Ausgabe 
(31.7.1894) 62
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im wohlverstandenen Interesse seiner Machtfülle dem Kon-vente hatte zugehen lassen.

Gegen die steigende Macht Robespierre's und seinerKollegen erhob sich der Pariser Gemeinderath im erbit-terten, doch kurz geführten Kampfe. In ihm saßen vor-dem Robespierre und Marat und alle jene mordlustigenVerbrecher, welche die furchtbaren Ereignisse des 10. Aug.1792 vorbereitet, dann die gräßlichen Metzeleien der fol-genden Septembertage verschuldet hatten. Getragen vonder Gunst des Pöbels, die er als beste Stütze selbst-eigener Macht be-trachtete, war dieserGemeinderath derwahre Herr Frank-reichs geworden. Dergesetzgebenden Ver-sammlung, die ihm zit-ternd gehorchte, zwanger seinen Willen alsGesetz auf, Leben undEigenthum der Bürgerder Hauptstadt, dieWohlfahrt des ganzenLandes waren seinerschrankenlosen Willküranheimgegeben. DieWahlen im Herbst1792 brachten seineFührer in den Kon-vent, den Gemeinde-rath unter die Auf-sicht des Wohlfahrts-Ausschusses, dem esinzwischen gelungenwar, sich der ganzenRegierungsgewalt zubemächtigen. Es lagin der Verschiebungder Machtverhältnisse,in dem beiden TheilengleichenBestreben nachVolksbeherrschung,daß sie zu unversöhn-lichen Gegnern wur-den, den Kampf umihre Existenz auf Todund Leben führenmußten. Der Ge-meinderath, wähnend,die öffentliche Mei-nung, die sich gegen dieDictatur des Wohl-fahrts-Ausschussesrichtete, für sich zuhaben, rechnete in der Entscheidungsstunde zugleich aufseine alten Bundesgenossen, jene Mordbanden, die ihmbisher bei den blutigsten Vorgängen der Revolution stetszu Willen gewesen waren. Aber die Bürger der Haupt-stadt scheuten die Gewalt des Gemeinderaths ebenso, wiedie des Wohlfahrts-Ausschusses, welche jener, wäre erwieder in deren Besitz gekommen, gleich tyrannisch ge-braucht haben würde. Vergeblich rief der Gemeinderathdie sonst zu jedem Aufstande bereiten Pikenmänner vonSt. Antoine und Marceau, die er gegen den Konvent zu

führen gedachte, zu den Waffen. Sie waren von ihm ab-gefallen und hatten sich für den mächtigeren Rivalen er-klärt. Auf sich allein gestellt, unterlag der Gemeinderathdemselben Despotismus, dessen vorzüglicher Vertreter erselbst gewesen war. Am 13. März 1794 wurden seineHäupter mit noch 16 Anderen ihres Anhanges unter demVorwande einer Verschwörung gegen die Freiheit des Volkesauf Geheiß des Wohlfahrtsausschusses in Verhaft genom-men. Dem Nevolutionstribunale übergeben, wurden siesämmtlich zum Tode verurtheilt und den 24. März hin-gerichtet. Ihr Looswar ein wohlverdien-tes. Wetteifernd anGrausamkeit mit demWohlfahrtsausschuß,übertraf er diesen inallen Lastern, welchedie Menschennaturschänden, ihr dasBrandmal sittlicherVerderbtheit auf-drücken. Er hat denSanskülottismus je-ner Zeit geschaffen,seine Attribute be-stimmt und den scham-losesten Cynismus andie Stelle gesellschaft-licher Umgangsformengesetzt. JnkarnirterGegner des Gottglau-bens, den er scheute,weilerdemVerbrechensteuern konnte, ver-folgte er die Dienerder Kirche mit einerbis zum AberwitzgehendenWuth. SeineMitglieder, ihnen vor-an Hebert, Chaumette ,dann der Sprecher desMenschengeschlechts,Anacharsts Cloots,haben im November1793 durch ihre De-klaration vor dem Kon-vent den Atheismusglorificirt und jenen zudem verhängnißvollenBeschluß der Abschaf-fung des alten, durchtausendjährige Tradi-tion geheiligten Kul-tus der katholischenKirche gedrängt. Sie waren es vorzüglich, welche dieuntern Schichten des Volkes mit jenem Oifte durchseuchten,das, aus den Lehren des Materialismus gezogen, gleicheinem Fermente in rascher Gährung den moralischen Zer-setzungsprozeß bewirkte.*)

Noch war die Richtstätte von dem Blute der von

Am 10. November 1793 wurde zu Paris mit theatra-lischem Gepränge das Fest der Vernunft, d. i. des grobsinnlich-'nMaterialismus, gefeiert. Zur Versinnbildlichung diente eine aufden Altar des Vaterlandes gestellte Lustdirne.

Ue»schwanftcin.