Ausgabe 
(11.9.1894) 74
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Richtung eingeschlagen hatte und sich in der Nähe derNoserwilla befand. Sie wollte die Gelegenheit benutzenund Fräulein Willford bitten, einige Notenhefte für diegeplante Festlichkeit mitzubringen.

Es ist eine gute Gelegenheit, jetzt hineinzugehen;vielleicht kann ich endlich einmal den Organisten sehen,"dachte sie bei sich selbst, denn die Mutter und dieSchwester waren ihr bekannt.

Da ist erl" rief sie plötzlich überrascht stehenbleibend, als sie von der entgegengesetzten Richtungden jungen Mann sich in raschen Schritten der Hüttenähern sah.

Ohne seine Blicke zu erheben, betrat der jungeMann das Häuschen, dessen Thür er hinter sich ver-schloß, und wenige Minuten später klopfte Elsa Laubean die Hausthür, sich im Stillen freuend, daß heuteder junge Künstler ihr nicht entgehen werde.

Nach kurzer Zeit wurde die Thüre langsam undvorsichtig geöffnet, und Elsa stand der Blinden gegen-über, die ihre glanzlosen Augen auf die Fremde richtete,mit dem ängstlichen Gefühl, ob sie dem Besuche Einlaßgewähren solle oder nicht.

»Ist Fräulein Helene daheim? ich möchte sie spre-chen," begann Elsa, durch den starren Blick der armenFrau eingeschüchtert.

Wer sind Sie?" lautete die ruhige Entgegnung.Doch kaum hatte sie den Namen gehört, als das Antlitzder Blinden sich erhellte und sie den Gast in das be-scheidene Wohnzimmer führte.

Wie gut, daß Sie gekommen sind, Fräulein Elsa,ich fürchtete schon, Sie hätten uns vergessen," rief ihrdie Kranke entgegen und deutete mit der Hand aufeinen Stuhl, dicht an ihrem Lager.

Die Blinde hatte das Zimmer verlassen, jedenfallswollte sie Helene benachrichtigen, und Elsa fand inzwi-schen Zeit, im Zimmer Umschau zu halten. Sie wun-derte sich im Stillen über die Möglichkeit, daß Menschenin diesen elenden Räumen glücklich leben könnten.

Wir würden uns freuen, wenn Herr Willfordmorgen an unserer kleinen Festlichkeit Theil nehmenwollte; es kommen viele Musikfreunde zu uns, und ichkann ihm im voraus einen genußreichen Abend ver-sprechen," begann Elsa.

Sie meinen es gewiß gut," versetzte die Krankefreundlich,aber mein Bruder wird Ihre Einladungdoch ausschlagen. Er geht grundsätzlich nie in Gesell-schaft, und seine zahlreichen Schüler nehmen fast seineganze Zeit in Anspruch."

Wenn ich ihn heute selbst bitte, macht er vielleichteine Ausnahme," beharrte Elsa,eine kleine Abwechselungmuß ihm doch eine Erholung sein."

Das ist unmöglich. Er ist nicht zu Hause."

Elsa blickte ungläubig die Kranke an.Er ist nichtzu Hause?" wiederholte sie kopfschüttelnd,das ist dochsonderbar, ich habe ihn doch mit meinen eigenen Augengesehen; er betrat nurwenigeAugenblickevormir das Haus."

Wirklich? Nun, dann muß ich mich geirrt haben,aber dennoch kann ich Ihnen keine Hoffnungen machen.Ich gebe Ihnen die Versicherung, der Organist lehntjede Einladung entschieden ab; er nimmt hier im Hausenoch nicht einmal Besuch von Fremden an."

Guten Morgen, Fränlein Elsa," ertönte in diesemAugenblick Hclenens heitere Stimme, als sie der Freundindie Hand zum Gruß entgegen streckte.

Wir möchten Sie bitten, einige Notenhefte mitzu-bringen, und meine Mutter hofft, daß der Herr OrganistSie begleiten wird."

Das begreife ich, aber ich will ihn später fragen,er ist jetzt nicht hier."

Elsa sah betroffen auf: Hätte sie nicht mit ihreneigenen Augen den jungen Mann vor wenigen Minutengesehen, so würde sie gern den Worten der SchwesternGlauben geschenkt haben, aber jetzt wußte sie, daß sieabsichtlich getäuscht werde. Mißmuthig und verstimmterhob sie sich, bat Helene noch einmal, doch ja nicht dieNoten zu vergessen, und verließ bald die Hütte.

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Die prächtig geschmückten Gesellschaftsräume desreichen Commerzienraths Laube waren mit zahlreichenGästen gefüllt. Er pflegte diese musikalischen Unter-haltungsabende nur selten zu arrangiren, wenn es abergeschah, so waren dieselben so prunkvoll und anziehendwie irgend möglich.

In der einen Ecke saß der alte Dr. Härtung imeifrigen Gespräch mit einigen jungen Gelehrten. Er warso sehr von der geistigen Unterhaltung gefesselt, daß ergänzlich darüber sein jüngstes Töchterlein vergaß undgar nicht bemerkte, wie eifrig es sich hinter schlankenPalmenwedeln mit einem fremdländisch aussehenden Herrnunterhielt.

Wie gefällt Ihnen das gesellige Leben hier inDeutschland ?" fragte soeben die junge Dame, woraufder Fremde lächelnd erwiderte, daß ihm ein solchesLeben zu neu und fremd sei, um sich ein Urtheil darüberzu erlauben.

Gestehen Sie es nur, Herr Rock, Sie hatten inCanada von einem gesellschaftlichen Leben gar keineAhnung," fuhr die junge Dame heiter plaudernd fort.

Nicht die geringste. Mein Onkel kümmert sichsogar wenig um seine eigenen Gutsnachbarn. Er liebtein freies, gesundes, ungebundenes Farmerleben, das ernur um meinetwillen aufgegeben hat."

Wie kam das? Gefiel Ihnen das Leben nicht inCanada?"

Im Gegentheil, ich war dort sehr glücklich. Abermein Onkel Robert er ist gar nicht mein rechterOnkel; er adoptirte mich, als ich noch ein ganz kleinesKind war wollte mir eine ganz vorzügliche Aus-bildung verschaffen, wie ich sie dort drüben nicht rechthaben konnte. Darum verkaufte er seine Besitzungenund reiste mit mir nach Europa . Vor einigen Monatenhat er sich in England angekauft, wohin ich ihm späterzu folgen gedenke."

Wie hochherzig von ihm! Ist er verheirathet?"

Nein, er lebt als Junggeselle. Es liegt ihmwenig an der Gesellschaft von Damen wahrscheinlichhat er in seiner Jugend nicht die Nichtige gefunden,"setzte er scherzend hinzu, einen bewundernden Blick indas liebliche Antlitz der Dame werfend.

Herr Rock! wo sind Sie denn eigentlich? Siehaben sich ja versteckt," erklang plötzlich die heitereStimme der Wirthin.Kommen Sie doch mit in dasMusikzimmer; ich höre soeben, daß Sie eine pracht-volle Stimme und einen guten Tenor haben. Siewerden unserer Gesellschaft zu Liebe doch singen, nichtwahr?" schmeichelte sie bittend.Es sind hier vieleMusikfreunde versammelt, denen Sie noch nicht vor-gestellt sind."