^L 82 .
1894.
»m
„Augsburger Postzeitung".
Dinstag, den 9. October
^ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg lVorbesttzer Dr. Max Huttler ).
Die Werte des Kaufes.
Erzählung von C. Borges.
(Schluß.)
6. Kapitel.
Wieder war das Weihnachtsfest nahe herbeigekom-men; fußhoch bedeckte hart gefrorener Schnee die Erde,es war nicht minder stürmisch und bitter kalt wie imverflossenen Jahre, aber ungeachtet der schlechten Witterungließ Melitta sich nicht überreden, ihre täglichen Wan-derungen nach dem Gutshofe einzustellen. Der einsame,alte Mann vergaß sogar seine körperlichen Schmerzen,und Tante Lydia bemerkte oft scherzend, daß sie eifer-süchtig auf den alten Herrn sei, denn Melitta bleibe fastden ganzen Tag bei ihm, während sie sich mit einigenAbendstunden begnügen müsse.
Auch heute saßen die beiden im großen Lesezimmer,doch Herr Wellinghof schien wenig auf die Lektüre zuachten, so sehr nahmen ihn seine Gedanken in Anspruch.
„Melitta," begann er plötzlich, als diese einen Augen-blick das Buch sinken ließ, „wie alt bist Du?" Er be-trachtete sie schon lange wie sein eigenes Kind und redetesie stets mit dem vertraulichen Du an.
Die Angeredete blickte erstaunt zu ihm empor.
„Ich bin im letzten Sommer zwanzig Jahre alt ge-worden," versetzte sie lächelnd.
„Sol das ist alt genug, um zu heirathen, nichtwahr, oder wie lange willst Du warten?"
Melitta erröthete, aber sie schüttelte ihr Haupt.
„Ich werde niemals heirathen," versicherte sie.
„Bah! das ist Thorheit! Alle Mädchen sollen hei-rathen, das ist ihre Bestimmung. Wie gefällt Dir meinNeffe Richard? Nun, Melitta, — antworte doch!"
Dunkler färbte sich das Noth ihrer Wangen, dieAugenlider senkten sich, und der alte Herr konnte sicheines Lächelns nicht erwehren.
„Er gefällt mir sehr gut," flüsterte sie endlich leise.
„Das freut mich, denn ich bin fest entschlossen,Ihr beide sollt ein Paar werden; Du sollst ihn heirathen.Melitta."
„Ich?!" Melitta war entsetzt von ihrem Sitze auf-gesprungen; ihre Wangen glühten; ihre Augen blitzten.„Oh, Herr Wellinghof, sprechen Sie nicht so, ich — "
„Unsinn, mein Kind," unterbrach er sie rasch. „EheDu zu mir kamst, hörte ich, daß mein Neffe eine DeinerCousinen heirathen wollte, und ich war sehr damit ein-
verstanden, denn ich liebe Eure ganze Familie und freutemich über die Verbindung. Aber seitdem ich Dich kenne,habe ich meine Gesinnung geändert. Frau von Rein-berg's vergnügungssüchtige Töchter passen nicht alsGattin für meinen Neffen, wohl aber Du — und Dusollst ihn heirathen. Ich habe für ihn gewühlt, und ersoll zufrieden sein."
„Wollen Sie Ihren Neffen zwingen, mich zu hei-rathen?" fragte Melitta gespannt.
„Nun — zwingen — ist gerade nicht das richtigeWort, ich möchte es wenigstens nickt anwenden. Aber wenner meinen Wunsch nicht erfüllt, so ist es schlimm für ihn,denn ich kann ihn enterben."
„Und was wird geschehen, wenn ich mich weigere,ihn unter diesen Umstünden zu heirathen?" forschte Me-litta in banger Erwartung weiter.
„Das würde mir eine bittere Enttäuschung sein,die ich kaum überleben möchte. Bedenke, mein Kind,ich habe mich mit dem Gedanken vertraut gemacht, Dichals zukünftige Herrin hier schalten und walten zu sehen,und ich bin zu alt geworden, um mich in neue Ver-hältnisse einzuleben. Ich wünschte sehnlichst, daß meinNeffe noch vor meinem Tode sich eine eigene Häuslich-keit einrichtet; auch habe ich Euch beide beobachtet undbin von Eurer gegenseitigen Liebe überzeugt. Dieser Ge-danke macht mich sehr glücklich, und ich — — —"
„Sie vergessen, daß er mit Cecilie von Neinbergso gut wie verlobt ist," unterbrach Melitta erregt. „Erkennt sie sckon seit langen Jahren, und als ich noch dortim Hause war, hielt sie es für eine Gewißheit, hierHerrin auf dem Gute zu werden."
„Das ist lange vergessen. Vor wenigen Wochen,als er zum letzten Male hier war, fragte ich ihn noch,ob er gesonnen sei, Cecilie oder Edith zu heirathen,und er gab mir die feste Versicherung, gar nicht daranzu denken. Ich bleibe bei meinem Entschluß: er sollDich heirathen, Ihr paßt beide vortrefflich zu einnander."
„Aber wie, wenn er mich nicht liebt?" fragte dasjunge Mädchen titter. „Ich kenne kein häusliches Glückohne gegenseitige Liebe."
„Er liebt Dich; es kann gar nicht anders sein.Es kann Dich Niemand ansehen, ohne Dich zu lieben.Ich muß offen gestehen, wenn ich jünger wäre, so würdeich mich keinen Augenblick besinnen und Dich selbst hei-rathen; — gewiß, ich würde es auf der Stelle thun."