74
1894 .
„Augsburgrr Postzeitung".
Dinstag, den 11. September
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr).
Der Organist.
Novelle von C. Borges.
(Fortsetzung.)
5. Kapitel.
Wenn der Organist gehofft hatte, daß seine ganzenergische Weigerung, der Einladung des Pfarrers Folgezu leisten, ihn allen gesellschaftlichen Pflichten überhebenwürde, so hatte er sich gründlich getäuscht, denn zu seinemnicht geringen Erstaunen schien gerade das Gegentheileintreten zu wollen. .
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, daßder talentvolle junge Künstler geflissentlich jeden ge- !felsigen Verkehr meide, und die tausendzüngige Famastempelte ihn bereits zum Menschenhasser. In Folgedieses müßigen Geredes fingen die Leute an, sich mehrals nothwendig um die Bewohner der Rosenvilla zu be-kümmern.
Einige Neugierige wagten sogar, die entlegene Hütteaufzusuchen, um unter irgend einem erdachten VorwandeGelegenheit zu finden, die Bekanntschaft des jungenMannes zu machen. Ihr Bemühen war nutzlos. Inhöflicher, aber ganz entschiedener Weise, die keinen Wider-spruch duldete, berichtete Helene oder die kranke Schwe-ster, daß der Organist zu sehr von seiner Zeit in An-spruch genommen sei und daher jeden Besuch abweisenlasse. Auch ein reicher Gutsbesitzer der Umgegend hattevon diesem Sonderling gehört; er kam selbst, um ihnals Musiklchrer für seine Kinder zu gewinnen, aber aucher wurde abgewiesen. Die Kranke gab ihm die Ver-sicherung, daß die Zeit ihres Bruders vollkommen besetztsei und er neue Schüler nicht mehr annehmen könne.Der reiche, in seinem Stolze gekränkte Gutsbesitzer warüber diese ablehnende Entgegnung empört; eine heftigeAntwort schwebte auf seinen Lippen, doch da fiel seinBlick auf das sorgenvolle Antlitz der Frau, und dieWorte blieben unausgesprochen; schweigend verließ erdie Hütte.
Bald flüsterte man von einem Geheimniß, das dieFremden umgab und das seinen Höhepunkt in demjungen Künstler mit den großen blauen Brillengläsernerreichte. Er erfüllte nach wie vor gewissenhaft alleübernommenen Pflichten, in der Kirche sowohl wie inPrivatfamilien, aber er schloß mit Niemandem Freund-schaft. —
Inzwischen lebte Helene Willford in ihrer heiterenWeise ruhig einen Tag in den andern. Ebenso wie
der Bruder schlug sie jede Einladung aus, aber ab undzu machte sie doch eine Ausnahme. Es widerstand ihremoffenen ehrlichen Charakier, immer nach leeren nichtigenAusreden zu haschen, und so war es gekommen, daß siean einigen musikalischen Abendunterhaltungen einer b(»freundeten Familie, des Commerzienraths Laube, dessenTöchter sie unterrichtete, Theil genommen hatte.
„Martha," sagte Elfe Laube eines Morgens zuihrer Freundin, der jüngsten Tochter des Doctor Härtung,„Du mußt morgen zu uns kommen. Fräulein Willfordkommt, und Du mußt sie kennen lernen."
„Ganz wie Du willst," versetzte die Angeredetetonlos, denn ihre frühere Munterkeit war dahin; „wirdder Organist auch kommen?"
„Er?I Nein, ganz gewiß nicht. Wir bemühen unsgar nicht mehr, ihn einzuladen. Ich kann gar nichtbegreifen, was die Leute Anziehendes an ihm finden,er ist ja fast noch ein Knabe. Nach meinem Geschmackkönnte nur ein Mann sein, der ein stattliches männ-liches Aeußere hat."
„Wie Herr Karl Schellenbcrg," warf Marthaneckend ein, denn die Zuneigung der Freundin zu demjungen Agenten war unter den jungen Mädchen hin-länglich bekannt.
Elsa erröthete; dann lachte sie verlegen, und zuletztseufzte sie schwer. Der junge Agent war arm und seineAussichten für die Zukunft wenig verlockend; aber mitFreuden würde sie Mangel und Entbehrung mit ihmgetheilt haben und wäre doch an seiner Seite glücklichgewesen; aknr sie wußte auch, daß diese Gefühle ihmgänzlich fremd waren.
„Es ist eine sonderbare Welt," klagte sie, ihrengeheimsten Gedanken Ausdruck gebend, „Leute, die unsgleichgültig sind, lieben uns, und diejenigen, die wirlieben — —"
„Lieben Andere," ergänzte Martha.
„Wie weißt Du das? wen liebt er?" fragte Elsaerschrocken, und ihre Wangen färbten sich dunkler.
„Ich sprach nur im Allgemeinen, und jede Persön-lichkeit ist ausgeschlossen," beruhigte Martha.
Elsa fühlte, daß sie sich verrathen hatte. Schnellgab sie dem Gespräch eine andere Wendung, erinnertedie Freundin, am nächsten Tage recht zeitig zu er-scheinen, und trat dann in Gedanken versunken den Heim-weg an.
Plötzlich bemerkte sie, daß sie unbewußt eine falsche