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wünschte »gute Nacht" und entfernte sich. Bald daraufwurde daS Licht in der Schenkstube gelöscht, im ganzenHause war e8 dunkel und Alles schien zur Ruhe gegangen.Der Kaufherr beschloß, auf seiner Hut zu sein. Leisewollte er den Riegel vor die Thüre schieben, aber zuseinem Aerger vermochte er gar keinen zu finden, so vieler auch im Dunkeln umhertastete. Noch größer wurdesein Mißmuth, als er nach der Pistole langte und ent-deckte, daß er sie unten habe liegen lassen. Mit vorsich-tigen Schritten ging er daher die Stiege hinab, bis erplötzlich durch ein Paar glotzender Augen und ein dumpfes,drohendes Knurren wieder angehalten wurde.
Zugleich vernahm er unterdrückte, halblaute Stimmen.Er blieb stehen und lauschte. DaS Blut wogte ihm inheißen Wellen zum Herzen, bei dem, was er vernahm.„Seine Pistole hat er drunten auf der Bank liegen lassen,"sagte der Alte. „Es ist also nicht die mindeste Gefahrvorhanden, und Alles geht so glatt und sicher wie sonst.Ich schleiche mich an sein Bett und schlage ihm mit derAxt deu Schädel ein. Indessen grabt Ihr im Hofe eingroßes Loch; wenn ich fertig bin, pfeife ich leise undwerfe ihn durch das Fenster hinab. Ihr verscharrt ihndann mitsammt den Kleidern — wir behalten nichts alsdas Geld — und macht die Grube rasch wieder zu, da-mit wir nicht überrascht werden." — „Wir werden dasUnselige thun," war die Antwort, „sorge Du nur, daßjeder Lärm vermieden wird." Die Flüsternden erhobensich, und Jener, dem ein gräßlicher Tod so nahe schien,schlich in sein Zimmer zurück. Er befand sich in einerunbeschreiblichen Aufregung, sah er sich doch wehrlos indie Hände dieser Mordgesellen gegeben. „Hätte ich nurirgend eine Waffe bei mir," dachte er, „damit ich michwenigstens gegen die Uebermacht vertheidigen könnte!Oder soll ich es dennoch wagen? Allerdings — Einergegen Drei — aber ich habe ja schon manchen Straußglücklich bestanden. Doch nein, wenn es mir auch denMenschen gegenüber gelänge, freien Weg zu schaffen— die Hunde würden mich in Stücke zerreißen, bevorich einen Arm gegen sie erheben könnte!" Er verfiel indüsteres Sinnen. Fern von der Heimath sollte er alsoauf so elende Weise um sein Leben kommen, spurlos ver-schollen sollte er sein für Gattin, Kinder und Eltern,deren einzige Stütze er war! Mit Anstrengung suchte ernach einer Möglichkeit der Rettung. Endlich war seinPlan gefaßt. Er selbst bebte zwar vor dem Grauenvollen,allein es gab keinen andern Weg, dem fürchterlich drohen-den Schicksal zu entgehen. »Himmlischer, verzeihe mir,"betete er, „Du weißt, daß mir nichts anderes Möglichist!" — Entschlossen stellte er sich neben der Thüre aufund wartete.
Eine, zwei Stunden vergingen und Alles blieb todten-still. Nur draußen tobte der Schncesturw, und die Bäumeächzten unter seiner Last gleich Sterbenden. Immerschwärzer wurde der Himmel, immer fester ballte sich dasGewölke, immer dichtere Schneewehen jagten zur Erde.Da — es mochte um Mitternacht sein — ließen sichplötzlich gedämpfte Schritte und ein flüchtiges Knacken derTreppenstufen hören. Die Schritte kamen langsam näher.Der Kaufherr hielt, um seine Stellung nicht zu verrathen,den Athem an. Nun tastet es an der Thürklinke, und nunschleicht es leise über die Schwelle. Näher und näher be-wegt es sich gegen das Lager — jetzt ein vorsichtigesTasten auf der Bettdecke — da — ein dumpfer, gur-gelnder Laut — ein schwerer Fall, und Alles ist wieder
grabeSstill. Leblos, erdrosselt von nervigen Händen, liegtder Verbrecher am Boden. Nun aber gilt es rasch zuhandeln, das grauenhafte Werk entschlossen zu vollenden,wenn die Rettung gelingen soll. Hastig kleidet der Kauf-herr den entseelten Körper in sein eigenes Lederwams,hebt ihn auf das Fenster und läßt einen leisen Pfiff er-tönen. Sofort wurde von unten auf gleiche Weise geant-wortet, der Todte fällt in den Hof hinab, vier Händeergreifen ihn, werfen ihn in eine Grube und schaufelndie Erde wieder darüber.
Als der Kaufherr sich von dem Gelingen der Täuschungversichert hatte, eilte er in die Schenkstube, öffnete leiseein Fenster und schwang sich auf die Landstraße hinaus.Es war höchste Zeit, denn schon leuchteten durch dasDunkel die glühenden Augen zweier Rüden, die vorn Hofeaus seine Anwesenheit wahrgenommen hatten.
Auf eine wilde, stürmische Nacht folgte ein ruhiger,klarer Morgen. Als die kalte Wintersonne heraufstieg,beleuchtete sie einen Trupp Soldaten, deren Helme undWaffen ihre Strahlen blitzend zurückwarfen. Es warendie Schergen der nahen Stadt, unter Führung des ge-retteten Kaufherrn nach der Schenke abgesandt. „Wo istdenn Euer Vater?" fragte der Hauptmann die beidenMissethäter, die beim Anblick des todtgeglaubten GasteSgleichsam zu Stein erstarrten. „Wir wissen es nicht,"stammelten sie endlich, „er ist noch nicht herabgekommen,er muß noch schlafen." — „Wahrscheinlich," spottete derHauptmann, „es ist auch gar nicht zu verwundern, wenner einen so festen Schlaf hat. Nun, wir wollen Euchzeigen, wo Euer Vater ist. Schaufelt einmal die Erdeaus dieser Grube, aber rasch!" Zitternd gehorchten dieUnseligen. Endlich zeigte sich die Leiche des alten Wirthesmit verzerrtem, blutunterlaufenem Antlitz. — „Seht Ihrnun, Ihr Mordbuben, wo Euer Vater ist?" rief jetztflammenden Auges der Hauptmann. „Ihn hat das Ge-richt ereilt, und bevor die Sonne sich neigt, werdet auchIhr Euren Lohn empfangen!"
„Erbarmen, Erbarmen!" winselten die Elenden,während sie auf die Kniee fielen. Kräftige Fäuste rissensie empor, schnürten ihre Hände zusammen; die Soldatennahmen sie in ihre Mitte, und eilig bewegte sich dertraurige Zug nach der Stadt. Die Wintersonne leuchteteüber Thal und Höhen, so strahlend, so herrlich — denTag verschönend, der endlich eine Reihe grauenvoller Ver-brechen sühnte. —
Kreuz- und Auer-KäMt.
1 2 verdirbt so manche Speise,In allen 3 4 zeig' dich weise,
1 4- beherrscht dich als Despot,
2 4 bringt Wunden oder Tod.
8 2 umschließet Geld und Tand,S 1 ein Thier im fremden Land.
Auflösung des Bilder-Näthsels in Nr. 80:Bei jedem Anfang bedenke das Ende.
--WRZS--