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ist, dann wird sie auch zu keiner Gesellschaft zuge-zogen."
„Das ist auch ganz unmöglich; ich kann doch nichtdrei heiratsfähige Mädchen herumführen," ertönte Frauvon Reinberg's schrille Stimme. „Ihr Beide müßt erstverheirathet sein, ehe ich meine Nichte in der Welt ein-führe. Das Mädchen ist auch bettelarm; ich müßte fürihre Garderobe sorgen, wenn wir sie mit uns nehmenwollten, und das kann ich nicht. Es wird mir ohnehinschwer genug, dieses kostspielige Leben in der altenWeise weiter zu führen und — —"
„Wir müssen bald eine Abendgesellschaft oder einenBall geben," unterbrach Cecilie die Mutter ungestüm.„Wir sind es vielen Offizieren schuldig, und OberstWellinghof ist wieder hier; er war einige Tage beiseinem reichen Onkel."
„Wirklich? oh! das ist gut;der Onkel ist fabelhaft reich,und er ist der einzige Erbe. Erhat mir oft von dem großenRittergut erzählt, das er spätererben wird, und ich gedenke,
Herrin darauf zu werden," ver-setzte Edith, die Schwester mitneidischen Blicken betrachtend.
„Du? Na, das ist unerhört;im letzten Garten-Conzert ist ernicht von meiner Seite gewichen."
„Weil ich gerade an einerkleinen Bootfahrt Theil nahm,"schaltete die Schwester unwilligein. „Er erzählte mir später,daß er kaum Deine Worte ge-hört habe, weil er beständig un-serm Boote nachschaute." Edith'sAugen flammten zornig bei diesenletzten Worten, ihre Stimme bebtevor innerer Erregung. Er hatvon seinem Vater ein Vermögenvon einer halben Million geerbt,und wenn sein Onkel stirbt,nimmt er seinen Abschied undverwaltet das Rittergut."
„Edith! ist das wirklich wahr?ist er so reich?" warf die'Mutterein, vor Erstaunen ihr Buch fallenlassend.
„Ja, ich hörte es gestern imConzert , Frau Herbert erzählte es mir, sie kennt die Familieganz genau; und ich will später ganz gewiß Frau OberstWellinghof werden."
„Ich ebenfalls," schaltete Cecilie ruhig ein.
„Meine lieben Töchter, zankt Euch doch nicht wieder,"flehte die Mutter. „Ich habe Kopfschmerzen, und daslaute Sprechen macht mich nervös. — Mich soll dochwundern, wie diese Melitta sein wird," fügte sie dannhinzu, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.„Zweifellos ist sie ungebildet und häßlich; sie war alskleines Kind durchaus nicht hübsch; ich sah damals ihrePhotographie, als ihre Mutter noch lebte."
„Sie wird jedenfalls uns keinen Abbruch thun,"höhnte Edith. „Ihr Vater lebte dort in dem kleinenLandhause, sie ist nie in der Welt gewesen, hat also
auch keine Erziehung genossen; hoffentlich erzählt sienicht, daß sie mit uns verwandt ist."
„Das wird sie nicht thun, wenn ich es ihr ver-biete"; versetzte die ältere Dame stirnrunzelnd. „Aberwillst Du nicht nach dem Bahnhöfe gehen, um sie ab-zuholen, Cecilie?"
„Ich ganz gewiß nicht!" versetzte die Gefragte.
„Ich ebenso wenig!" schaltete die Schwester ein."„Du kannst ja selbst gehen, um sie abzuholen,Mutter, wenn Du so begierig bist, sie zu sehen, oderschicke das Dienstmädchen — Marie kann hingehen, sowird's am besten sein."
Nach einigem Hin- und Herreden wurde der Vor-schlag angenommen und Marie nach der Station ge-schickt, um die neue Hausgenossin abzuholen.
Es dunkelte bereits, als der Zug einlief. Mattund lebensmüde stand Melittaallein auf dem Bahnsteig undließ ihre umflorten Blicke trost-los über das rege Menschen-gewühl schweifen. Lachen undScherzen, freudiger Willkommen-gruß schwirrte an ihre Ohren;nur sie stand allein, hier warNiemand, der ihr die Hand zumWillkommen bot; sie fühlte sichelend und verlassen, fast ebenso verzweifelt, wie sie vor kurzerZeit an der Bahre ihres Vatersgestanden hatte.
Aber sie blieb nicht unbemerkt.Ein großer, stattlicher Herr mitfreundlichem, wohlwollendemAnt-litz mochte die einsame Fremdewohl bemerkt haben, denn höflichgrüßend trat er auf sie zu undfragte ehrerbietig:
„Darf ich Ihnen meine Diensteanbieten? Sie sind fremd hier,wie ich sehe; werden Sie er-wartet?"
Melitta hob ihre thränenfeuch-ten Augen, und als sie in dasehrliche Gesicht des Fremdenblickte, erhellte ein mattes Lächeln,wie ein flüchtiger Sonnenschein,ihr bleiches Antlitz.
„Ich erwartete abgeholt zuwerden," gestand sie offen, „aber ich habe mich gewißgetäuscht. Wollen Sie mir zu einem Wagen verhelfen?ist es weit bis nach dem Marktplatz?"
„Nein, nur wenige Minuten; aber da Sie hiefremd sind, nehmen Sie am besten einen Wagen."
„Sind Sie Fräulein von Reck?" hörte sie Plötzlicheine schüchterne Stimme dicht an ihrer Seite.
Melitta wandte sich freudig um und sah ein frischesrothwangiges Mädchen mit schneeweißer Schürze vorsich stehen. „Ich bin Marie, das Hausmädchen, undsoll Sie abholen," fügte sie dann hinzu.
„So werde ich wenigstens erwartet," dachte Melitta,erleichtert aufathmend, dann wandte sie sich an denFremden, der sich inzwischen vergeblich bemüht hatte,einen Wagen aufzutreiben, und die Ankunft der Dieneringar nicht bemerkt hatte.
Kardinal Andreas Sleinhuber