Ausgabe 
(11.9.1894) 74
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war vom heftigen Fieber ergriffen und wälzte sich inwilden Phantasien auf seinem elenden Lager, auf welchesmitleidige Menschen es gebettet hatten. Ich fühlte Mitleidmit dem armen verlassenen Knaben, nahm ihn mit mirund pflegte ihn. Als er vollständig genesen war, ver-langte er nach seinem Vater, nach seiner Mutter undnach seinen Schwestern. Aber er wußte nicht, wo erwar; nur daß er Oswald heiße und lange Zeit aufeinem großen Schiffe, gewesen sei. Er konnte mir wederseinen Vaternamen noch sein Heimathsland nennen;wahrscheinlich hatte das lang anhaltende, heftige Fieberseine Erinnerungen geschwächt. Ich nahm ihn an Kindes-statt an, gab ihm meinen Namen und lehnte ihn michOnkel" zu nennen.

Der Kleine wuchs zu einem prächtigen, wunder-bar schönen Knaben heran, den ich wie mein eigenesKind liebte, und noch täglich danke ich Gott für diesesGeschenk vom Himmel. Da ich reich genug war, ent-schloß ich mich, meinem Knaben zu geben, was ich inmeiner Jugend entbehren mußte eine vorzüglicheErziehung. So lange es möglich war, hielt ich ihmdort drüben die besten Lehrer, aber das ging nur wenigeJahre. Endlich erwachte auch das lang geschlummert«Verlangen in mir, meine alte Heimath wiederzusehen,wiewohl ich wußte, daß kein Mensch mehr darin zufinden war, der den alten ergrauten Mann wieder-erkennen würde, der vor vierzig Jahren als armer fünf-zehnjähriger Knabe sein Vaterland verlassen hatte.

Ich will mich kurz fassen. Mein Sohn blieb inDeutschland guten Händen anvertraut, und ich wußte,daß er gewissenhaft seinen Studien oblag. Dann reisteich nach England , gerade wie heute.

Niemand kannte mich, oder erinnerte sich meinesNamens. Die wenigen Leute, deren ich mich entsann,waren todt oder fortgezogen; ich war ein Fremdergeworden in meiner alten Heimath. Da durchreiste ichverschiedene Länder Europa's , um mir ein Plätzchenauszusuchen, wo ich in Frieden den Rest meines Lebenszubringen könnte. Es fehlte mir nicht an den erforder-lichen Geldmitteln, aber ich fand nicht, was ich suchte,und kehrte darum nach England zurück. Es warendamals schlechte Zeiten unter den Edelleuten. Ich lernteeinen Lord Willford kennen, der durch fremde odereigene Schuld in die größte Noth gerathen war. Erwar ein stolzer, hochmüthiger Mann, hatte aber eineedle Frau und zwei liebliche Töchter. Bald daraufstarb der alte Herr, und sein ganzes Eigenthum kamunter den Hammer. Seine Frau hatte ihn unendlichgeliebt; sie konnte diesen herben Verlust nicht ertragenund weinte sich blind in ihrem großen Schmerze; siehatte von jeher schwache Augen. Die älteste Tochter warkränklich, ein Rückenmarksleiden hielt sie seit Jahren aufdas Lager gefesselt; aber die jüngste war ein Bildblühender Gesundheit, und es war eine Lust einen Blickvon ihr zu erhäschen.

Ich kaufte die starkverschuldete Besitzung zu einemsehr hohen Preise, um die zahlreichen Gläubiger zubefriedigen, mußte aber leider erfahren, daß für dieverarmte Familie auch nicht ein Pfennig übrig bliebund sie in die größte Noth gerieth. Ich glaube, dieFamilie sah mich für ihren größten Feind an, dergewaltsam ihr Eigenthum an sich gerissen habe, aus-genommen die jüngste Tochter. Wenn ich durch einenglücklichen Zufall mit ihr zusammentraf, war sie so

freundlich gegen mich, als ob ich in Rang und Stellungihr gleich stände.

Nun, mein junger Freund," fuhr der redseligeAlte fort,jetzt kommt die schwerste Stunde, die ich inmeinem Leben verbracht habe. Sie wissen, was es heißt,eine Dame zu lieben. Aber bedenken Sie die Liebeeines alten gereiften Mannes, der vorher in seinemLeben noch nie geliebt hatte. Unglücklicher Weise fühlteich diese Liebe zu der jüngsten Tochter des verarmteuEdelmannes, der mich in seinem Leben gewiß für zugering hielt, ihm die Schuhriemen zu lösen.

Ich wußte, daß die Familie das Land verlassenund die jüngste Tochter in der Fremde eine Existenzgründen wollte. Sie kannte aber gar nicht die kalte,erbarmungslose Welt; wein Herz blutete für sie, undgern hätte ich mein Leben gegeben, um sie glücklich zumachen.

Da traf ich sie in einem einsamen Walde. Ich

bat sie-nein ich flehte sie an, mich zu heirathen,

um von ihrem rechtmäßigen väterlichen Eigenthum wie-der Besitz zu nehmen. Ich verlangte ja keine Liebe vonihr, denn die konnte sie mir, dem alten Manne, dochnicht geben, aber ich bat, sich für ihre blinde Mutter,für die kranke Schwester aufzuopfern, damit sie mitihren Lieben in dem alten Schlosse bleiben könne.

All mein Bitten war nutzlos. In herzgewinnender,aber ganz entschiedener Weise erklärte sie mir, daß sielieber verhungern wolle, als eine Heirath ohne Liebeeinzugehen; wiewohl sie mir die Versicherung ihrerFreundschaft und Hochachtung gab.

Was meine Familie anbetrifft," sagte sie mitzuckenden Lippen und thränenfeuchten Augen,so wirdmir Gott die Kraft geben, für sie zu arbeiten, obgleichich schwach und unerfahren bin; aber ein eheliches Lebenohne Liebe könnte ich nimmer ertragen."

Sie verließen das Land; ich weiß nicht, wohin siesich gewendet haben, aber mein Herz sagt mir, daß esihnen gut geht. So, jetzt kennen Sie meine ganzeGeschichte, junger Freund, und da sehe ich ja schon dieKüste vor uns."

Der Ex-Organist hatte mit großem Interesse derErzählung des Fremden gelauscht; er konnte kein Worterwidern, schweigend drückte er ihm die harte, schwieligeHand, und gemeinsam bestiegen sie die englische Küste.

(Fortsetzung folgt.)

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Christoph von Schmid .

(Mit Porträt nach einer Photographie aus dem Atelier T. HaaSin Augsburg .)

Am 3. September 1854 war nach eben vollende-tem 86. Lebensjahre der gefeierte JugendschriftstellerDomkapitular Dr. Christoph v. Schmid, dessen anmuthigeWerke viele Tausende von Kinderherzen seit dem Erschei-nen seinerOstereier" beglückt haben, der Cholera zumOpfer gefallen. Geboren am 15. August 1768 zuDinkelsbühl, vollendete Christoph von Schmid seine Gym-nasial- und Fachstudien in Dillingen . Am 28. August1791 las er in seiner Vaterstadt seine erste hl. Messe.Seine erste Anstellung fand Schmid als Kaplan in Nassen-beuren, dann wurde er Amtsgehilfe des als Pfarrernach Seeg versetzten Professors Feneberg. 1796 beriefihn Graf Stadion als Schulbenefiziaten und Schul-