Ausgabe 
(12.10.1894) 83
Seite
644
 
Einzelbild herunterladen

644

Den Bischof verrieth das verbrämte violette Falten-kletd und das goldene mit leuchtenden Edelsteinen ge-schmückte Brustkreuz. Herr Othwin war von gedrungenemWüchse bet mittlerer Größe. In seinen Bewegungenlag viel Würde und Manneskraft. Das ungedämpfteFeuer seiner dunklen Augen, der rasch wechselnde Aus-druck des noch frischen Antlitzes überraschte bei dem grauenHaar, welches unter dem violetten Sammtmützchen her-vorquoll. Sothanes Sammtmützchen war bei der leb-haften Gemiithsart des Prälaten auf fortwährender Wan-derung von der Stirne zum Nacken und vom Nackenzur Stirne begriffen. Ebenso hatte besagtes Brustkreuzselten Ruhe; der bis in die Fingerspitzen ausgeprägteThütigkeitstrieb des Kirchenfürsten litt daS nicht.

Herr Osdag , so ihm gegenüber saß, war ein un-scheinbares, schmächtiges Männlein, grau in grau. Seinkleines, faltenreiches Gcsichtchen hätte wohl Keiner be-achtet, wenn nicht zwei sternartige Augen daraus her-vorgesprüht und ihm Bedeutung gegeben hätten.

Den beiden Würdenträgern war der ritterlicheSproß von Sommerschenburg gar wohl bekannt. Unddaß er als Zögling der Domschule noch von ehedem ingutem Ansehen bei ihnen stand, das bewies die Wärme,mit der sie ihn willkommen hießen. Der feurige BischofOthwin ging selber ihm entgegen und umschloß dieRechte des Grafen mit beiden Händen.

Mein junger Freund, die Sorgen, so Euch Her-trieben, sind uns vertraut, und ich verrathe Euch, wirtheilen sie. Es handelt sich ja um die Blüthe unsererDomschule, um Bernward , der seinen Wegweiser inunserm Herrn Volkmar verliert. Der Hervorragende darfnicht nach der allgemeinen Richtschnur erzogen werden.Seinem regen Geist muß wieder ein hervorragenderLenker mit besonderer Sorgfalt zur Seite stehen."

Rasch fiel Herr Volkmar ein:

Einen solchen glaube ich allhier in unserm FreundeOsdag gefunden zu haben."

Was meint Ihr dazu, vielgelehrter Herr?" fragteder Oberhirt und lächelte schalkhaft.

Der Dompriester antwortete bedächtig, aber ohneVerzug:

Mit Freuden würde ich das Gärtneramt bei demjungen Eichbaum übernehmen, so Ihr mich damit be-trauen wolltet."

Der Bischof schüttelte den Kopf.

Mit Nichten, mein Preiswerther Freund. Ihrwäret gleichermaßen allzu demüthig und allzu strenge,währenddessen entfaltete Euer trieb kräftiger Eickenbaumsich mächtig nach allen Seiten. Zudem, Herr Osdag ,sollt Ihr Eure ungctheilte Kraft der Leitung des Bis-thums erhalten, wenn Euer Bischof, wie das nicht seltensich ereignet, auf Reisen gehen muß. Es ist meineMeinung, daß Bernward unserem Bibliothekar und No-tarius, dem treuen, jugendkrästigen Vorsteher unsererDomschule, ganz übergeben werden soll. Wenn schondieser stürmische Sachse Thaugmar nicht mehr als sieben-undzwanzig Lenze zählt, so hat sein beherrschender Ein-fluß die Hildesheimer Schule zu hoher Blüthe gebracht.Thangmar liebt den wißbegierigen, den hervorragendenKnaben, er ist ihm geistesverwandt, er steht in täglichemVerkehr mit ihm. Nimmt er doch, wie uns bekannt,selbigen Lieblingsschüler auf Reisen mit, wenn er füruns in juristischen Obliegenheiten bet der Verwaltungunserer Kirchengüter sich nach auswärts begeben muß.

Die beiden jungen Weltweisen verlieren sich dabei, alsoberichtet Thangmar , nicht selten in die tiefsten Geheim-nisse der Philosophie."

Herr Bischof , Ihr habt den Rechten getroffen.Laßt ihn hierher entbieten", entschied Herr Osdag freudig.

Volkmar nickte zustimmend. Herr Othwin willfahrtegerne.

Bald darauf gab das Echo des langen Ganges schallend die schnellkräftigen Schritte des herbeigerufenenLehrmeisters wieder, und dann erschien Thangmar imThorbogen. Mit einer hochstrebenden, ernst-prächtigenEdeltanne verglichen ihn die Schüler, und wahrlich, nichtmit Unrecht. Groß, schlank und breitschultrig stand derRecke im dunklen Priesterkleide da. Hochblondes Haupt-haar umwallte frei das gedankenbewegte sinnige Antlitz.In diesen stahlgrauen Augen lag feste Willenskraft, jablitzte auch noch etwas vom alten, leidenschaftlichenSachsentrotz.

Thangmar , eS ist eine Verfügung über Euch er-gangen. Ihr sollet an Herrn Volkmars, des zukünftigenBischofs von Utrecht, Stelle den Knaben Bernward ganzin Euere Obhut nehmen," also redete Othwin den Ein-tretenden an.

Thangmars Auge leuchtete bei solcher Eröffnungfreudig aus, seine Wangen rötheten sich.

Zur Ausführung des Herzenswunsches läßt derMensch sich allzugerne sonder Zagen und Zaudern be-fehligen. Ich danke Euch, mein hoher Herr, für dasVertrauen," entgegnete er rasch und beugte demüthig feinKnie vor dem Oberhirten.

Der machte das Kreuzzeichen über ihn und sprachfeierlich:

Im Namen des dreieinigen Gottes empfanget meinenSegen zu dem engelhaften Schützeramt." In leichteremTone fügte er alsdann hinzu:

Und nun berichtet uns und besonders HerrnTammo, dem Bruder Eueres Lieblingsschülers, von denFortschritten des Knaben."

Dazu ließ der Gelehrte sich nicht zweimal auf-fordern. Feurig unaufhaltsam floß die Rede von seinenLippen zum Lobe des jungen Schützlings.

Wie man vom Propheten Daniel liest, ist Bern-ward seinen Altersgenossen an jeglicher Einsicht über-legen. Denn von himmlischem Lichte überstrahlt, er-forscht er schon jetzt in wunderbar scharfsinniger Be-trachtung und unermüdlichem Fleiß das Innere dergöttlichen Lehre. Theils beim gemeinschaftlichen Unter-richte mit allen übrigen, theils mit denen, die er als dieeifrigsten in heiligster Betrachtung erkannt und vertrau-lich bei Seite genommen, prüft er durch aufgeworfeneFragen alles, was ihm Zweifel erregt, bis auf denGrund. Stets finde ich ihn mit buntem Farbenschmuckder Tugenden über seine Jahre bekleidet. Fast keine,nicht einmal die Erhslungsstunde, kann ihn der Un-thätigkeit beschuldigen. Und obgleich sein Geist von leb-haftem Feuer für jede höhere Wissenschaft entzündet ist,verwendet er nichtsdestoweniger auch Fleiß auf dieleichteren Künste, welche wir die mechanischen nennen.Im Schreiben glänzt er besonders hervor, und dieMalerei übt er mit Geschick und Feinheit. Ich sagenicht zuviel, wenn ich Bernward den Stolz und dieZierde unserer weit berühmten Domschule nenne."

Herr Thangmar, Euere Schilderung ruft fast daSBegehren in mir wach, meinen Bruder heimlich zu be-