Ausgabe 
(9.10.1894) 82
Seite
634
 
Einzelbild herunterladen

634

Und ich würde Sie auch lieber als Gatten nehmen,als daß Sie Ihren Neffen zwingen"

Hollah! Onkel! hier bin ich wieder," ertönteplötzlich eine helle Stimme.Ich habe drei Tage Ur-laub, die ich nicht besser als bei Dir verbringen kann."

Der junge Offizier hatte die beiden heftig erschrecktund die Unterhaltung jäh abgebrochen. Beide schwiegen;doch der alte Herr erholte sich zuerst von dem Erstaunen.

Ah, mein lieber Junge, freut mich, Dich zu sehen,"rief er aus, ihm glückstrahlend beide Hände entgegen-streckend,wir sprachen gerade von Dir, Melitta und ich."

Allzu gütig," versetzte er, auch Melitta freundlichbegrüßend. Er hatte wider Willen den letzten Theilder Unterhaltung gehört und fand den Argwohn be-stätigt, den Cecilie in sein Herz gesäet hatte.Darfich fragen, welches Interesse für mich genommen wurde?"

Nun, wir hatten gerade überlegt,' daß es für DichZeit sei zu heirathen wenigstens behauptete ich es und wir wählten soeben eine Gattin für Dich."

Es wird spät, ich muß heim," unterbrach ihnMelitta, die kaum ihre Verlegenheit verbergen konnte.Adieu, Herr Wellinghof, ich will die Briefe morgenschreiben."

Mußt Du wirklich schon fort? Mein Neffe sollDich begleiten. Du thust es doch gern, Richard?"

Gewiß, mit Vergnügen," versetzte er schnell. Dochder Ton seiner Stimme strafte seine Worte Lügen, undMelitta merkte es.

Ich ziehe vor, allein zu gehen," wandte sie des-halb ein.Der Herr Oberst ist ja soeben von derReise gekommen; er wird zweifellos müde sein."

Müde? Unsinn, mein Kind! Kein Mann ist zumüde, um eine schöne, junge Dame zu begleiten; nichtwahr, Richard?" fragte der alte Herr mit schalkhaftemLächeln.Beschütze sie gut auf dem Wege, denn sieist jetzt so gut wie mein eigenes Kind, und es wirdnicht lange dauern, so soll sie immer hier bleibenals Herrin meine ich."

Der Offizier erschrak. Er schaute Melitea an, diekaum wagte, die Augen zu erheben, dann bedeckte Leichen-blässe sein Antlitz. Also hatte Cecilie doch Recht ge-habt; das Gerücht war keine leere Vermuthung. Erliebte Melitta so innig und jetzt wollte sie sich fürGeld an seinen alten Onkel verkaufen.

Auch die junge Dame war sichtlich bewegt; freilichaus einem anderen Grunde wie der Offizier, und Pur-purgluth bedeckte ihre Wangen. Es war auch zu fatal,daß der alte Herr so anzügliche Reden führte, nochdazu im Beisein seines Neffen. Sie fühlte sich so ver-wirrt, daß sie gern zehn Jahre ihres Lebens gegebenhätte, um sich allein und unbemerkt zu entfernen; aberihre schwachen Einwendungen blieben unbeachtet.

Der gute Onkel wollte nun einmal seinem Neffenjede Gelegenheit geben, sich ohne Verzug mit seinemLiebling zu verloben. So verließen denn die beiden,die sein einziges Glück auf Erden ausmachten unddie er so sehr liebte, zusammen das Haus, und alssich die Thüre hinter ihnen geschlossen hatte, rieb ersich nach alter Gewohnheit vergnügt die Hände undflüsterte leise:

Er soll sie doch heirathen er soll und wird esthun. Sonst sollte er mir doch den Grund sagen, warumer sich so hartnäckig weigerte."

Darf ich Ihnen gratuliren, Fräulein von Reck?"

waren die ersten Worte des Offiziers, als er mit seinerBegleiterin den Weg über den glitzernden Schnee nachHelmstedt einschlug.

Gratuliren? Wozu denn?" lautete die bestürzteAntwort.

Nun, Sie haben doch das Herz meines alten Onkelsgewonnen!" versetzte er sarkastisch.

Oh, ja! ich liebe ihn sehr, den guten, altenHerrn!" rief Melitta enthusiastisch aus.Er freut sichjetzt immer, wenn ich komme, und es ist mir eine großeBeruhigung, daß ich ihm nützlich sein darf; ich habedoch jetzt einen Lebenszweck."

Eine peinliche Pause trat ein. Der Offizier be-mühte sich vergebens, seinen Unmuth und seine bittereEnttäuschung zu unterdrücken; es wollte ihm nur schwergelingen, sogar der Ton seiner Stimme verrieth seineinnere Bewegung.

Mein Onkel sprach davon, Sie bald als Herrinin seinem Hause zu sehen wird das schon bald sein?"fragte er daher gereizt.

Oh nein, nein. Ich ^ ich"

Sie konnte nicht weiter sprechen; verwirrt stocktesie; dann beschleunigte sie ihre Schritte, in der Hoff-nung, daß ihre hochrothen Wangen und ihre zuckendenLippen nicht von ihm gesehen werden möchten.

Ich dachte nicht, daß Sie nur nach Schätzen undReichthum trachteten, Melitta," fuhr er bitter fort,oderdaß Ihr Lebensglück für glänzendes Gold feil sei. Abervermuthlich sind junge Damen hierin alle gleich; ichwenigstens habe bis jetzt wenig Unterschied in ihnengefunden. Ich gestehe offen, selbst Sie, die ich für eineAusnahme hielt -"

Er vollendete seinen Satz nicht. Seine Begleiterinzuckte schmerzlich zusammen; ihr Antlitz wurde aschfahl,Thränen traten in ihre Augen.

Die Pflicht gebietet mir, jetzt nicht Worte zusagen, die ein Geheimniß in meinem Herzen bleibensollen," fuhr er unbeirrt fort, als Melitta noch immerschwieg,aber glauben Sie mir, Sie werden zeitlebensden Schritt bereuen, den Sie zu machen gedenken. Siekönnen doch unmöglich dem alten Mann mit derselbenLiebe zugethan sein, wie er Sie liebt, und daher schließeich, daß Sie sich nur durch seinen Reichthum blendenlassen. Oh, Melitta, Sie ahnen gar nicht, daß Siedurch vorschnelle Handlung ein Herz von sich gestoßenhaben, das Ihnen bis zum Tode treu gewesen wäre,ein Herz, welches Sie liebt und allein für Sie schlägt-Aber verzeihen Sie mir, ich Hütte nicht sprechen sollen;ich habe mich selbst vergessen. Aber dort kommt jaIhre Tante!"

Wirklich näherte sich die alte Dame in ihrem phan-tastischen Anzüge; durch den hohen Schnee bahnte sie sicheinen Weg und stand nur wenige Schritte von denjungen Leuten entfernt.

Sie schien sehr erstaunt, aber auch hoch erfreut, alssie Melitta in Begleitung des jungen Mannes sah, undaus den erregten Gesichtern schloß sie, daß entweder einMifVerständniß oder ein Streit Ursache dieser Gemüths-bewegung sei.

Aber keines von Beiden erklärte die Erregung, undals bald der Oberst Wellinghof den Rückweg antrat, eilteMelitta fort von der Seite ihrer Tante, stürmte in dasHaus und suchte Schutz in ihrem eigenen Zimmer. Lautschluchzend barg sie ihr Haupt in die weichen Polster