Ausgabe 
(2.10.1894) 80
Seite
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4. Kapitel.

Ich wiederhole es Ihnen, wenn mein Neffe Richardvor meinem Tode heirathet und mir eine Frau zuführt,die mir gefällt, die aus ehrbarer Familie ist und feineBildung besitzt, so soll er mein Universalerbe werden.Erfüllt er aber nicht meinen Wunsch, so hinterlasse ichmein Vermögen den Armen oder einem Waisenhause."

Die bleiche Dezembersonne warf ihren matten Scheinin das behaglich durchwärmte Wohnzimmer des alten,gichtgelähmten Gutsbesitzers Wellinghof, der nach län-gerer Unterredung diese Worte an die ihm gegenübersitzende ältere Dame, Lydia von Reck, richtete. Siemochte in früheren Jahren wohl eine Schönheit gewesensein, denn das Alter hatte nicht gänzlich vermocht, diefeinen, edlen Züge aus ihrem Antlitz zu zerstören.Sie galt allgemein für sehr .xcentrisch, und ihr Anzugwar sicherlich weit hinter der Mode zurückgeblieben. Ihrlanger, weiter grauer Mantel war vielleicht ein Erbstückihrer Großmutter, ebenso der ver-blichene Sammethut mit den langenBändern, dessen ursprüngliche Farbenicht einmal mehr zu erkennen war.

Aber das alte Fräulein kümmertesich wenig um die Mode der Neuzeit,noch weniger um das Gerede derLeute, die sich an den alterthüm-lichen Anzug auch schon lange ge-wöhnt hatten. Sie hielt streng analten Sitten und Gebräuchen ihrerJugendzeiten und die Neuerungender Jetztzeit blieben ihr ein ver-schlossenes Buch.

Vor langen, langen Jahren solltesie mit dem reichen GutsnachbarWellinghof ein Paar werden. Beidehatten sich geliebt, waren aber durchdie harte Hand des. Schicksals ge-trennt worden und der reiche Groß-grundbesitzer führte eine andere Dameals Herrin in sein schloßartiges, fürst-lich ausgestattetes Wohnhaus ein.

Lydia von Reck hingegen war un-vermählt geblieben; ob sie ihremersten Geliebten treu blieb, oder obihr ein einsames Leben besser gefiel,wußte man nicht. Aber als nach Ver-lauf von etwa 20 Jahren der alteWellinghof seinen Antrag erneuerte, da seine Gattin in-zwischen gestorben und er kinderlos zurückgeblieben war,schlug Lydia sein Anerbieten kurz und bündig ab.

Ich bin viel zu alt geworden, um jetzt noch meineLebensweise zu ändern," gestand sie ihm,wer so langeeinsam gelebt hat, wie ich, ist altjüngferlich und verkehrtgeworden. Sollte ich jetzt noch die Leitung eines großenHausstandes übernehmen, so würde mir das zu vieleMühe und Sorge machen. Ich habe hinreichend genugmit meiner eigenen Häuslichkeit zu schaffen. Aber ichwill immer Ihre treue Freundin bleiben, Richard, wennSie das wünschen, und wir können uns gegenseitig unsereinsames Leben erheitern. Dann bleibe ich in meinerbehaglichen Häuslichkeit, denn diesem großen, leeren Hausekönnte ich jetzt nicht mehr vorstehen."

Und so lebten die beiden verlassenen Leute in treuerFreundschaft neben einander, zufrieden im gegenseitigen

Vertrauen. Kaum verging ein Tag, an dem nicht diealte Dame den weiten Weg nach dem Gutshof zurück-legte, oder man sah den alten Herrn auf seinem treuenPferde nach Helmstedt zu seiner Freunsin reiten.

Das Hauptthema der Unterhaltung bildete bei ihnengewöhnlich wie auch heute der Erbe des alten Herrn.Selbst kinderlos, mußten die weitläufigen Besitzungenseinem Neffen, dem einzigen Sohne eines jüngeren Bru-ders zufallen, der auch seinen Namen trug. Daß dieserNeffe sich verheirathen möge, war der größte Wunschdes guten, alten Onkels, der so gern vor seinem Todenicht allein einen Nachkommen, sondern wo möglich auchdessen Erben gesehen hätte.

Er liebte den tapferen stolzen Neffen väterlich undfreute sich über die Lorbeeren, die derselbe sich in derArmee errungen hatte. Doch so ofr er auch bat, seinenDienst zu quittiren und die letzien Lebensjahre ihm zuerheitern, so hatte der junge Offizier doch nicht ein-willigen wollen.

Heute, am Weihnachtsmorgcn, alsseine alte Freundin bei ihm amLehnsessel saß, hielt er einen Briefin der Hand, den er soeben vorge-lesen hatte. Der Neffe hatte seineAnkunft für denselben Tag gemeldetund erklärt, daß er gewiß schonfrüher gekommen wäre, wenn eineAbendgesellschaft ihn tags zuvor nichtvon der Reise abgehalten hätte.

Sie können sich darauf ver-lassen," sagte jetzt sinnend der alteHerr,es ist gewiß eine Dame mitim Spiel. Richard kümmert sichwenig um Gesellschaften; er würdeseinen alten Onkel darum nicht ver-nachlässigen."

Die alte Dame nickte zustimmend.Ich hörte, daß er im Hausemeiner Schwester viel ein- und aus-geht," versetzte sie sinnend,aberich fürchte, meine Nichten, die beidenNeinbergs, sind sehr oberflächlicheMädchen, früher waren sie sehr putz-und vergnügungssüchtig und jetzt"Er soll eine Ihrer Nichten hei-rathen, liebe Lydia," unterbrach raschder alte Herr,sie soll mir will-kommensein; ob sie vergnügungssüchtig ist oder nicht, das istnur ein Fehler der Jugend, den sie hier in der Stilledes Landlebens schon ablegen wird. Sie ist aus guterFamilie, und das ist für mich die Hauptsache, und einereiche Frau braucht mein Neffe nicht zu nehmen. Er sollaus Liebe und Neigung heirathen, selbst wenn dasMädchen bettelarm wäre, aber einen guten Charakterhat, soll sie mir willkommen sein."

Wenn er eine meiner Nichten heirathet, so soll sieauch meine Erbin werden," wandte schnell das alleFräulein ein,damit sie doch nicht ganz ohne Vermögenzu ihm kommt. Ich liebe ja Richard selbst wie meineneigenen Sohn, er ist ein herzensguter Mensch. Solltees ihm gelingen, eine meiner beiden Nichten so zu lieben,daß er sie als Gattin heimführt, so will ich nur hoffen,daß die Neinbergs sich geändert haben, so daß sie seinerwürdig sind. Doch dabei fällt mir ein, Richard,

Dr. porsch.