Ausgabe 
(9.10.1894) 82
Seite
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des Sofa's, und aus dem wilden Chaos ihrer Gedankenkamen nur die Worte über ihre Lippen:

Was hat er gemeint? wovon hat er gesprochen?Er denkt, daß ich etwas Schreckliches thun werde! Wasist es nur? Oh! warum ist er hierher gekommen! Ichwollte ihn ja vergessen, und ach! ich kann es nicht!"

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Dir,

Kapitel.Richard,

ich habe eine Gattin

Ich sage esfür Dich gewählt,und ich bin festentschlossen, solange auf Dicheinzureden, bisDu einwilligst,sie zu heirathen.

Es ist doch wahr-lich nicht zu vielverlangt, wennich Dich bitte,eine Nichte mei-ner liebenFreun-din Lydia zuneh-men. Alle sindaus guter Fa-milie und habendie beste Erzieh-ung erhalten; be-sonders die eine,die für Dich be-stimmt ist, hatalle Gaben, Dichglücklich zumachen. Lydiabeabsichtigt auch,sie als ihre Erbineinzusetzen, sodaß"

Mein lieberOnkel, wie ofthabe ich Dirschongesagt, daß diebeiden Reinbergsmir gar nicht ge-fallen; ich würdehöchst unglücklichmit ihnen wer-den," versicherteder junge Mann.

Reinberg's?

Wer verlangtdenn von Dir,daß Du Cecilieoder Edith Rein-

berg heirathen sollst? Eine dieser leichtsinnigen, flatter-haften. Mädchen!" und der alte Herr schlug mit der ge-ballten Faust mit solcher Gewalt auf den Speisetisch,daß die Gläser klirrend zusammenschlugen.Hat denndie gute Lydia keine andere Nichte, als die beiden Rein-berg's?"

Onkel und Neffe saßen beide allein im Speise-zimmer. Es war am letzten Tage vor Richard's Ab-reise, und das alte Fräulein und Melitta waren zumMittagessen auf dem Gutshof geladen. Die Damen

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Geoffroy. Eine bittere Medizin.

hatten sich nach beendetem Mahl in das Wohnzimmerzurückgezogen, aber kaum hatte sich die Thür hinterihnen geschlossen, so begann der alte Herr gleich seinLieblingsthema, das laut und stürmisch genug geführtwurde.

Wer verlangt denn von Dir, daß Du eine vonFrau von Reinberg's Töchtern heirathest?" wiederholteder alte Herr erregt, als sein Neffe noch immer schmieg,aber er starrte entsetzt den Onkel an, als befürchte er,

er habe seinenVerstand ver-loren.

Ja nun ich dachte"stammelte derNeffe.

Was! herausmit der Sprache!

was dachtestDu?"

Ich dachte,Du hättest einederbeidenSchwe-stern für michbestimmt. Ichleugne es garnicht, daß dieälteste, Cecilie,es mir nahe ge-nug gelegt hat,und vielleicht er-weckte ich auchHoffnungen, diein ihrem Herzenein lautes Echofanden, aber zumGlück sah ichmeine Thorheitein, ehe es zuspät war. Seit-dem liebe ich eineAndere, zwarhoffnungslos,und ziehe vor,mein Junggesel-lenlcben weiterzu führen."

Was ?"brauste der alteHerr zornig auf,Du liebst eineAndere und ichweiß nichts da-von? Wer ist es,

heraus mit der Sprache!"

Melitta von Neck. Ja, Onkel; ich gestehe ganzoffen, daß ich sie liebe. Natürlich wußte ich nicht, daßDu sie selbst als Gattin erwählt hattest."

Der alte Herr traute kaum seinen eigenen Ohren.Du liebst Melitta?" rief er dann im größten Erstaunen.

Der Oberst drehte verlegen seinen Schnurrbart, dannnickte er zustimmend.

Mein lieber Junge mein guter, braverSohn! Mein größtes Glück ist erfüllt, jetzt kann ich