften machen konnte."

Du meinst also, Tante, daß ein alter Haß gegenWolfgang's Vater zu Grunde liegt? O, hättest Dumich vor diesem unseligen Hinderniß, welches ich plötzlichzwischen mich und Wolfgang treten sehe, doch gewarnt,ehe ich der Stimme meines Herzens Gehör gabt"

Mache Dir keine thörichten Skrupel, mein Kind l"beruhigte Frau von Prachwitz, das Haupt des bestürz-ten Mädchens an ihre Brust lehnend.

Hat Melanie richtig beobachtet, und Deine Rück-berufung stützt sich wirklich auf einen verjährten Groll,den Dein Vater gegen Wolfgang's Familie hegt, sowird das keine Rolle mehr spielen, wenn er hört, mitwelchen ernsten Absichten auf Dich der Baron sich trägt."

Man behauptet, die Liebe sei blind, und in Augen-blicken der Freude hat sie wirklich ein blödes Auge;aber bei dem ersten Kummer, der an sie herantritt,kommt ein prophetischer Geist über sie, welcher sie dasUnheil schon von fern sehen läßt, das nur zu oft aufihrem Rosenpfade lauert. So konnte auch Felicitas,trotz der Tröstungen ihrer Tante, eine düstere Ahnungnicht los werden.

Tante," sagte sie nach längerem Schweigen in natur-gemäßer Jdeenverbindung, mit leiser Stimme,auch Dusollst ja einst unglücklich geliebt haben! Deine Elternwaren adelsstolz, so viel ich weiß, und wollten Dich dembürgerlichen Manne, den Du liebtest, nicht geben. Dugehorchtest ihnen und entsagtest dem Theuersten, was dieWelt für Dich hatte."

Mein Fall war ein ganz anderer als der Deinige,"erwiderte Frau von Prachwitz mit einem leisen Lächeln,daß Felicitas sich bereits zu einer so tragischen Nutzan-wendung auf sich selbst verstieg.Allerdings ging dasGerücht, daß meine Heirath an dem aristokratischen Hoch-muth meiner Eltern gescheitert sei, aber in Wahrheitverhielt es sich ganz anders, liebes Kind. Mein Vaterstand vor seinem Ruin. Er hatte mit seinem Vermögenfür seinen besten Freund gutgesagt, und dieserFreund betrog ihn. Ein älterer, sehr vermögenderKavalier mein späterer Gatte bewarb sich schonlängst um meine Hand. Ich mußte meinen Vater rettenund that es im vollen Einverständniß mit meinem Ge-liebten, der damals ein unbemittelter Mann war."

Arme Tante!" rief Felicitas, ihren Arm um djeernst bewegte Frau schlingend,wäre ich nicht in diesertrübseligen Welt erschienen, so gehörte das VermögenDir, um welches Du durch meine Geburt beraubt wur-dest und Du hättest den Mann Deiner Herzenswahlheirathen können. Wie große Ursache hättest Du gehabt,

mir zu grollen, und dennoch hast Du für mich stets nurLiebe gehabt!"

Was konntest Du armer Wurm denn dafür?"lächelte Frau von Prachwitz, Felicitas zärtlich auf dieStirn küssend.Und verhinderte Deine Geburt nichteine schreiende Ungerechtigkeit gegen Deine Mutter, wel-cher man das ihr gebührende Erbe entziehen wollte, umes mir zuzuwenden, die mit der Familie nur in ent-ferntem Grade verwandt war?"

Ich bin über diese Verhältnisse nicht unterrichtet,denn meine Mutter starb als ich noch im kindlichen Alterstand, und mein Vater hat sich darüber nie ausgespro-chen. War denn meine Mutter mit ihren Eltern zer-fallen?"

Nein, denn sie verlor beide sehr früh. DasVermögen stammte vom Großvater Deiner Mutter unddieser hatte sie in seinem Testamente zu meinen Gunstenenterbt."

Was mag da wohl zwischen beiden vorgekommensein?" meinte Felicitas mit einem Seufzer.Sollteetwa ihre Heirath mit meinem Vater gegen den groß-väterlichen Willen geschehen sein?"

Ganz im Gegentheil," versetzte die Tante.Es warsogar des Großvaters Wunsch, daß sie den um viele Jahreälteren Mann heirathete, und nur unter dieser Beding-ung änderte der Großvater sein Testament dahin ab,daß Deine Mutter wenigstens die Nutznießung des Ver-mögens erhielt, dieses selbst aber auf die Kinder oder,wenn die Ehe kinderlos blieb, auf mich übergehen sollte."

Immerhin läßt diese Reserve auf einen starkenGroll gegen meine Mutter schließen," bemerkte Felicitas.

Was die Ursache gewesen sein könnte, weiß ichnicht; als Deine Mutter heirathete, war ich noch sehrjung, und sie selbst hat sich gegen mich niemals darübergeäußert."

Die beiden Damen wurden in ihrem Gesprächedurch die Ankunft des Barons von Sturen unterbrochen,welcher sie zu einem Spaziergange abholen wollte.

Natürlich war Wolfgang sehr unangenehm über-rascht, als er vernahm, daß die Damen, statt sich zu dergewohnten Morgenpromenade fertig zu machen, an's Ein-packen ihrer Neisekoffer dachten. Felicitas verschwieg ihmihre Befürchtungen; sie erzählte ihm nur von dem Ein-bruch in Göllnitz und fügte hinzu, daß ihr Vater seineTochter bei sich zu haben wünsche, da seine Gesundheitschon seit Jahren nicht die beste sei und das Ereignißihn angegriffen habe.

Frau von Prachwitz wollte ohne Felicitas nicht hierbleiben. Sie hatte beschlossen, nach Berlin zurückzukeh-ren, und da mit der Abreise der Geliebten der Aufent-halt auf der Insel auch für den Baron seinen Haupt-reiz einbüßen mußte, so begleitete er die Damen bisBerlin und reiste von dort direct nach seinem schlesischenGute weiter,' dem er schon längst einen Besuch schul-dig war.

XXIX.

Einige Wochen waren verflossen, als an einemfreundlichen Nachmittage Felicitas Teßner auf schattigemWaldpfade dahin wandelte. Sie hatte im Dorfe Göllnitzein paar Besuche bei armen Leuten gemacht, welche siein hilfsbedürftiger Lage mit Rath und That unterstützte,und war dann noch ein gutes Stück über das Dorfhinausgegangen, um den harzigen Waldduft einzuathmen.Eben dachte sie daran, den Rückweg anzutreten, als sie