Ausgabe 
(11.9.1894) 74
Seite
571
 
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Gewiß gehe ich mit Ihnen, wenn Sie es wünschen,und gern will ich auch mein Bestes thun," erklärte derAngeredete bereitwillig.Vielleicht wird Fräulein Här-tung meine Lieder begleiten," fügte er bittend Hinzu.

Martha lachte bei dieser Zumuthung hell auf.Ichwürde es mit Vergnügen thun, aber alle meine Bekanntewissen, daß ich gar nicht musikalisch bin", gestand sieoffen.Ich könnte kein Liedchen begleiten, selbst wennes gälte, mein Leben damit zu retten."

Kommen Sie nur, Herr Rock, ich stelle Sie einerDame vor, die Ihren Anforderungen vollkommen genügenwird. Sie ist hier Musiklehrerin, es ist also ihr Fach."

Herr Rock folgte seiner Wirthin ins Musikzimmer.Dicht vor dem Instrument, in den Noten blätternd,stand eine junge Dame in dunkelblauem Sammetkleide,mit kurz gelocktem Haar und lebhaften, feurigen Augen.

Herr Oswald Rock Fräulein Willford", unddie Fremden waren hiermitvorgestellt. Dann bat dieWirthin, dem jungen Herrneinige Lieder zu begleiten, und . , ^

ging darauf in ein anderesZimmer, um für die weitereUnterhaltung ihrer Gäste zusorgen.

Helene stutzte. Sie ließprüfend ihre dunkeln Augenüber die Gestalt und dasAntlitzdes Fremden schweifen, undunverkennbares Erstaunenmalte sich in ihren Zügen.

War es denn eine Sinnes-täuschung oder ein neckischesSpiel ihrer erregtenPhantasie ?

Sie sah ihr ganz getreues Ab-bild vor sich stehen; der Ca-nadier hatte ihre Augen, ihrdunkles Haar, ihre Züge, ihreganze Gestalt.

Herr Rock war ein Natur-kind. Er verstand es durch-aus nicht, seine Gedanken zuverbergen. AIs er daher einenflüchtigen Blick in das lieblichgeröthete Antlitz der Damegeworfen hatte, rief er inunverkennbarer sichtlicher Ueberraschung erstaunt aus:

Das ist doch sonderbar, Fräulein Willford, Siesehen ja gerade so aus, wie ich; Sie könnten meineSchwester sein."

Die junge Dame beherrschte ihre Gefühle, sie lächelte,als sie in leisem Flüstertöne entgegnete:

Es ist wirklich eine auffallende Ähnlichkeit vor-handen, Herr Rock; aber sprechen wir nicht mehr davon,wir erregen bereits Aufmerksamkeit. Haben Sie ein Liedausgewählt? Die Gäste warten auf Ihren Vortrag."

Der Canadier erinnerte sich seines Versprechens,suchte unter den Noten, und bald erfüllte seine reineklangvolle Stimme den Saal und hielt die Musikkennerin fast athemloser Spannung.

Fräulein Willford, darf ich Sie in den Speise-saal führen?" fragte Herr Schellenberg, als der Gesangbeendet war.

Helene nahm den dargebotenen Arm freudig an.

Wie kommt es, daß ich Sie niemals treffe?"flüsterte er ihr leise zu,weichen Sie mir absichtlichaus? Habe ich Sie unwissend beleidigt?"

Das ist Einbildung, Herr Schellenberg, warumsollte ich Ihnen ausweichen?"

Das darf eine Landsmännin auch gar nicht thun,"scherzte er weiter, doch Helene schien seine Worte nichtzu verstehen.

Verzeihen Sie," lächelte er,aber sind wir dennnicht Landsleute? Meine Mutter war eine Engländerin,und daher darf ich mich doch auch zu Englands stolzenSöhnen rechnen."

Ja, wir kamen aus England, " versetzte Helene,doch diese Unterhaltung schien peinliche Erinnerungen inihr zu erwecken.

Der junge Agent merkte den verlegenen Blick, docher mißdeutete ihn und fuhr daher unbeirrt fort:

Ich bin stolz auf meineNationalität, aber lassen Siemich auf meine erste Fragezurückkommen: wie kommt es,daß ich Sie jetzt so selten sehe?"

Das weiß ich wirklich nicht;bedenken Sie, die Stadt istdoch groß, da hält es schonschwer, sich zu begegnen."

Wissen Sie, daß ich jetztnur dem Gottesdienst in derPauluskirche beiwohne? Siemüssen doch des^Sonntags dortsein; Sie gehören zu der Kircheund da Ihr Bruder dortOrganist ist, haben Sie ge-wiß besonderes Interesse fürdiese Kirche. Wie kommt es,daß ich Sie niemals treffe?"

Ich bin regelmäßig dort.Aber die Kirche ist groß, Siekönnen doch unmöglich die ganzeGemeinde überblicken."

Das thue ich dennoch. Siewerden gewiß über mich lachen,und vielleicht thue ich auchUnrecht, aber ich gehe sehrfrüh hinein, setze mich ver-borgen hinter einen Pfeilergerade der Thür gegenüber, daß ich ganz bequem jedenEintretenden mustern kann. Nach Beendigung des Gottes-dienstes bleibe ich so lange auf dem Kirchplatz, bis dieLetzten sich entfernt haben; aber es ist mir noch nichtgelungen, Sie zu sehen, und das ist doch sonderbar."

Sie sollten nicht zur Kirche gehen, um mich sehenzu wollen, das ist ein Unrecht," wandte Helene vor-wurfsvoll ein.

Ich weiß es, aber mir bleibt kein anderer Ausweg.Geben Sie mir die Erlaubniß, Sie in der Rosenvillazu besuchen und Sie machen mich zum Glücklichsten allerSterblichen."

Sie sind uns stets willkommen."

Ist das Ihr Ernst?" jubelte er freudig über-rascht; doch den schelmischen Ausdruck in ihren Zügengewahrend, fügte er kleinlaut hinzu:Sie treiben wohlScherz mit mir, Fräulein Willford?"

Ganz gewiß nichtI Meine Mutter spricht oft von

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Nomcapilular Christoph v. Zichmid.