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zweierlei Tuch steckend, wohl auch meine Schuldigkeitgethan habe, beweist dies schwarz-weiße Bündchen, zudem ein eisernes Kreuz gehört, welches ich für Grave-lotte bekam. Zu Ende des Feldzuges, der mir imübrigen auch eine angekochte Bohne in das rechte Betneintrug, war ich Feldwebel und blieb mit meinem Regi-ment bei der Besatzungsarmee unter General von Man-teuffel und kam dann später nach Straßburg in Garnison .
Hier überraschte mich im Jahre 1873 die Nachrichtvon der Heirath meiner Schwester Louise mit dem BankierErnst Manfred, Firma Manfred L Soling. Ich gratu-ltrte meiner Schwester und dem unbekannten Schwagerzu diesem stattgehabten Ereigniß, erwähnte aber mitkeiner Silbe, wie schmerzlich es mich berührt hatte, daßman es nicht der Mühe werth gehalten, wich zur Hoch-zeit einzuladen. Ich erkrankte bald darauf an Gelenk-rheumatismus, und die Folge war, daß ich ein Jahrspäter um den Abschied vom Militärdienst einkam. Alsich in die Wohnung meines alten Vaters trat, da stürzteer weinend an meine Brust und küßte mich stürmisch.„Endlich, endlich," rief er, „bin ich nicht mehr so ganzund gar allein, endlich weiß ich wieder, daß ich einKind habe!"
„Und Schwester Louise? Was ist's mit der?"
„Die?" sagte er schmerzlich bewegt, „die ist einegroße, stolze Dame geworden — steh', sieh' her!" —und der gute alte Mann nahm seinen schwarzen Sonn-tagsrock aus dem Schrank. „Hier, siehst Du dieseStraßenkothflecke, mit denen der Rock übersäet ist? Nun,ich will Dir sagen, wo sie herrühren und warum ich siebis jetzt noch nicht entfernte: Sonntag vor acht Tagen,da machte ich einen kleinen Spaziergang im Thiergarten;da kam plötzlich eine prächtige, mit galonnirten Dienernbespickte Equipage angesaust; ich wollte noch den Dammüberschreiten, aber vorsichtshalber blieb ich im letztenMomente dennoch stehen. Die Equipage sauste hart anmir vorüber, die Rüder aber hatten mich über und übermit Koth bespritzt. Der Herr und die Dame sahen michan; der Herr machte ein gleichgültiges blasirteS Gesicht,die Dame verzog das ihre zn einem freundlich sein sollen-den Lächeln und nickte mir fast unmerklich einen leichtenGruß zu. Nun, Emil, weißt Du, wer diese Dame war?Louise war's! Deine Schwester — meine Tochter!"
„Vater, das kann nicht sein. Du wirst Dich getäuschthaben I Louise kann nimmermehr so undankbar gewordensein; sicherlich hätte sie halten lassen und Dir einenPlatz im Wagen angeboten!" erwiderte ich ihm.
„Nein, nein, ich habe mich nicht getäuscht. Imübrigen hat sie sich seit ihrer Verheiratung höchstens Vier-ibis fünfmal bei mir sehen lassen. Sie behauptet, dasTreppensteigen bekomme ihr nicht, und so oft ich in derprachtvollen Villa in der Thiergartenstraße vorsprach,war immer entweder große Gesellschaft da und ich konntenicht empfangen werden, oder — die Herrschaft warausgefahren, am Lande, oder in Baden-Baden oderEms."
Ich tröstete meinen Vater und sagte ihm, daß ichnach erhaltenem Abschied Aussicht auf eine gute Staats-Zivil-Stellung und in Straßburg ein Schätzlein hätte,dasselbe nach Berlin holen und heirathen werde, unddaß wir dann „vorläufig zu Dreien" zusammen wirth-schaften würden, worüber er ganz glücklich war. NächstenHags konnte ich es denn doch nicht unterlassen, meineSchwester aufzusuchen. Ich bürstete meine Uniform recht
proper und blank und begab mich nach ihrer Herrschaft«lichen Wohnung im Thtergartenviertel.
„Melden Sie den Feldwebel Meißel," sagte ich zueinem Lasten von Bedienten, der mit seiner glattrasirtenVisage einem brasilianischen Affen nicht unähnlich sah.
„Die gnädige Frau läßt sich nicht von jedermannsprechen," sagte er hochfahrend. „Sie sind wohl vomHerrn Oberstleutnant von Naßmeyer geschickt? He?" sonäselte der Kerl.
„Ich bin von gar niemand geschickt," erwiderte ichärgerlich; „ich bin der Bruder von Frau Manfred, hatEr verstanden, Er Lümmel Er?"
Das wirkte. Er machte mir für den Lümmel nochextra eine Verbeugung und meldete mich an.
„Ah, sieh' da, Du bist's, Emil? Na, daS freutmich. Aber sag' 'mal in des Himmels Namen, wiekonntest Du nur in Uniform kommen? Was brauchtdie Dienerschaft zu wissen, daß mein Bruder nur Feld-webel ist? — Man fragte mich einmal, und da erzählteich, ich hätte einen Bruder, der Offizier sei; nun hastDu mich aber in eine schöne Verlegenheit gebracht!"
„DaS geschieht Dir ganz recht, Louise," erwiderteich ihr; „zu was denn diese Lügen, zu welchem Zweckediese Aufschneiderei?"
Ich nahm mir nun kein Blatt mehr vor den Mundund tadelte heftig ihre Undankbarkeit gegen unseren Vater,und das Ende vom Liede war, daß ich sie mit denWorten verließ: „Frau Manfred, wir kennen uns nichtmehr. Adieu! Auf Nimmerwiedersehen!" Wer weiß,ob meine brüderliche Liebe es mit der Zeit zugegebenhätte, Wort zu halten, aber eine Szene, welche ich mitanzuhören Gelegenheit hatte, als ich draußen im Vor-saal meinen Mantel anzog, befestigte mich nur noch mehrin meinem Entschluß. An mir vorüber stürzte nämlichein noch ziemlich junger Mann, den ich der erhaltenenBeschreibung nach sofort als meinen mir persönlich un-bekannten Schwager rekognoszirte. Sein Blick streiftemich nur leicht, aber keineswegs wohlwollend. Er schiensehr erregt und betrat eilends das Zimmer meinerSchwester, welches ich eben verlassen hatte. Gleich daraufhörte ich lauten Wortwechsel: „Hab' ich nicht schon ge-nügend gesellschaftliche Blamage wegen Deiner mangel-haften Bildung? Läßt Du mir nun auch noch Deinelieben Verwandten ins Haus kommen? Die Fenster auf,daß dieser Kaserneuduft verschwindet! Und noch Eineswill ich Dir sagen: dieser fürchterliche Aufwand tuKleidern, Schmuck, Haushalt und so weiter kann nichtlänger dauern! Sieh' hier diese Zeitung, welche ich mitFüßen trete, sie bringt die Nachricht, daß das HausKonrad Söhne Fällst gemacht hat. Das bedeutet fürunsere Firma einen Verlust von einigen HunderttausendenMark! Wir gehen dem Ruin entgegen —"
Ich wollte nicht den Horcher spielen und verließ dieprachtvolle Villa der Thiergartenstraße.
Es schien nicht so schlimm zu stehen mit der FirmaManfred L Comp., denn man hörte nichts Nachteiliges.
Jahre vergingen. Ich hatte mittlerweile meine kleineElsässerin geheiratet und bereits einen „kleinen Meißel"als Stammhalter; da las ich endlich doch in den Zei-tungen von dem Sturz des Bankhauses „Manfred 8eSoling". Mein Vater grämte sich darüber, ich abersagte: „Ja, ja, Hochmuth kommt vor dem Fall!" Ichhörte dann wieder eine Zeit lang nichts von meinerSchwester, endlich aber, daß sie mit ihrem Manne unter