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haben Sie wieder an den Plan gedacht, den wir voreinigen Tagen besprochen haben? Wollten Sie nicht Je-mand engagiren, der Ihnen Ihre Briefe schreiben, vor-lesen oder Sie unterhalten sollte?"
„Hm, ja! ich habe oft daran gedacht, aber denPlan fast wieder verworfen. Aufrichtig gesagt, würdemir eine Dame für diese Stellung besser zusagen, wieein Herr; aber ich kann doch unmöglich einer Damezumuthen zu mir zu kommen, um mir Dienste zu leisten."
„Nein. Aber wenn eine Dame täglich ein paarStunden zu Ihnen käme, wie würde Ihnen das ge-fallen?"
„Meine liebe Lydia, wo in aller Welt sollte ichhier in diesem entlegenen Städtchen eine solche Damefinden?"
Die alte Dame glättete die langen Bänder ihresHutes, dann flüsterte sie nervös.
„Nun," sagte sie nach kurzer Pause, „ich weißeinen Ausweg. Offen gesagt — ich habe noch eineNichte — die Tochter meines Stiefbruders Georg, derauch Ihr Freund war. Er starb vor mehreren Mo-naten und hinterließ sein Kind vollständig mittellos.Frau von Reinberg und ich sind ihre nächsten Verwandten,und es ist unsere Pflicht, uns des armen Kindes anzu-nehmen. Ich leugne nicht, daß ich anfangs mich wei-gerte, sie bei mir aufzunehmen; denn ich hielt sie fürebenso oberflächlich und leichtsinnig, wie junge Mädchenvon heut zu Tage häufig sind, und wie ich es bei meinenNichten gesehen habe. Da nahm Frau von Reinberg siezu sich; sie brauchte eine Stütze, die Mädchen eineSchneiderin; für Kost und Logis wurde sie ausgenutzt.Nun schrieb mir Melitta von Neck vor einigen Tageneinen sehr langen, ausführlichen Brief, in dem sie michbat, ihr zu einer Stelle behülflich zu sein, wo sie auchGeld verdienen könne. — Sie sagte sehr wenig überdie Verhältnisse im Hause; aber, zwischen den Zeilenlesend, fühlte ich gleich heraus, daß das arme Kind un-glücklich war und schlecht behandelt würde. Sie scheintein gutes, rechtschaffenes Kind zu sein, und — um michkurz zu fassen, ich schrieb ihr, sie solle zu mir kommen,damit wir hier die Zukunftspläne ruhig überlegen können.— Da kam mir der Gedanke, daß sie gerade die richtigeGesellschafterin für Sie werden könnte. Sie ist sehrmusikalisch, kann Ihnen Briefe schreiben, vorlesen undIhnen die Zeit vertreiben. Sobald sie zu mir kommt,führe ich sie hierher, und Sie können sich einstweilenden Plan überlegen. Sind Sie damit einverstanden?"
„Hm, ja — — wenn Sie so gut sein wollen,"lautete die lang gedehnte Antwort.
Aber Herr Wellinghof schien durchaus nicht damiteinverstanden zu sein. Er willigte zwar ein, weil ermerkte, daß seine alte Freundin den Plan für gut fand,und er war zu höflich, um ihr etwas abzuschlagen.
„Vielleicht kommt sie noch gar nicht," sagte FräuleinLydia, als sie Abschied nahm. „Aber wenn sie hierist, wird sie gern ein paar Stunden täglich zu Ihnenkommen; sie hat dann gleichzeitig das beruhigende Ge-fühl, nicht nutzlos in der Welt zu sein und Getd zuverdienen."
„Liebe Lydia, wie oft habe ich Ihnen schon gesagt,daß es für eine Dame aus hohem Stande ein be-drückendes Gefühl sein muß, für Geld zu arbeiten I IhreNichte — —"
„Ist daran gewöhnt," ergänzte die alte Dame.
„Sie wird sich freuen, wenn sie kommen darf. AufWiedersehen, Richard. Morgen komme ich wieder, ichmuß doch sehen, wie es dem guten Neffen geht;" dannnickte sie ihrem Freunde ein Lebewohl zu, hüllte sich festin ihren alten grauen Mantel und trat den Rückweg an.
Es war ein weiter Weg bis nach Helmstedt ; denndas große Rittergut lag weit außerhalb des Städtchens,aber die alte Dame achtete des langen Weges nicht. InGedanken versunken wanderte sie ruhig weiter, bis sieihr friedliches Häuschen erreichte, ehe sie selbstdaran gedacht hatte. Als sie den Hausflur betrat, kamihr das treue Dienstmädchen mit den Worten entgegen:
„Sie ist schon da!"
Fräulein von Reck stand still, ihre Hand ruhte aufdem Treppengeländer.
„Wer?" gab sie überrascht zurück.
„Die junge Dame, von der Sie sprachen, FräuleinMelitta von Reck. Was sollen wir jetzt thun; das Frem-denzimmer ist noch nicht für sie hergerichtet — die jungenLeute sind auch heut zu Tage so vorschnell."
„Wo ist sie?"
„In Ihrem Wohnzimmer; wohin sollte ich sie auchsonst führen! Das arme Kind schien vor Kälte halberstarrt, aber sie ist hübsch und scheint engelsgut zu sein."
„Das arme Kind — das arme Kind. Ich willsogleich zu ihr gehen, Elisabeth", sagte die alte Dame,dann eilte sie die Treppe hinan mit der Behendigkeiteines Kindes. (Fortsetzung folgt.)
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Eine Entführung aus Augsburg 1748.
--" (Nachdruck verbotrn.I
H.. R, Nachdem durch den westfälischen Friedens-schluß für die Reichsstadt Augsburg die Gleichheit inweltlichen und geistlichen Angelegenheiten gesichert unddie karitas in xolitiois st aeclesiustioiZ am 11. März1649 in's Leben getreten war, ließen die zwei Haupt-kirchen ängstlich jede Gelegenheit aus dem Wege räumen,welche geeignet sein konnte, den Uebertritt zu dem anderenNeligionsbekenntniß zu begünstigen. Einflußreiche Männerhatten deßhalb die befördere Ausgabe, den Verkehr ihrerGlaubensgenossen mit den Mitgliedern der anderen Kon-fession zu überwachen, und zu diesem Zwecke hielt sich auchder Churfürst von Bayern , dessen Unterthanen in großerZahl als Arbeiter und Dienstboten hier lebten, eineneigenen Religionsagenten oder Aufpasser in der Persondes bischöflichen Burggrafen Hofraths Edlen von Behr,eines weltlichen Beamten. Die Leichtgläubigkeit für Zu-trägereien und ein unbesonnener Eifer dieses Vertrauens-mannes verursachte 1748 einen ärgerlichen Prozeß, wel-cher mit seinen Folgen großes Aufsehen erregte und dessenkurze Darstellung aus den vorliegenden Allen als Kultur-bild noch heutigen Tages einiges Interesse dem Leser ab-gewinnen dürfte.
Die evangelische Wittwe Helene Lotter des Buch-druckers und Buchhändlers Johann Jakob Lotter betriebdas Geschäft ihres verstorbenen Mannes in dem Hause6! 305 auf dem oberen Graben, dem sie sich ungestörtwidmen konnte, weil seit 30 Jahren ihre katholische Dienst-magd Katharina Jordan aus Landsberg die ganze Haus-haltung besorgte. Bisher blieben die beiden Personen wegendes gemischten Hausstandes von der weltlichen und kirch-lichen Obrigkeit unbehelligt, allerdings eine Seltenheit insolchen Fällen. Diese Ruhe störte nun der schon genannteHofrath von Behr, als nach Ostern 1748 ihm die Jordan