Ausgabe 
(25.9.1894) 78
Seite
601
 
Einzelbild herunterladen

zrn

Augsburger Postzeitung".

^L78.

Dinstag, den 25. September

1894.

ssür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Berlag des Literariichen Instituts von Haas sc Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler ).

Die Werte des Kaufes.

Erzählung von C. Borges.

(Nachdruck verboten )

1. Kapitel.

In einem jener herrlichen, von waldbedcckten Hügelnumsäumten Thäler, wie sie die Nachbarländer der Vo-gesen vielfach ausweisen, lag ein einsames, weinbekränztesLandhaus. Der kleine Wohnsitz war seit länger alseinem Jahrhundert Eigenthum der reich begüterten stolzenFamilie von Reck gewesen; doch der letzte Sprosse hattees in unglaublich schneller Zeit verstanden, nicht alleindie umliegenden Güter mit schweren Schulden zu be-lasten, sondern auch sich selbst und seine einzige TochterMelitta gänzlich an den Bettelstab zu bringen.

Doch der leichtsinnige Edelmann sollte die Folgenseiner Verschwendung nicht lange tragen; ein Sturz vomPferde machte inmitten eines Jagdvergnügens seinemLeben ein jähes Ende, seine Tochter fast in Dürftigkeitzurücklassend. Jetzt stand sie anmuthig und stolz zu-gleich im Arbeitszimmer ihres verstorbenen Vaters, ob-wohl sie so arm war, daß sie nicht einmal die behaglicheEinrichtung des Hauses ihr Eigen nennen durfte, dassie von Kindheit an bewohnt hatte. An den Lisch gelehntschaute sie mit thränenlosen, tiefliegenden Augen auf diezahllose Menge von Rechnungen, uneingelösten Schuld-scheinen und anderen Papieren, die der alte AnwaltSchierick mit musterhafter Geduld geordnet und sorg-fältig zusammengelegt hatte.

Ich bin selbst ganz rathlos, Fräulein Melitta,"gestand endlich der alte Herr,und ich sehe augenblicklichgar keinen anderen Ausweg aus diesen unerquicklichenVerhältnissen, als den Vorschlag Ihrer Tante, Frauvon Reinberg, anzunehmen. Es war der letzte WunschIhres sterbenden Vaters, daß Sie bei seiner Stiefschwesterbleiben sollten, und nach ihrem Briefe zu urtheilen, istsie auch nicht abgeneigt, Sie als Hausgenossin aufzu-nehmen."

Eine Wolke des UnmuthS umschattete das bleicheAntlitz des schönen Mädchens; dann blitzte es zornig inihren großen blauen Augen, als sie mit bebender Stimmeerwiderte:

Ja! aber welch' eine Stellung soll ich einnehmen!Ganz und gar von ihren und ihrer Töchter Launen ab-hängig zu sein, für meinen Unterhalt als Schneiderin,Kammerjungfer oder Gesellschafterin ausgenutzt zu werden

und keinen anderen Lohn für meine Dienste zu be-kommen, als das Brod, was ich esse, das ist mir einunerträglicher Gedanke."

Der Ton ihrer Stimme war leidenschaftlich underregt, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sieahnte in diesem Augenblick gewiß nicht, wie sehr sieeinem Meisterwerke glich, aus der Hand des großenSchöpfers hervorgegangen. Der rosige Abendschein um-floß ihre hohe, von einem schlichten, schwarzen Gewandumhüllte Gestalt, die stolz aufgerichtet dastand. Fast un-^ verständlich hatte sie anfangs den weitschweifigen Aus-i einandersetzungen ihres väterlichen Freundes gelauschtund kaum seinen Worten Glauben geschenkt, als er ihrklar und deutlich auseinandersetzte, daß die Güter sohoch verschuldet seien und von dem Schtffbruch so gutwie nichts für sie gerettet werden könne. Dann hattesie unverwandt ihre Blicke auf das ernste Antlitz desalten Anwalts gerichtet, gleichsam als wolle sie in seinertiefsten Seele die Wahrheit seiner Worte ergründen, diesie zuerst für einen grausamen, unzeitigen Scherz ge-halten hatte.

Der alte Herr blickte fast mit einem Gefühl vonScheu und Ehrfurcht in die erregten Züge der jungenDame; erst jetzt kam ihm der wunderbare Reiz ihrerErscheinung zum vollen Bewußtsein, und mit einigemMitleid erfüllte ihn die tiefe Bewegung ihrer Seele, diesich deutlich in ihren Mienen wiederspiegelte.

Der Verstorbene hatte nur wenige Freunde und keineVerwandten, die sich der armen, verlassenen Waise hätteannehmen können. Außer zwei Stiefschwestern, die älterwaren, wie er selbst, hatte er keine Geschwister, undselbst diese hatte er nur sehr selten, Melitta dieselbennie gesehen; diesen seinen einzigen Schwestern hatte ersterbend sein verwaistes Kirid anvertraut.

Die Antwort der beiden Tanten auf die Nachrichtvon dem plötzlichen und unerwarteten Ende des Bruderswar kalt und herzlos. Die älteste, Fräulein Lydiavon Reck, verweigerte kurz und bündig die Erfüllung derletzten Bitte des Bruders. Sie sei viel zu alt, um eineVeränderung in ihrem stillen Haushalte zu treffen, unddie jungen Mädchen von heut zu Tage begnügten sichnicht mit den schlichten, einfachen Gebräuchen von ehedem,schrieb sie ihrer unbekannten Nichte. Die jüngere,Frau von Reinberg, bot zwar Melitta eine Unterkunftin ihrem Hause an; allein sie verlangte so viele Dienstedafür, daß das arme, junge Mädchen wohl zurückschrecken