Ausgabe 
(12.10.1894) 83
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643
 
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mächtigen Münster ragte stattlich die festungsartige thurm-reiche Btschofsburg über die Dächer empor. Alles, wasdazu gehörte, Wohnungen der Domgeistlichen, Häuseradeliger Schirmherren, Klostergebäude, Schulen, ja auchKornspeicher, Scheunen und Mühlen waren daran ge-baut. Es war dort ein frohes geistiges und körper-liches Miteinanderarbeiten. Eines Jeden Fähigkeit kamda zur Geltung, wurde ganz hervorgelockt und zu vollerEntfaltung gebracht.

Mit dem Rufe:Auf Wiedersehen I" trennten sichdie Freunde.

Graf Tammo stand gar bald in dem Gemach, wosein Oheim, Herr Volkmar, zu weilen pflegte. Dort sahman zwischen den Säulen und Rundbogen der kleinenFenster in das liebliche Waldthal mit der brausendenInnerste hinab.

Volkmar war ein hoher breitschultriger Herr in ge-reiftem Mannesalter, gemessen in seinen Geberden undbedächtig in seinen Mienen. Aus feinen liefen blauenAugen leuchtete ein warmer Strahl, als er den jugend-frtschcn, ritterlichen Neffen vor sich sah; doch gab er seinerinneren Herzensfreude keinen lebhaften Ausdruck.

Mein Oheim, ich komme, um dem neu erwähltenBischof von Utrecht Heil und Segen zu wünschen", sagteTammo innig.

Volkmar bot dem Sohne seiner Schwester die Handund sprach mit tiefer, gewaltiger Stimme:

Auf dem Grabe des heiligen Bischofs Athanasiusstehen die Worte;Des Bischofs Ring und Stab sindgar ein schönes Ding, jedoch am jüngsten Tag seh'nwir, wie schwer sie sind."" Im Bewußtsein meinerSchwäche und meines Unwerthes habe ich mich geweigert,die mir zugedachte Würde anzunehmen. Sie ließenmeine Einwendungen nicht gelten. So beuge ich michin Demuth dem Willen der Höhern."

Herr Oheim, die Bischofsmitra wird Eurem wür-digen Haupte gar stattlich stehen," meinte Tammo lächelnd.

Volkmar senhte sorgenschwer:

Wohl dem, den ihr Gewicht nicht zur Erde drückt.Mein Vorgänger auf dem Utrechter Bischofsstuhl, Bal-derich, hat nicht weniger denn achtundfünfzig Jahredazu gebraucht, jenem Hochstift zu Ansehen zu verhelfen.Vier Kaisern diente er in deutscher Treue. Unter Konrad,dem letzten Karolingersproß, trat er die Regierung an,sah unter den hochsinnigen Sachsenkönigen, Heinrich undden heldenmüthigen und gelehrten Ottonen, Deutschland zu neuer Macht und Größe steigen, brachte aber auchsein Hochstift, das er von den Normannen verwüstet, inTrümmern gefunden hatte, durch Weisheit und Umsichtzu hohem GlSnz und Ruhm. In Utrecht schlägt derkaiserliche Hof nicht selten sein Lager auf, und derHandel steht daselbst in hoher Blüthe. Ich selber aber,der ich mich bis heute nur dem himmlischen Reiche Gotteswidmete, sorge, daß ich dem nicht gewachsen sei, welt-liches Gedeihen im Bisthum nur aufrecht zu erhalten."

Seid guten Muthes, Herr Oheim, ein deutschesSprüchwort sagt: Wem Gott giebt ein Amt, dem giebter auch Verstand", warf Tammo lachend hin.

Nun glitt auch ein stilles Lächeln über VolkmarsAntlitz.

Der muß mir freilich noch zu Theil werden",versicherte er. Dann reichte ex dem jungen Ritter noch-mals die Hand:

Verzeih, daß ich inmitten meiner Sorgen fast ver-

gaß, Dich als Gastfreund willkommen zu heißen. Ge-segnet sei Dein Eingang! Lege Deine Rüstung ab, lieb-werther Neffe, und nimm einen Imbiß in meiner Zelle."

Dazu ließ Graf Tammo sich nicht nöthigen. Wah-rend des Vespermahles erhob sich ein lebhaftes Gesprächzwischen den Männern. Der Stammherr von Sommerschen-burg hatte gar viel zu fragen wegen seines jungen BrudersBernward, und Herr Volkmar wußte viel Löbliches zuberichten. Tammos Augen glänzten, während Volkmardas Loblied des jungen Schülers sang; doch plötzlich zogeine ernste Wolke über seine Stirne.

Ihr, theuerster Herr Oheim, nahmt Euch bis heuteso väterlich des Knaben an. Wer wird hinfüro dessenBeschützer sein?"

Der Domherr schaute sinnend vor sich hin.

Am liebsten möchte ich den begabten Jünglingallsogleich mit mir nach Utrecht nehmen, doch soll erseine Studien allhier in der klösterlichen Zucht und Ord-nung unserer der heiligen Maria gewidmeten Hildes-heimer Domschule vollenden und auf die geistliche Weihevorbereitet werden. Bernward ist just in Jahren, woder Geist am bereitwilligsten Eindrücke aufnimmt, diealsdann dem ganzen ferneren Leben gebieten; und darummuß er hier bleiben in der Umgebung unserer bedeuten-den Männer. Ein Beschützer ist dem geistig weit übersein Alter gereiften Jüngling nicht eigentlich von Nöthen;doch dürfte vielleicht Herr Osdag , ein schlichter Mann,der großen Ernst mit demüthiger Frömmigkeit verbindet,ein geeigneter Führer für Bernwards allzu regen Geistsein. Der Genannte ist unsers Herrn Bischofs Othwinrechte Hand und, wie die Mär geht, zu dessen Nach-folger ausersehen. Allein, was zögern wir, zu demhochw. Herrn Othwin selber zu schreiten und seiner Für-sorge den Knaben zu empfehlen! Unser gelehrter HerrOthwin , der schon mit dem großen Kaiser Otto I. nachItalien zog, hat geistige Umsicht, und ihm ist von Gott gegeben, Jeden auf die für ihn passende Stelle zu setzen.Er wird den besten Leiter für unsern Schüler finden.Komm, daß ich Dich zu ihm hinführe."

Der zukünftige Bischof von Utrecht ging vorausund der Erbgraf von Sommerschenbnrg folgte durchlange schier endlose gewölbte Gänge zu einer gewundenenSteintreppe hin. Sie stiegen hinab und traten jetztdurch ein kleines Pförtlein in die von Säulen getrageneVorhalle. Hier aber führte ein gewölbtes Thor in desBischofs Lieblingsaufenthalt, in die Bücherei.

Herr Othwin hatte, als er vor vielen Jahren mitKaiser Otto dem Großen nach Italien gezogen war, dieReliquien des heiligen Epiphanias mitgebracht. Aufdie zu Ehren desselben Heiligen erbaute Kapelle schauteer oft gedankenvoll durch die rundbogigen Fenster hin,wenn die zur Rüste gehende Sonne die schönen Formendes KirchleinL im Purpurschein erglühen ließ. Auchdie ringsum alle Wände bedeckenden Bücherschätze eswaren Pergamentrollen und kunstvoll ausgemalte Fo-lianten hatte der Bischof zum großen Theil vonjenseits der Alpen, von Rom, von Verona und vonPavia mit herübergebracht; auch sie gemahnten ihn a»vergangene Zeiten.

Hier in diesem Gewölbe, wo der Oberhirte mancheTage und auch gar manche Nächte lesend und schreibet»zugebracht, saß er anjetzo in ernster Zwiesprache mitseinem Freund und Vertrauten, mit dem Domherrn Os-dag. Dessen erprobten Rath heischte er in zweifelhaftenFällen.