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noch eine Erquickung gönnen. Sogar als die Gäste indas Speisezimmer gingen, sollte die arme Melitta zurUnterhaltung im Spiel fortfahren, trotzdem die eisigeNachtluft durch die geöffneten Fenster einströmte, undsie vor Frost und Kälte zitternd sich kaum aufrecht hal-ten konnte. Sie hatte sich nie in ihrem Leben so un-glücklich und verlassen gefühlt, wie in dieser Stunde,und nur der Brief in ihrer Tasche gab ihr Muth undAusdauer.
Endlich war der Festabend beendet. Vom nahenKirchthurm hörte man das Festgeläute der Weihnachts-glocken, denn Mitternacht war längst vorüber. Melittastand allein. — Ta trat Oberst Wellinghof auf sie zu.
„Fröhliche Weihnachten, Fräulein von Reck," riefer munter, doch als er sah, daß die junge Dame sichcrröthend abwandte, fügte er leise hinzu: „VerzeihenSie meinen Irrthum, — ich hatte Sie wirklich verkannt;"dann führte er ehrerbietig ihre kalte Hand an seineLippen.
„Melitta, wo bist Du? komme in die Garderobe,wo jetzt Dein Platz ist; Frau Herbert hat ihren Pelz-kragen verlegt," hörte man Edith's laute, barsche Stimme.
Die letzten Gäste hatten das Haus verlassen, Me-litta hatte die letzten Lichter gelöscht, jetzt stieg sie er-müdet die Treppe hinan, als die Thür des Wohnzimmerssich öffnete und Frau von Neinberg mit bebenderStimme rief:
„Komm hierher, Melitta, ich habe noch mit Dir zureden."
Melitta gehorchte. Drei zornige Augenpaare blicktensie finster an.
„Mannhaft Du Welltnghof's Bekanntschaft gemacht?"fragte die alte Dame streng.
Melitta erzählte es.
„Aber das rechtfertigt noch nicht Dein Benehmenihm gegenüber. Du hast uns heute Schande gemacht I"
„Jal und Du hast ihn den ganzen Abend mitDeinen Blicken verfolgt! Warum sahst Du nicht aufDeine Noten? Du Heuchlerin! Sogar soeben konntestDu Dich nicht von ihm trennen und ließest Dir ruhigdie Hand küssen. O, es ist empörend!" Edith hatte dieletzten Worte so leidenschaftlich hervorgestoßen, daß ihrfast die Stimme versagte.
Aber wenn man eine gute, stählerne Klinge umge-bogen hat, daß sie sich krümmt, wie ein Reif, dannschnellt sie auch mit Macht kerzengerade empor. So auchMelitta.
Mit hochrothen Wangen und blitzenden Augen standsie fest diesen ungerechten Anschuldigungen gegenüber.
„Ihr seid im Irrthum," begann sie vor innererErregung bebend. „Oberst Wellinghof hat sich getäuscht;er hielt mich für eine andere Dame. Aber es ist heuteder letzte Tag gewesen, daß Ihr mich so schmählich be-handelt habt! Gleich nach dem Weihnachtsfest verlasseich dies Haus und bleibe bei meiner Tante Lydia, diemich aufnehmen will. Sie wird mir gewiß zu einerStellung verhelfen, wo meine Kräfte weniger ausgenutztwerden wie hier, und wo ich wenigstens das Gefühlhabe, für meine Arbeit Geld zu verdienen, und gewißnicht so schlecht behandelt werde, wie es hier geschieht.Ich habe heute den ganzen Abend bis zur Ermattunggespielt; aber Niemand hat daran gedacht, meinen Hungerzu stillen. Von morgens früh bis zum späten Abendhabe ich wie eine Sclavin für Euch gearbeitet — —
und dies ist mein Dank dafür! Das ertrage ich nichtlänger. Wenn ich nicht die Stellung hier im Hauseeinnehmen darf, die mir als Verwandte zukommt, sowill ich tausendmal lieber bei fremden Leuten arbeiten.Am Montag reise ich zu meiner Tante Lydia: schlimmerwie hier habe ich es dort gewiß nicht."
Ohne die Verwandten eines weiteren Blickes zuwürdigen, hatte Melitta schnell das Gemach verlassen.
„Ich möchte, Ihr hättet mich nicht dazu gezwungen,so streng und noch heute mit ihr zu reden," seufzte dieMutter verdrießlich, als sich die Thür geschlossen hatte.Wenn sie wirklich nach Helmstcdt zur Tante Lydia geht,so kann es schlimm für Euch werden; die Tante ist sehrreich, wenn Melitta bei ihr bleibt, so wird sie von ihrerben."
„Es ist allein Ceciliens Schuld," schalt Edith,„sie war viel zu ärgerlich und aufgeregt. Ich glaube jetztselbst, daß Melitta recht hat, und daß der Oberst sichim Irrthum befand. Du hast doch Deine Karten sehrschlecht gespielt, liebe Cecilie," wandte sie sich höhnendan die Schwester, „warum stießest Du Wellinghof sounfreundlich zurück, als er die Täuschung aufklärenwollte? Vielleicht wird er sich jetzt mit mir verloben."
„Ich kümmere mich jetzt nicht mehr um ihn," fuhrdie Beleidigte auf, aber ich sage Dir, er hat den ganzenAbend nur für Melitta Augen gehabt."
„Sie sah auch ganz entzückend aus," mußte Edithzugeben, „und ich freue mich, daß sie fortgeht. VieleHerren fragten nach ihrem Namen und wollten ihr vor-gestellt werden."
„Aber sie soll und darf nicht zur Tante Lydiagehen," rief die Schwester empört. „Mutter, Du mußtsie in ihrem Zimmer einschließen, bis sie das Versprechengibt, hier zu bleiben."
„Wahrlich, Cecilie, Du gehst zu weit; ich denkenicht daran, so etwas zu thun. Ihr habt sie leiderschlecht genug behandelt und mich überredet, ein gleicheszu thun. Jetzt müßt ihr die Folgen tragen, ich treteihr nicht hinderlich in den Weg."
Mittlerweile lag Melitta auf ihrem harten Lagerund versuchte im Schlaf Vergessenheit ihrer traurigenLage zu finden. Aber vergebens. Unruhig wälzte siesich hin und her; endlich kam ihr der quälende Gedanke,daß die Tante ihr vielleicht nicht gestatten würde, dasHaus zu verlassen.
„Ich bin ihnen nützlich gewesen und habe vieleDienste geleistet," grübelte sie, „und vielleicht denkensie, daß Tante Lydia mich als ihre Erbin einsetzt. Viel-leicht schließen sie mich fest ein und lassen mich Hungerssterben! Oh! es ist entsetzlich!"
Ihre krankhaft erregte Phantasie malte sich alleMöglichkeiten in den grellsten Farben aus, bis sie vonihrem Lager aufsprang und mit unruhigen Schrittendas kleine Zimmer durchmaß.
„Tante Lydia will mich aufnehmen," flüsterte siedann, ruhiger werdend, dann fing sie an, ihre wenigenHabseligkeiten zusammen zu packen.
Kaum graute das erste Morgenlicht des Weihnachts-tages, als sie geräuschlos und ungesehen das Haus ver-ließ, die Thür hinter sich schloß und den. Weg zur Bahn-station nahm.