Ausgabe 
(21.9.1894) 77
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höchst bescheidenen Verhältnissen draußen in Moabit wohnte und daß aus dem stolzen Bankier ein Holz- undKohlen- und Feuerversicherungsagent geworden war.Als mit der neuen Gerichtsordnung das Institut derGerichtsvollzieher an Stelle der Exekutoren ins Lebengerufen wurde, meldete ich mich zur Prüfung und bekamAnstellung.

Wie vom Blitz getroffen war ich vor etlichen Wochen,als ich unter anderem auch einen Auftrag auf Siegelungin Höhe von 640 Markin Sachen Seiffart contra,Manfred und Frau" zugestellt bekam.

Welch' seltsame Fügung! Gepreßten Herzens begabich mich in Zivil hinaus nach Moabit , nach der X . . .-straße Nr. ... Zwei reizende, blondgelockte Knabenspielten vor dem Hause. Betroffen betrachtete ich sieeine Weile, dann fragte ich sie:

Wohnen in diesem Hause Herr und Frau Manfred?"

Ja, mein Herr," erwiderte der eine sehr höflich,das ist mein Papa und meine liebe Mama; sie sindbeide zu Hause, drei Treppen, links."

Ich konnte mich nicht halten; ich nahm den Blond-kopf des Knaben in meine Hände und drückte ihm einenKuß auf die Stirn, dann stieg ich die drei Etagen auf-wärts. Ein etwa sechsjähriges Mädchen, welches denJnngens da unten aufs Haar ähnlich sah, öffnete undließ mich ein. Auf mein Pochen ertönte ein zagendes,unbestimmtesHerein", und in die Stube tretend, ge-wahrte ich meine Schwester am Fenster sitzend über eineNähmaschine gebückt, emsig arbeitend. Der frühere BankierManfred aber saß an einem Tisch und schrieb Manu-skripte ab. Meine Schwester schien mich nicht gleich zuerkennen.

Ich komme in Sachen Seiffart contra, Manfredund Frau," sagte ich laut;Objekt 640 Mark und dieKosten. Können Sie bezahlen? Ich bin der Gerichts-vollzieher Meißel."

Meine Schwester sprang erschrocken auf und starrtemich an; ich aber that alles Mögliche, um, so lange esging, hart zu bleiben.

Es giebt Leute," sagte ich mit Ausdruck,dieUniformen, auch Feldwebelunisormen absolut nicht leidenmögen, geschweige denn Gcrichtsuniform; deshalb bin ichin Zivil gekommen!"

Emil! Emil! Mein Bruder!" rief Louise undstürzte auf mich zu;in solchem Augenblicke müssen wiruns wiedersehen?"

Ich blieb kalt.

Herr Manfred, können Sie bezahlen?" fragteich nochmals,sonst muß ich an die Möbel rc. Siegelanlegen."

Da stürzten plötzlich die beiden blonden Jungensins Zimmer und riefen:

Ach, da ist ja der Herr, der uns nach Papa undMama gefragt hat l Mama," fragte der Kleinere,werist denn dieser Herr?"

Es ist Euer Onkel, Onkel Emil!"

Onkel Emil? Der Offizier, von dem Du unsimmer erzählt hast? Warum hat er denn keinen Säbel?"

Louise erröthete, indeß die beiden Jungens aufmich hinaufklettert« und riefen:Ach, lieber Onkel, Dumußt uns exerziren lernen." Auch das kleine Mädchenkam heran und sagte, einen Knicks machend:GutenTag, lieber Onkel, ich heiße Lieschen!"

Und nun frage ich Sie," sagte Herr Meißel zu

mir,unter solchen Umständen hätte ich jetzt meineSchachtel mit denblauen Dingerchen" hervorziehen undpfänden und versiegeln sollen? Nein, das konnte ichnicht, das vermochte ich nicht. Ich war entwaffnet, warversöhnt. Ich umarmte meine so schwer gedemüthigteSchwester und gab dem beschämt dastehenden Schwagerdie Hand."

Der Kläger Seiffart erhielt am nächsten Tage seine640 Mark. Von wem? Nun, das ist Nebensache!Kosten sind nicht viel entstanden. Und nun, mein Herr,"so schloß der brave Gerichtsvollzieher,können Sie sichwohl denken, wer jene fünf Gäste sind, die ich heute zuMittag habe. Es ist die höchste Zeit, daß ich gehe; deralte Papa lugt gewiß schon aus dem Fenster, ob endlichalle seine Kinder kommen! Nun, Gott befohlen!"

Allerlei.

In Kufstein steht an einem Bäckerhaus an derStraße nach Sparchen folgender Vers:

Früh eh' der Lag noch graut,

Morgens wenn die Erde thaut,

Müssen Bäcker wachen,

Brod und Semmel dachen;

Dies wär' eine feine Kunst,

Hätten sie das Mehl umsonst.

»

Doppelsinnig. Erzieherin:Was? Mit demKinderwagen soll ich durch die Stadt fahren? Und vierKinder d'rin! Das thu' ich nicht! Das hätten Sie mirauch beim Antritt sagen müssen!" Dame:Ich sagteIhnen ja, die Kinder wären schwer zu ziehen!"

»

Das gelobte Land. Gatte swüthendj:Wiederein neues Kleid! O, ich wollte, Du wärest in Kamerun!" Gattin:Warum denn?" Gatte:Da lamentirendie Frauen niemals, daß sie nichts anzuziehen hätten!"

»

Passende Gelegenheit.Du, Sepp,heut' woll'nwir 'nein in die Stadt und den Nazi phoiographir'nlassen, weil ich ihn heut' gerad' g'waschen hab'!"

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Näthselhafte Inschrift.

Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 76:

Weiß. Schwarz.

1. K. §2-83 : -s- K. 82-83 (siebe a)

2. L. 84-86 : T. 88-86: -f- (siehe b)

3. S. 66-84 -i- K. 83-84 (siehe o)

4. T. L2-82 -t- K- 84-65

5. T. 82-85 ch

^Varianten:

L) 1. K. 82-8(6)1

2. T. L2-L1 -s- K. 8(6)1-82

- 3. L. 84-63 -t- K. 8283

4. T. L.1-81 oderS. 66-84 chb) sonst S. 66 - 84 H

o) zieht Schwarz beim dritten Zuge T. 8684:-s-, so folgtWeiß K. 8384: und beim 5. Zuge setzt T. L282 matt.

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