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Ihnen und wundert sich, warum Sie uns nicht mehrbesuchen," versicherte sie.
„Ich will jetzt häufiger kommen. Meine freie Zeitsoll mich auf dem Wege zur Rosenvilla finden."
Während der ganzen halb ernsten, halb scherzenden,leise geführten Unterhaltung hatte Elsa Laube keinenBlick von dem Agenten und Helene abgewandt; undals am späten Abend die letzten Gäste das gastfreieHaus verließen und ein Licht nach dem anderen erlosch,eilte sie in ihr einsames kleines Schlafzimmer. Schluch-zend barg sie ihr Haupt in die schneeigen Kissen ihresLagers und weinte bitterlich über die Vergänglichkeitalles irdischen Glückes und über die gänzliche Vernichtungihres erdachten, kurzen Liebestraumes.
6. Kapitel.
Als Franz Burgfeld an jenem Abend nach derletzten Unterredung mit Martha im Restaurant alleinin seiner bescheidenen Wohnung saß und über die Un-beständigkeit des launenhaften Glückes grübelte, wollteer fast verzweifeln. Die Zukunft lag dunkel und fasthoffnungslos vor ihm. Aus seiner Stellung als Organistentlassen, dachte er gar nicht daran, sich einen ähnlichenWirkungskreis zu suchen; denn er mußte Martha Rechtgeben, die ihm offen erklärt hatte, daß seine Leistungenfür eine solche Stellung nicht genügten. Der Gedankean ihre treue Liebe war ihm ein Trost, und mit Bitter-keit gedachte er der Gattin seines alten Onkels, die esvermocht hatte, ihn aus dessen Gunst zu verdrängen.Er hatte ihn von Kindheit an wie einen Vater geliebt,ja er liebte ihn immer noch, und er entschloß sich, umseiner Geliebten willen, noch einmal einen Versuch zumachen, das alte frühere Verhältniß wieder herzustellen.Dann erst konnte er offen vor den alten Dr. Härtunghintreten, um die Hand der jüngsten Tochter bitten undihr eine glückliche Zukunft in Aussicht stellen.
„Für Sie, Herr Burgfeld," rief in diesem Augen-blick die Wirthin, die leise die Thür geöffnet hatte undjetzt ihrem Einwohner ein Telegramm entgegenhielt.
Franz Burgfeld erschrak. Hastig ergriff er das ver-hängnißvolle Schreiben und überflog die wenigen Worte:
„Komme sofort. Dein Onkel gefährlich erkrankt.Scharlachfieber. Keine Pflege. Edmund Normann."
Mehrere Minuten starrte der junge Mann auf dieunheilverkündende Botschaft; die Worte tanzten vorseinen Augen; doch gewaltsam zwang er sich zur Ruhe.Dann ließ er seine Wirthin kommen, bezahlte seineRechnung und theilte ihr seine nöthig gewordene Abreiseauf den folgenden Tag mit. Darauf nahm er seinenSchreibkasten und schrieb seiner Martha den Grundseiner plötzlichen Abreise. Er bat flehentlich um eineletzte kurze Unterredung im bekannten Restaurant amnächsten Vormittag, da er schon mit dem Mittagszugenach der nächsten Hafenstadt abfahren wolle.
Am folgenden Morgen, nachdem er seine wenigenHabseligkeiten zusammengepackt, schlug er den Weg nachder Wohnung des Dr. Härtung ein. Er wagte nicht,selbst das Haus zu betreten, denn die finstere, ältesteTochter Marie hatte schon Argwohn geschöpft und würdenie eine Zusammenkunft mit der Schwester gestattet haben.Geduldig ging er in der Nähe deS Hauses auf und ab,bis er endlich einen kleinen Metzgerlehrling sah, der,Fleisch herumtragend, gerade auf das Haus seiner Ge-liebten zuschritt.
Im nächsten Augenblick war der Kleine im Besitzdes Briefes, und mit der strengen Anweisung, denselbennur Fräulein Martha einzuhändigen, betrat er das Haus.
Bald darauf kehrte er zurück.
„Ich habe ihr den Brief gegeben, und sie sagtemir: es ist gut," berichtete der Knabe, schmunzelnddie blanke Silbermünze in der Hand betrachtend, „kannich noch einen Auftrag für Sie besorgen, mein Herr?"
„Bist Du auch ganz sicher, daß es Fräulein Marthawar, der Du den Brief gegeben hast, war sie jungund sehr schön?" forschte Herr Burgfcld nach.
»Ja, ja, und sie sagte: es ist so gut," rief derKnabe, eilig davonlaufend, denn er wußte ganz genau,daß die finsterblickende Dame durchaus nicht der gemachtenBeschreibung entsprach.
Franz Burgfeld wartete zwei volle Stunden, undschweren Herzens lenkte er seine Schritte nach dem Bahn-höfe, ohne seine Geliebte gesehen zu haben. Er ahntegar nicht, daß sein kleines Liebesbriefchen gar nicht indie richtigen Hände gelangt war. Marie hatte dasSchreiben an sich genommen, es gelesen und sofort denFlammen übergeben, fest entschlossen in Zukunft nochein wachsameres Auge auf die Schwester zu haben. Vor-läufig war jede Gefahr beseitigt, denn Herr Burgfeldwar nach England gereist, und voraussichtlich würde ernicht so bald wiederkehren.
Inzwischen führte das Dampfroß den jungen Ex-Organisten schnell der nächsten Hafenstadt entgegen.Einer seiner Mitreisenden war ein ältlicher Herr mitgrauem Haar, hellen freundlichen Augen und wohl-wollenden Zügen. Auch auf dem Schiffe nach England blieb er sein Reisegefährte, und ehe noch die englische Küste in Sicht war, wußte Herr Burgfeld den Namen,das Reiseziel und einen großen Theil der Lebens-geschichte des Fremden, während auch Herr Robert Rockaus Canada mit inniger Theilnahme das Geschick seinesjungen Freundes angehört hatte.
„Es unterliegt keinem Zweifel, die Frauen tragenoft viel dazu bei, das Elend hier auf Erden zu ver-größern, aber sie helfen uns auch manches Leid geduldigzu tragen und den Kampf mit dem Leben stets vonNeuem wieder aufzunehmen," tröstete er. „Hätte Ihralter Oheim nicht dem Gerede seiner jungen Gattingelauscht, so wären Sie jetzt noch sein Erbe. Hingegenträgt Ihre Geliebte in Deutschland dazu bei, daß Sieden Muth nicht sinken lassen, und um ihretwillen wirdes Ihnen gelingen, alle Hindernisse zu beseitigen, umihr dereinst als Ihrer Gattin eine sorgenfreie Existenzzu sichern."
Der junge Mann war von der aufrichtigen Theil-nahme des Canadiers fest überzeugt und drückte ihmwarm die Hand.
„Ich habe mich in fernen Landen nie viel um dasschöne Geschlecht gekümmert," fuhr Herr Rock fort undließ gedankenvoll seine Blicke über die unendliche Seeschweifen, „aber dennoch war der liebe Gott mir gnädigund schenkte mir einen prächtigen Sohn, der jetzt meinStolz und meine Freude ist. Es sind jetzt sechzehnJahre, da hörte ich, daß englische Auswanderer einKind in Winnipeg in Canada ausgesetzt und alsdannihre Reise in das Innere des Landes fortgesetzt hatten.Meine Besitzung war ganz in der Nähe, und ich ginghin, um mir das arme Kind anzusehen. Ein trostloserAnblick bot sich meinen Blicken dar. Das arme Kind