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nur Wenige zu entziehen vermochten. Die Nation seinemWillen gefügig zu machen, rechnete Robespierre mit einemFaktor, dessen sich die Despoten aller Zeiten stets mitsicherem Erfolge bedient hatten. Schrecken war die wir-kende Kraft, welche die Menge im Blutbanne des Nach-richters halten, die Geister lahmen, sie bis zur Willen-losigkeit Herabdrücken sollte.
?riiuu8 in orUo äsu8 68d tünaor I Also wurde mitjenem berüchtigten Reinigungswerke begonnen und demGange des Sanirungsprozesses ein durch die prekäre Lageder Republik bedingtes, beschleunigtes Tempo gegeben.Die Idee der Erneuerung der bürgerlichen Gesellschaftseines Vaterlandes im Wege ausgiebiger Blutentziehunghatte wohl Robespierre zuerst gefaßt und ihre Durch-führung als eine oonäitio oins c^ua non zur Diktaturallen anderen Erwägungen vorangestellt.
von Rechtmäßigkeit zu geben. Das Richteramt, welchesgewöhnlich der Straßenpöbel zu handhaben pflegte, wirdin die Hand des Revolutionstribunals gelegt, dessen Ver-fahren abgekürzt, Zeugenverhöre und Vertheidigung derAngeklagten, weil überflüssig, werden beseitigt. Der Wohl-fahrtsausschuß,*) in welchem Robespierre herrschte, hattebereits alle Gewalt zu sich hinübergezogen und dem er-niedrigten Konvent jede gesetzgeberische Initiative entrissen.In dumpfer Ergebung, gleich dem römischen Senate derManischen Zeit, horchte diese durch den Schrecken nieder-gehaltene Versammlung den Dictaten eines Mannes, dersich zu ihr in das Verhältniß des Herrn zum Sklavengesetzt, sich demnach allein das Recht der freien Meinungs-Aeußerung zuerkannt hatte. Wehe Dem, der es wagte,die Machtbefugnisse des Herrschers wegzuläugnen oder gardie Integrität**) dieses alleinigen souveränen Volks-
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Hohrnschwanga«.
Daß der Regenerator sein Heilverfahren, wie es derfürchterliche Cynismus jener Zeit nannte, nicht in demganzen von ihm gewallten Umfange praktiziren konnte,verdankte Frankreich jenen Blutmenschen, die, von ihremMeister bedroht, nur in dessen schnellem Untergang dieMöglichkeit eigener Rettung zu erblicken vermeinten. Sowurde denn das Bewußtsein der allzeit gegenwärtigen Ge-fahr für Leib und Leben das Hauptmoment der Angriffeauf Nobespierre, die Ursache seines endlichen Sturzes.
Mit dem Untergänge der Gironde, jenem heillosenTriumphe terroristrender Allgewalt über die PrincipienVergleichsweiser Mäßigung, war auch die letzteSchranke gefallen, die den grauenvollen Gang der Revo-lution aufhalten konnte, sie in andere Bahnen hätte lenkenkönnen. Hatten vordem Schwäche und Böswilligkeit derBehörden den fürchterlichen Metzeleien Vorschub geleistet,so gedachte man diesen jetzt durch das Gesetz gegen dieVerdächtigen, das ja auf Alle passen mochte, einen Schein
repräsentanten in Zweifel zu ziehen. In den Conflictzwischen den Forderungen der Pflicht und der Rücksicht-nahme persönlicher Sicherheit gedrängt, siegte der Selbst-erhaltungstrieb und führte in seinen Konsequenzen imSchooße des Konvents ebenso wie in ganz Frankreich zuden niederträchtigsten Handlungen. Bald blieben vielevon den Deputirten, sei es aus Unwille über die Rolle,die sie spielen sollten, oder weil sie, von Robespierre undseinem Anhange bedroht, sich der Verhaftnahme durch dieFlucht zu entziehen hofften, von den Sitzungen fern, derNest suchte durch feigeNachgiebigkeit, kriechende Schmeicheleiden Zorn des Gewaltigen zu besänftigen und stimmteallen jenen Vorschlägen bei, die der Wohlfahrtsausschuß
Wurde am 6. April 1793 mit der ausgedehnten Voll-macht errichtet,Gesetze zu geben und vollziehen zulassen.
**) Der Konvent hatte auf Marat's Vorschlag unter ge-wissen dehnbaren Einschränkungen seinen Mitgliedern dasPrivilegium der Unverletzbarkeit entzogen.