62 .
1894 .
„Augsburger postMung".
Dinstag, den 31. Juli
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabderr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).
Zm Banne alter Schuld.
(Fortsetzung.)
„O, ich weiß, was sie unbesiegbar macht," riefMattland, „Sie lieber, den Baron von Sturen. DerAdelstitel reizt Ihre weibliche Eitelkeit. Wäre mir zutheilgeworden, was mir nach dem einfachsten Rechte der Naturgebührt, so —" Er lachte wild auf. „Sehen Sie sichvor," zischte er, „ehe Sie meine Anerbietungen zurück-weisen, bedenken Sie wohl, daß das Schicksal IhresBruders, ja daß auch Ihr Schicksal, Melanie Nettberg,Ihr Ruf, auf den Sie so eitel pochen, in meinen Händenist. Wagen Sie es jetzt, mir zu trotzen, so soll dieWelt lachen und sagen: sie war Maitlands Geliebte,aber er ward ihrer überdrüssig und verstieß sie schonnach einem Tage! Ihr Schicksal, sage ich, so wie dasIhres Bruders steht in meiner Hand!"
„Mein Schicksal, mein Ruf in Ihrer Hand?" riefMelanie. „Ich kann es wohl verstehen, wenn Sie sagen,das Schicksal meines Bruders ruhe in Ihrer Hand; aberüber meinen Ruf haben Sie keine Macht. Sie würdender Welt eine große Lüge sagen, wenn Sie behauptenwollten, ich sei die Geliebte eines Mannes gewesen, denich hasse und verachte."
Sie hatte das Haupt hoch aufgerichtet, ihr Augeflammte, und Maitland fühlte, obgleich alle diese Zeichendes Zornes ihm galten, die Leidenschaft in seinem Herzennur noch stärker werden.
„Melanie," lenkte er in einen Ton ein, der halbscherzhaft war, „wenn Sie mir so trotzen, muß ich Ihnenbeweisen, daß ich nicht machtlos gedroht habe. ErinnernSie sich der Worte nicht mehr, mit denen Sie gesternAbend mein Billet beantworteten? Sie lauteten: „Ichstehe zu jeder Stunde, wo es Ihnen beliebt, zu IhrerVerfügung."
Melanie schien ein paar Augenblicke sprachlos vorUeberraschung, doch zeigte sich in ihrer Haltung nicht diemindeste Beimischung von Furcht.
„Sie sind ein Teufel!" rief sie. „Aber ich spotteIhrer satanischen Anschläge. Mein Ekel vor Ihrer Ge-sinnung ist so groß, wie mein Haß und meine Verachtung.Fielen Sie mir morgen zu Füßen mit Anträgen ebensorein und lauter, als die mir heute von Ihnen gestelltenschäm- und ehrlos sind, und wäre ich eine Bettlerin undmüßte von Haus zu Haus mein Brod suchen, so würde
ich Sie dennoch mit derselben Verachtung zurückstoßen,wie ich es jetzt thue!"
Kühn schritt sie an Maitland vorüber und zog dieKlingel.
In demselben Augenblicke öffnete sich die Thür unddie Wirthin erschien. Ihr wohlgenährtes Antlitz glühtewie Zinnober; sie schien vor Zorn geschwollen wie eingereizter Puterhahn.
„Sie sollen in meinem Hause nicht" beleidigt undbeschimpft werden, Fräulein!" rief sie, auf Melanie zu-eilend. „Verzeihen Sie, daß ich draußen gehorcht habe,aber als ich Ihnen den Namen dieses Herrn nannte,machten Sie eine so bestürzte Miene, und der Herr tratgleich so zudringlich in's Zimmer, daß ich bei mir dachte,es könnte nichts schaden, wenn ich in der Nähe bliebe.Er soll Sie nicht länger kränken!"
Melanie brach in Thränen aus. Die Wirthin,welche, außer in Geldsachen, eine ganz gute Frau war,nahm das heftig ergriffene Mädchen an der Hand undsagte, indem sie ihr sanft das goldene Haar streichelte,in mütterlichem Tone: „Seien Sie ruhig, mein liebesFräulein. Sie sind ein ehrbares, tugendhaftes Kind undverdienen, daß man sich Ihrer annimmt. Mein Mannwird Ihnen unten im Postbureau die Fahrkarte lösenund Sie bis Göllnitz begleiten, damit Ihnen unterwegskein Leid geschieht. — Und Sie, mein Herr," wandtesie sich herausfordernd an Maitland, „Sie werden gutthun, dieses Haus auf der Stelle von Ihrer Gegenwartzu befreien und sich zum Kuckuck zu schceren, sonst lasseich Sie die Treppe hinabwerfen. Verstehen Sie mich?"
„Fräulein Rettberg!" sagte Maitland mit vollerSelbstbeherrschung und ohne die Wirthin einer Erwiderungzu würdigen, „wir werden uns wiedersehen, wo Sieandern Sinnes sein werden."
„Niemals," rief Melanie, „niemals!"
Ohne weiter ein Wort zu verlieren, verließ Mait-land das Zimmer.
XXVIll.
Wenn dem Besitzer dcs Gutes Göllnitz in seinemJammer über den Verlust des Geldes und des Inhaltsseines Silberschrankes noch ein süßer Trost verbliebenwar, so bestand dieser darin, daß die Einbrecher eineheilige Scheu vor seinen Staats- und Börsenpapierenan den Tag gelegt hatten, welche den größten Theilseines beweglichen Vermögens bildeten und sich unversehrteim Kassenschranke vorfanden.