Ausgabe 
(31.7.1894) 62
Seite
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Dieses'Gefühl der Befriedigung wurde noch durchdie unerwartete Rückkehr Melanie's erhöht. AIs Teßnersich von seinem ersten Schrecken erholt, hatte ihn ihrVerschwinden mehr und mehr beunruhigt, denu Melanieebensowohl wie ihr Bruder galten ihm als ein glücklicherFang, welchen er, im alleinigen Besitz des Geheimnisses,daß beide Anspruch auf ein großes Vermögen hatten,nach Möglichkeit auszubeuten gedachte. Hätte er umMelanie's Leben fürchten müssen, so wäre ihm leichtauch die Fühlung mit ihrem Bruder verloren gegangen,dessen Aufenthalt er nicht kannte. Nun war die Ver-mißte glücklich zurückgekehrt, und er begrüßte sie mitunverhohlener Freude.

Melanie hatte noch nicht Zeit gehabt, ihm ihr Aben-teuer zu erzählen, als auch schon in einem Miethfuhr-werke ein Polizeicommissär mit mehreren Unterbeamtenaus der Kreisstadt eintraf, um den Thatbestand auf-zunehmen und die Aussagen der Gutsbewohner zu Proto-koll zu bringen. Melanie berichtete auf die an sie ge-stellten Fragen die Erlebnisse dieser Nacht der Wahrheitgetreu, verschwieg aber alles, wodurch sie Rölling Hütteverrathen können.

Nach den übereinstimmenden Angaben des HerrnMailland und des Herrn Teßner ist einer der Einbrecherein Mann von ungewöhnlicher Körpergröße gewesen,"bemerkte der Commissär,auch haben sich am gestrigenTage in der Stadt zwei Individuen von sehr verdächtigemAussehen herumgetrieben, von denen das eine ebenfallsdurch seine Größe aufgefallen ist. Getrauen Sie sich,diesen Mann wieder zu erkennen?

Ich muß hierüber jede Auskunft ablehnen," ent-gegnete Melanie ohne weiteres Bedenken.

Warum?" fragte der Beamte verwundert.

Weil ich gerade diesem Manne mein Leben ver-danke. Nur das Versprechen, nie ein Wort zu sagen,welches zu seiner Erkennung führen könne, rettete mich."

Aber bedenken Sie doch, Fräulein," entgegnete derCommissär überrascht,daß ein unter Drohungen undEinschüchterungen abgepreßtes Versprechen vor keinemGesetze der Welt anerkannt wird!"

Ich habe es hier nicht mit dem Gesetze, sondernnur mit meinem Gewissen zuthun," entgegnete Melanie.Der Mann, der mein Leben schonte, vertraute meinemWorte, und ich werde mich von einem Verbrecher nichtbeschämen lassen."

Der Commissär lächelte kalt.Das Gesetz hat imvorliegenden Falle mit der Gewissensfrage nichts zu thun,wohl aber besitzt es die Mittel, Ihren Widerstand zubrechen. Sie werden als Zeugin vor Gericht erscheinenund darauf vereidigt werden, daß Sie die Wahrheitsagen."

Ich werde vor Gericht ebenso wenig die Unwahrheitsagen, Herr Commissär, wie jetzt. Ich werde nur schweigen,wo mein Gewissen mir das Reden verbietet."

Der Beamte schüttelte bedenklich den Kopf; daMelanie aber bei ihrem Entschlüsse beharrte, so bliebihm nichts anderes übrig, als ihre Weigerung ebenfallszu Protokoll zu nehmen und das Uebrige dem Richterzu überlassen.

So wenig das starre Festhalten Melanie's an ihremVersprechen in dem Interesse des bestohlenen Gutsherrnlag, so verlor dieser doch kein Wort darüber. Er wünschtealles zu vermeiden, was sein Verhältniß zu ihr trübenkonnte.

An demselben Tage schickte Maitland das entlieheneReitpferd zurück. Er hatte dem Boten zugleich. ein Billetmitgegeben des Inhalts, daß er von dem beabsichtigtenKaufe zurücktrete, nachdem er sich in vergangener Nachtvon den Nachtheilen und Gefahren der Unsicherheit derGegend und der Abgelegenheit des Gutes habe über-zeugen müssen.

* *

*

Die wenigen Tage, welche Feltcitas mit ihrer Tanteund dem Baron von Sturen in dem Rügenschen See-bade Saßnitz bisher verlebt hatte, waren wie ein glück-licher Traum gewesen.

Aber solche Tage heiterer Hoffnung gleichen nur zuoft dem glänzenden Morgen des tropischen Klimas, womitten an einem zuvor ganz fleckenlosen, lachenden Him-mel sich plötzlich ein kleines dunkles Wölkchen zeigt, umsich binnen weniger Stunden schwarz und drohend überden ganzen Horizont auszubreiten und Zerstörung undJammer herabzusenden.

Das unscheinbare Wölkchen war ein Brief, denFelicitas eines Morgens von ihrem Vater empfing. Be-greiflicher Weise erschrak sie über die darin enthaltene Nach-richt von dem Einbruchsdiebstahl, aber noch viel mehr überden kurz angebundenen, gebieterischen Ton, in welchemsie aufgefordert wurde, ohne Verzug nach Hause zurück-zukehren. Sie begab sich sofort zu ihrer Tante, welchedas anstoßende Zimmer bewohnte, und während dieseTeßner's Brief las, durchflog Felicitas ein gleichzeitigempfangenes Schreiben Melanie's. Plötzlich begann dieHand, worin sie dasselbe hielt, heftig zu zittern undsank herab.

Frau von Prachwitz gab, während sie las, durchverschiedene Ausrufe ihre erstaunte Antheilnahme an demruchlosen Frevel zu erkennen, dessen nächtlicher Schauplatzdas Göllnitzer Herrenhaus gewesen war.Weshalb Dichaber Dein Vater mit so peremptorischen Worten nachHause ruft," sagte sie,begreife ich nicht; Deine Gegen-wart kann doch die Sache nicht ungeschehen machen!Aber was hast Du, Kind?" fragte sie aufblickend,Duzitterst ja und bist ganz blaß geworden I"

Da, lies, Tante, was Melanie über diesen Punktschreibt; das erklärt mir zur Genüge, weshalb meinVater auf meiner sofortigen Rückkehr besteht."

Felicitas reichte der Tante den Brief und deuteteauf eine Stelle darin, welche folgendermaßen lautete:Ich fürchte sehr, liebe Felicitas, daß mit diesen Zeilenzugleich ein Brief Ihres Vaters eintrifft, welcher Sienach Hause zurückruft, und ich mache mir die bitterstenVorwürfe, vielleicht die unschuldige Ursache zu sein, daßSie dem kaum erst genossenen herrlichen Aufenthalte ander Meeresküste und den Freunden, die Ihnen denselbenverschönern, so bald wieder entrückt werden sollen. IhrVater gab anfangs nicht die mindeste Absicht zu erkennen,Sie in Ihrem Vergnügen zu stören, änderte aber ganzplötzlich seinen Sinn. Es ist möglich, daß ich mich überdie Ursache täusche, aber verschweigen will ich Ihnennicht, daß dieser Rückschlag in dem Augenblicke eintraf,wo ich, ohne nur dabei etwas Schlimmes zu denken,ganz beiläufig die Aeußerung fallen ließ, daß sich HerrBaron von Sturen in Ihrer Gesellschaft befinde."

Die Tante schüttelte, als sie gelesen, den Kopf undwurde nachdenklich.

Ich erinnere mich wohl," unterbrach Felicitas ein