602
konnte: „Ich bin nicht reich genug, um die Tochtermeines verschwenderischen Stiefbruders unentgeltlich auf-zunehmen," schrieb sie am Schlüsse ihres herzlosen Briefes,„aber wenn sie sich im Hause nützlich macht, so daß siemir und meinen Töchtern eine Stütze ist, so magsie zu uns kommen und so lange bei uns bleiben, bissie ein besseres Unterkommen findet."
So lautete das Anerbieten, das der armen WaiseThränen des Zorns und der Empörung in die Augengetrieben hatte."
„Sie sind viel zu jung, um allein leben zu können,selbst wenn Sie reich wären," tröstete der alte Herrtheilnehmend. „Auch als Erzieherin würden Sie schwerlicheine gute Stelle finden, da Sie kein Examen als Lehreringemacht haben.
„Ich könnte noch genug lernen," schaltete Melittaein, „und nebenbei würde ich in der Musik und imGesang Unterricht geben; Sie wissen, ich bin musikalisch."
„Ja, mein Kind, aber ich will ganz offen mitIhnen reden," entgegnete wohlwollend der alte Herr.„Es taugt nicht für Sie, freund- und schutzlos alleinin der Welt sich den Weg zu bahnen. Sie sind vielzu unerfahren und — verzeihen Sie — viel zu schön,um schon jetzt den Kampf mit dem Leben aufzunehmen.Nehmen Sie das Anerbieten Ihrer Tante an, vorläufigwenigstens, bis sich etwas Besseres findet. Eine Wendungzum Guten tritt vielleicht eher ein wie Sie vermuthen,wer weiß, Sie finden gewiß noch Ihren zukünftigenGatten unter den Freunden ihrer Tante."
Melitta wandte sich unwillig ab und richtete ihreBlicke den scheidenden Sonnenstrahlen nach. Ihre Ge-danken jagten sich in ihrem armen Hirn; sie hatte inden letzten Tagen seit dem Tode ihres Vaters so vielgelitten, daß sie nur mit Mühe und gewaltsam sich zurRuhe zwingen konte. Plötzlich wandte sie sich um undfragte: „Kennen Sie meine Tante, haben Sie ihreTöchter schon gesehen?"
Der alte Herr verneinte. „Ich glaube, sie istWittwe," fügte er hinzu.
„Ja, ich glaube es; ich weiß fast gar nichts vonmeinen Verwandten, mein Vater sprach nie von ihnen.
„Nun, sehen Sie nicht so schwarz in die Zukunft,mein Kind," tröstete der Anwalt, „gefällt es Ihnennicht, so finden Sie gewiß ein anderes Heim. Bald isthier Alles geordnet, die Gläubiger werden befriedigt undIhnen bleibt nur noch höchstens ein kleiner Rest voneinigen hundert Mark. Zwar bitter wenig für eineDame Ihres Ranges; aber ich rathe Ihnen, nicht eherals im Nothfall dieses Geld anzugreifen. Schade, daßIhr Vater sein Leben nicht versichern wollte, dannkönnten Sie mit einer Gesellschafterin das Leben hierruhig weiter führen. Aber so oft ich ihn als Freundauch dazu ermähnte, so lachte er nur über die Ideeund versicherte mir, daß er noch gar nicht an seinenTod denken wolle. Doch nun leben Sie wohl, meinKind; ich will diese Papiere mit mir nehmen, und wennich etwas darin finde, theile ich Ihnen es mit. In-zwischen rathe ich Ihnen, das Anerbieten Ihrer Tanteanzunehmen."
„Ja, es bleibt mir kein anderer Ausweg", seufztedas arme Mädchen. „Hier kann ich nicht länger bleiben,wie ich es gehofft hatte. Aber ich werde bei meinerTante höchst unglücklich werden, und sie wird mich hassen,das ahne ich schon jetzt."
„Still, still, malen Sie sich die Zukunft doch nichtschwärzer aus, wie sie ist. Wer weiß, vielleicht gehensie glücklichen Tagen entgegen, und wie gesagt, Siebleiben nicht, wenn es Ihnen dort doch nicht zusagt,Sie täuschen sich gewiß in Ihren Verwandten und findenein Zusammenleben mit ihnen recht angenehm und er-heiternd."
„Nicht, nach dem Briefe zu urtheilen," stieß Melittafast rauh hervor, auf das Schreiben deutend, welchesnoch geöffnet auf dem Tische lag. „Ich nehme in demHause nur die Stellung einer armen Verwandten ein,und das kann mir nie gefallen. Die Familie von Reckwar eine stolze Familie; alle meine Ahnen zeichneten sichdurch diese Eigenschaft aus, und ich arte nach ihnen.Freilich machte mein Vater eine Ausnahme, sonst würdeer an mich gedacht und das reiche Besitzthum nicht sobald verschwendet haben."
Der alte Herr nickte verständnißvoll, dann drückteer mit väterlichem Wohlwollen die Hand der verlassenenjungen Dame, und auf dem Heimwege murmelte er be-ständig vor sich hin: „Das arme Kind — das armeKind! — der Vater war ein Narr, sie so hülflos inder Welt zurückzulassen — warum hat er nicht besserfür sein einziges Kind gesorgt!"
Das ansehnlichste Haus am Marktplatz der kleinenGarnisonstadt W. war das Wohnhaus der verwittwetenFrau von Neinberg. Mit seinem zierlichen Schnitzwexkunter dem hohen Giebeldach zeichnete es sich Vortheilhaftvon den einfachen Nachbarhäusern aus, obgleich die alt-modische Bauart verrieth, daß es schon seit JahrhundertenWind und Wetter getrotzt hatte.
Die Familie Neinberg bewohnte schon seit zehnJahren dasselbe Wohnhaus und zählte zu den Hono-ratioren des Städtchens. Sie gaben die feinsten kleinenGesellschaften, veranstalteten Bälle, arrangirten interessantePicknicks, sogar im Theater oder im Concertgarten stelltendie beiden erwachsenen Töchter, Cecilie und Edith, bereit-willig ihre musikalischen Talente zur Verfügung, wennihre Dienste erwünscht oder erforderlich waren. So wares kein Wunder, daß die Familie Reinberg als Muster-bild häuslicher Zufriedenheit und stillen Glückes vonFreunden und Bekannten hoch gepriesen wurde, undNiemand ahnte, daß hinter der heiteren Maske Cecilien'sunerträgliche Launen und unter jener Edith's Unzufrieden-heit, Neid und Zanksucht verborgen waren.
Mutter und Töchter liebten ein geselliges Leben überalles. Ein kleinerer oder größerer Kreis von Freundenwar häufig in ihrem Hause versammelt, aber trotz allerBemühung hatte es der guten Mutter noch nicht gelingenwollen, ihren Töchtern, deren vielfache Fehler sie sehrgut kannte, zu einem eigenen Heim zu verhelfen.
„Jetzt soll noch dazu eine arme Verwandte zuuns kommen, die vielleicht sogar aus dem Hause plaudert,"murrte Edith, als die drei Damen allein im Wohn-zimmer saßen, in dem die gewöhnliche, heitere Maskeabgelegt wurde, hingegen Uneinigkeit und Streit häufigüberhand nahmen.
„Meine liebe Edith, ich sehe die Nothwendigkeitgar nicht ein, sie überhaupt in unsere Kreise einzuführen,"versetzte höhnend die ältere Schwester. „Wir halten sieeinfach in dem Hintergrund, betrachten sie als Stütze,Näherin, oder wie wir ihre Dienste verwenden können;die Leute sollen gar nicht wissen, daß sie unsere Cousine