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hastig, Du btst's selber t« rief er mit stürmischem Jubel-laut. Und dann gab'S ein freudiges Händeschütteln.
„Graf Altman von Olesburg, Gott zum Gruß!"klang es dagegen. „Wie hätte ich hier im Walde anein Wiedersehen gedacht! Dein Erscheinen lehrt mich, daßwir nicht gar weit vom Ziele meiner Fahrt, von derBisthumshauptstadt, jenem geistigen Brennpunkte desNordens, entfernt sind."
„Freund Tammo, da sprichst Du wahr!« rief derWaidmann lebhaft, nur den Schluß der Rede be-achtend. „Unsere Domschule vereinigt heute Lernbegierigeaus allen Gauen Deutschlands . Selbst fremde Fürsten-söhne kommen der Wissenschaft halber nach unsermHildesheim .«
Tammo ergänzte lächelnd:
„Wo wir selber Latein studirten und heute nochden Wissenschaften oblägen, wenn die Vorsehung eL nichtanders mit uns beschlossen hätte."
„Gleiche Freunde, gleiches Schicksal!« sprach Alt-man. „Uns beide traf durch vorzeitigen Tod der Väterdas Loos, allzufrüh die Würde des Stammherrn antretenzu müssen.«
Tammo senkte bestätigend das blonde Haupt.
„In der gleichen Eigenschaft trieb's wich, so Du Dirdenken kannst, hierher."
„Aha, die Fürsorge des Erbgrafen gilt DeinemBruder Bernward an unserer Domschule,« errieth derJäger. „Was zögern wir? Ich kenne die Pfade undwerde Dich binnen einer Stunde nach unserm Mittel-punkt der Wissenschaft und Künste bringen. MeineSpeergenossen mögen fertig werden ohne mich. Folge mir.«
Seite an Seite ritten die ehemaligen Mitschülerund geistesverwandten Freunde fürbaß.
Freudig berichtete Altman:
„Thangmar , der Vorsteher unserer Domschule, einPriester von hervorragender Gelehrsamkeit, sagte mir,daß Dein Bruder Bernward seine Altersgenossen anEinsicht zehnfach übertreffe. Durch Anlagen, Wißbe-gierde und Fleiß zeichne er sich aus in allen Fächern.Ich selber hatte nicht selten Gelegenheit, seine Fertig-keit in mechanischen Künsten zu bewundern. Ja staune:Um Mutter und Schwester während meiner Kriegs-fahrten bessern Schutz zu gewähren, als unsere Oles-burg sie bieten kann, baute ich mit Erlaubniß des Bi-schofs, Herrn Othwins, in der Umfriedung des festenHildesheim ein Haus aus Stein und Holz. UnsereWohnstätte haben wir dort aufgeschlagen und befindenuns wohl dabei. Während des Baues befolgte ichmanchen klugen Wink des staunenswerth künstlerisch ver-anlagten Knaben. Aus dem wird eine Leuchte derWissenschaft.«
„Ungefragt giebst Du mir erfreulichere Kunde, alsich nur hoffen durfte. Ich sorge freilich, daß DeinStift allzu schmeichelhaft gezeichnet hat," sagte Tammofroh bewegt und fügte rasch die Frage hinzu:
„Wie befindet sich Fräu Frederunde, Deine Mutter?Ich sah die edle Matrone nicht seit meinem Weggangvon der Domschule. Und was macht Dein kleinesSchwesterlein Hildeswitha?"
„Dank für Deine Theilnahme! Erstere weilt, wieich schon angab, in unserem neuen Burghaus zu Hildes-heim , und mein kleines Schwesterlein haben die weisenFrauen des Klosters Gandersheim unter Obhut ge-nommen.«
„So ist sie mit meiner Schwester Judith zusammen.Wie mich das freut!« rief Tammo. „Aebtisstn Ger -berga, des Kaisers gelehrte Base, leitet selber die Er-ziehung der jungen Edelfräulein in sothanem Stift, unddie fromme Dichterin Roswitha, eine Seele voll An-dacht, voll Gluth, begeistert ihre Zöglinge für Kunstund Wissen. Wir dürfen uns glücklich preisen, daßunsere Schwestern so gute Aufnahme gefunden haben.Meines kleinen Bernward in Hildeshcim nahm sich bis-her, wie Du wohl weißt, unser Oheim Volkmar, derDomdiacon, väterlich an. Doch folgt der edle Mann,so hinterbrachte mau mir, einem Rufe auf den UtrechterBischofsstuhl. Mir liegt es daher ob, einen neuen Be-schützer für den Knaben zu suchen.«
„Und darum erlebte ich so unverhoffte Freude, Dirmitten im HtldeSwald zu begegnen," sagte Graf Altman.
Der Andere lachte.
„Meiner Feindschaft gegen die Allerwelts-Heerstraßebin ich treu verblieben. Heute aber ritt ich darum imKreise, oder dieses Waldgebiet ist schier ohn' Ende.«
„Lang ist der Hildeswald zwar, doch wirst Dusogleich sein Ende sehen«, verhieß der junge Watdmannund deutete auf eine lichtere Stelle, durch die man einenmächtigen Münsterthurm gewahren konnte.
Bald war der Ausgang erreicht, und ein weites,von waldigen Hügeln und Bergen umfriedetes Thal thatsich gar lieblich vor dem Blicke auf. Aus wogendenSaatfeldern und grünen Wiesenmatten, von stlberklarem,munterm Flusse umschlängelt erhob sich eine leichte An-höhe. Auf ihr stieg der stolze Dom zum Blau desHimmels empor; sein Thurm glänzte im Sonnengolde.Und rings um das Gotteshaus stand eine große Zahlvon hohen Giebeln, mächtige Wohnstätten von Stein,deren graue Holzdächer wie Silber in der Sonne schil-lerten. Dann kam eine feste Ringmauer mit vielenZinnen und Thürmchen bekrönt; die mochte zwar mehrdes Nutzens halber, als des Zieraths wegen errichtetsein, doch übte sie malerische Wirkung aus, und sie konnteauch beim feindlichen Ueberfalle nur mehr die innere,hart um daS Dommünster angesiedelte Stadt beschirmen.Außerhalb dieser die Domfreiheit umzingelnden Ver-theidigungsmauer war eine neue Stadt erstanden, Giebelan Giebel . Wie Silber und Gold blinkten zahlreicheHolz- und Strohdächer in der Sonne.
„Hildesia, geliebte Stadt, ich grüße Dich!« riefGraf Tammo von Sommerschenburg bei diesem Anblickeentzückt. Und in jugendlichem Ungestüm ging's mit ver-hängtem Zügel der vor anderthalb Jahrhunderten vonKaiser Ludwig dem Frommen gegründeten Bischofsstadtzu. Nur Pfahlwerk und leichte Umzäunung trennte dasäußere Htldesheim vom weiten Lande. Durch ein un-gefüges Holzthor ritten die jungen Grafen in die Stadthinein. Hölzern, mit Schnitzwerk und Malereien ver-ziert waren die Häuser. Daneben gewährte meist einThor freien Blick auf den Hofraum und auf die Ställe.In den ungepstasterten Straßen wanderte Feder- undBorstenvieh vergnügt zwischen den Bürgern umher. Auf-und abwärts, krumm und gerade führten die buntbelebtenGassen bis zur festen Ringmauer. Die Zugbrücke überden tiefen Graben, welcher die innere Stadt abschloß,war niedergelassen. Durch das schwerfällige, gewölbte,mit einer Kapelle bekrönte St. Petersthor ritten dieHerren, nicht ohne vom Wächter angerufen zu werden,in die eigentliche Domfreiheit ein. Dicht neben dem