Ausgabe 
(25.9.1894) 78
Seite
604
 
Einzelbild herunterladen

604

Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihren Beistand,ich werde abgeholt."

Der Fremde verneigte sich, drückte seine Hoffnungaus, daß es ihr in dem Städtchen gut gefallen möge,und verließ den Bahnsteig. Melitta schaute ihm nach;das Gefühl der Einsamkeit beschlich sie von neuem. Alssie die melodische Stimme des Fremden gehört, in seinedles, aristokratisches Antlitz geschaut hatte, vergaß siemomentan ihre traurige Lage, die ihr jetzt drückenderdenn je erschien. Dann wandte sie sich an Marie, diesich mit dem Handgepäck zu schaffen machte.

Wie gut, daß Sie gekommen sind, Marie," be-gann sie,ich wußte gar nicht, was ick hier allein inder fremden Stadt machen sollte. Können wir jetztgehen, oder ist hier ein Wagen oder Omnibus?"

Es ist nicht weit, kaum zehn Minuten", erwidertedas Mädchen, und beide gingen raschen Schrittes ihremZiele zu.

Noch saß Frau von Neinberg mit ihren beidenTöchtern im Wohnzimmer, als Melitta eintrat. Alledrei hefteten ihre kalten, kritischen Blicke auf die armeWaise, und keine von ihnen brachte ein freundliches Wortzum Willkommen über ihre Lippen.

Die beiden jungen Damen überzeugten sich sogleich,daß sie in ihrer Cousine eine ganz gefährliche Neben-buhlerin halten, denn diese liebliche Anmuth hatten sienicht zu sehen erwartet. Es war doch wirklich schlimmgenug, daß sie immer als Hausgenoffin bei ihnen seinsollte, aber daß sie so bildschön war, war doch uner-träglich. Die Mutter mochte dieselben Gedanken haben,denn auch sie maß mit strengen, finstern Blicken diearme Nichte.

Du kommst sehr spät," brach endlich Cecilie daspeinliche Schweigen. Wir würden Marie nicht geschickthaben, wenn wir das gewußt hätten, da wir sie kaumim Hause entbehren konnten."

Ja, so ist es," pflichtete auch Edith bei.Duhättest auch ebenso gut allein kommen können. Mirscheint es, Du bist daran gewöhnt, allein im Dunkelnauszugehen."

Purpurgluth bedeckte die bleichen Wangen der Fremden.Nein," versetzte sie eisig,ich gehe nie im Dunkelnallein, und ich bedaure, daß Marie lange ausgebliebenist. Wir waren uns fremd, daher wartete sie, bis sichdie Menschenmenge verlaufen hatte, und ich wußte jaauch nicht, was ich machen sollte."

Bist Du zu Fuß gekommen?"

Frau von Neinberg blickte ihre Nichte bei diesenWorten durchbohrend an. Aus dem schroffen Benehmenihrer Töchter ersah sie endlose unangenehme Folgen; abersie wagte nicht, ihnen entgegen zu treten.

Ja! Marie sagte, der Weg sei nicht weit, und eswar kein Wagen zu haben," lautete die kurze Antwort.

Marie hat ebenso unüberlegt gehandelt; sie hättevorher einen Wagen nehmen müssen. Hoffentlich hatDich Niemand gesehen."

Wenn mich Jemand gesehen, so würde man michnicht für eine Verwandte dieses Hauses gehalten haken,"gab Melitta kalt zurück; denn ihr Stolz empörte sichgegen diesen unerwarteten Empfang.

Nein, gewiß nicht," gab Frau von Reinberg zu,aber du wir gerade dieses Thema begonnen haben,Melitta, so sollst Du gleich erfahren, daß wir überein-gekommen sind, Dich nicht als eine Verwandte in unsere

Kreise einzuführen. Dein Vater war ja auch nur meinStiefbruder, daher ist die Verwandtschaft nicht einmalnahe. Es ist mir höchst fatal, daß ich Dir gleich amersten Abend erklären muß, daß wir Dich nur ausMitleid aufnehmen; aber man soll hier in der Stadtnicht erfahren, daß wir arme Verwandle haben. Eskönnte nachteilig für meine Töchter werden; hoffentlichhast Du mich verstanden So, Du willst Dich gewißgern in Dein Zimmer zurückziehen. Wir essen pünktlichum acht Uhr zu Abend."

Melitta richtete sich stolz empor.Soll das heißen,daß ich an den Mahlzeiten Theil nehme?" fragte sie eisig.

Wenn wir allein sind, gewiß, ist aber Besuch da .."

Werde ich in meinem Zimmer bleiben," ergänzteMelitta bitter.Auch heute Abend bleibe ich lieberallein; ich bin müde und von der Reise angegriffen."

Sehr gut. Marie," wendete sich die Hausfrauan die Dienerin, die soeben eintrat,zeige Fräulein vonReck ihr Zimmer und bringe ihr Thee zum Abendessen.Gute Nacht, Melitta."

Gute Nacht, Frau von Neinberg," und ohne einenBlick auf die Cousinen zu werfen, verließ Melitta hochaufgerichtet das Gemach.

Mutter, was sollen wir thun? Sie ist bildschönund überschattet uns beide," stöhnte Edith, als sich dieThür hinter Melitta geschloffen hatte.Wenn wir dasfrüher gewußt hätten, so wäre sie jetzt nicht hier."

Sie darf nicht hier bleiben, Du mußt ihr ein an-deres Unterkommen verschaffen," wandte die Schwester ein.

Regt Euch nicht auf, Kinder; gewiß, sie darf hiernicht bleiben: es ist unmöglich," tröstete die Mutter undsann schon auf Mittel und Wege, sich so schnell wiemöglich der Armen zu entledigen. ^

2. Kapitel.

Mittlerweile lag Melitta auf ihrem harten Lagerin dem kleinen niederen Mansardenstübchen mit denkahlen Wänden, dem schmalen, hohen Dachfenster undweinte, als ob ihr das Herz brechen wollte.

Ich will hier nicht bleiben," stieß sie zu wiederholtenMalen hervor,lieber bei freundlichen Leuten eine unter-geordnete Stellung einnehmen, als hier bei diesen stolzenLeuten bleiben! O, Vater, Vater, warum hast Du nichtbesser für Dein Kind gesorgt, warum hast Du mich soallein in die erbarmungslosen Welt hinausgestoßen," riefsie verzweifelt.

Aber kein Vater hörte das verlassene Kind. Nachund nach wurde sie ruhiger, ihre wirren Gedanken sam-melten sich zu einem stillen Seufzer.

Ach, lieber Gott, hilf! Du allein kannst helfen!"stammelten endlich ihre blassen Lippen. Wußte sie imAugenblick auch nicht, was sie erbitten sollte, sie flüchtetedoch zuversichtlich an Gottes treues Vaterherz.Er machtes besser als wir denken," fuhr sie in ihrem Sinnenfort, dann schloffen sich ihre müden Augenlider zum erstenSchlaf in ihrem neuen Heim.

Als sie am nächsten Morgen nach unruhigemSchlummer erwachte, hatte sie das Gefühl, als hielte einschwerer, unheilvoller Traum noch ihre Sinne umfangen.Doch ein Blick in die elende Dachkammer, auf die nacktenWände und den hölzernen Schemel an ihrem Bettesetzte sie schnell in die Wirklichkeit zurück. Sie gedachteder langen mühsamen Reise und dann des Empfangsihrer Verwandten.