Ausgabe 
(12.10.1894) 83
Seite
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lauschen, ehe denn, ich ihn begrüße", also unterbrachTammo leise den begeisterten Vortrag des Lehrmeisters.

Euerm Wunsche soll willfahrt werden, Herr Graf,und allsogleich. Die Zöglinge der Domschule vergnügensich freilich in dieser Stunde nach des Tages Mühendraußen im Hofe; aber gerade in solchen Freistundenprägt sich die Eigenart der Schüler deutlicher aus, alswährend des Unterrichtes. Kommt mit mir auf meineZelle."

Dieser Aufforderung Thangmars folgte nicht alleinder junge Graf von Sommerschenburg , sondern mit er-regter und erhöhter Theilnahme auch der Bischof unddie beiden Prälaten.

Aus vergitterten Bogenfenstern schauten die Herrenalsdann in den großen Burghof; der war allerseits vonhohen Gebäuden umschlossen. Die Baulichkeiten mochtenwohl verschiedenerlei Bestimmung haben; sie entstammtenauch zum Theil noch dem vergangenen Jahrhundert.Einheitlich aber zog sich ein weiter, bedachter Säulen-gang den vier Seiten entlang, damit die Schüler auchbet schlechtem Wetter lustwandeln konnten, wie es ihnen gefiel.

Das war, wie es sich vorausdenken ließ, ein reges,ein vielgestaltiges Leben dort unten, und es kosteteMühe, die Einzelnen aus dem Wirrsal herauszufinden.Wohl fünfzig Knaben und Jünglinge von sechs bis zuzwanzig Lebensjahren tummelten sich in dem von Lin-denbäumen beschatteten Hofe umher, froh, den gebräuntenEichenholzbänken auf einige Stunden entronnen zu sein.Schon an dem Aeußern der Schüler sah man, daß dieverschiedensten deutschen Volksstämme ihre Vertreter nachder weitbekannten Hildesheimer Domschule gesandt hatten.Die meisten freilich trugen sächsisches Gepräge; aber auchder lebhaften Franken, der braungelockten Thüringer,der brettkrüftig gebauten Bayern konnte man manche ge-wahren. In einer entfernten Ecke hinter dem altenBrunnen,welcher den Mittelpunkt des weitschichtigen Hofes bildete,lagen die jüngeren Schüler unter Hellem Jubel demBallspiele ob, wobei es ohne etwelche Balgereien nichtabging. Einige der älteren ergingen sich unter denstillen Säulenhallen in ersprießlichem Gedankenaustausch.Auch unter dem Bogenfenster von Thangmars Zellehatte sich eine ernste Gruppe von gereifteren Schülerngebildet. Ein winziges Knäblein von zartem Glieder-bau, schlichtem, braunem Haar und klugen, beredtenAugen hatte sich in deren Kreis gemischt. Gar wunder-lich stand das braune bis an die Knöchel reichendeMonchsröcklein, die Bekleidung aller Schüler, dem Kindezu Gesicht.

Wer ist das Bürschchen?" fragte Tammo lächelnd.

Das ist ein Reis vom sächsischen Kaiserstamme,des Baycrnherzogs Heinrich gleichnamiges Söhnlein,welches uns vor wenig Wochen zur Erziehung über-geben wurde", erläuterte Thangmar bereitwillig.Hieraber muß auch Bernward nicht weit entfernt sein, dennder kleine zukünftige Bayernherzog sucht, wie von innererEingebung getrieben, stets des klugen, freundlichen Bern-ward Nähe auf."

Er reckte den Hals.

Ja, wahrlich, ich hatte Recht. Hier sehen wirgerade auf des Gesuchten blonden Scheitel."

Auch die Prälaten schauten hinab.

Der Jüngling von Sommerschenburg ritzt mitseinem Stäbe geometrische Figuren in den Sand", äußertedarauf der Bischof erstaunt.

Ja, darin ist er groß. Schaut nur zu", sprachThangmar stolz.

Die andern Knaben aber ließen dem Stillbeschäf-tigten keine Ruhe.

Bernward, Bernward, jetzt soll unsere Frage Dichin Verlegenheit bringen", also redete der blonde Ekke-hard, eines Freilings Sohn aus Harsum , ihn an.

»Ja, fragt nur. Der Vielgelehrte weiß zu ant-worten", lachte Benno von der Elbe Mittelläufe undfügte ernster hinzu:

Wenn wir an diesen heißen Sommernachmittagennur halb im Schlafe die vorgetragene Kathederweisheithören, so erfaßt Bernwards nimmermüder Geist mit ge-spanntester Aufmerksamkeit Alles gründlich. Wenn wirdann vor dem Nachtgebet noch eine Weile der Abend-kühle genießen dürfen, so ist es Bernward, der unserernunmehr frischeren Auffassungsgabe aufs Neue die Lehrenahe bringt, die Nachmittags vergebens in unser ver-dorrtes Hirn zu dringen suchte."

(Fortsetzung folgt.)

-ttWi--

Nord-Ostsee-Kanal mit der Schleusenanlage inHoltenau bei Kiel .

Nachdruck nur mit Gkirehmigung did VcrsassrrS gestatlck.

Von einem unserer Berichterstatter, welcher kürzlichden Nordostseekanal, speciell die Schleusenanlagen inHoltenau besuchte, geht uns eine sehr interessante Be-schreibung dieses Riesenwerkes der Neuzeit zu, welchewir unseren Lesern im Nachfolegnden nicht vorenthaltenwollen.

Der Nord-Ostsee-Kanal stellt eine direkte Verbin-dung zwischen der Ost- und Nordsee her, um auchgrößeren und sogar großen Schiffen die Durchfahrt instürmischen Jahreszeiten zu gestatten, wodurch die Reiseum Jütland , Kap Skagen, für die Schifffahrt ganz be-sonders gefährlich, umgangen wird. Außerdem tritt auchdurch die Benutzung des Kanals für die betreffendenFahrzeuge eine Zeitersparniß ein, weil die Reisedauerdurch denselben eine kürzere ist, was für die Schiffe derHandelsmarine immer, für die Kriegsmarine im Falles einesKrieges von Bedeutung ist. Die ganze Länge des Kanalsbetrügt ca. 98 lrm (seine Endstationen find Holtenau undBrunsbüttelhafen bei Brunsbüttel), die Breite im Wasser-spiegel ist 66 und die Tiefe 9 m. Auf der ganzen Länge be-finden sich 6 Ausweichestellen, d. h. Verbreiterungen, ge-wissermaßen Nischen, in denen sich zwei große Schiffe, z. B.Kriegsschiffe oder große Handelsschiffe, ausweichen können.Von zwei sich entgegenkommenden Schiffen legt sich einsin die Weiche, während das andere vorbeifährt. KleinereFahrzeuge fahren an jeder Stelle des Kanals an einandervorüber.

Eine direkte Verbindung beider Meere war schonfrüher vorhanden durch die Eider und den Eiderkanal,der bei Holtenau und Tönning mündete. Diese Wasser-straße war aber nur für kleine Fahrzeuge berechnet, dader Lauf der Eider unzählige kurze Krümmungen aus-wies, in denen lange Fahrzeuge schlecht oder gar nichtdrehen konnten und auch die Tiefe nicht genügend großwar. Der Uebelstand ist bei dem neuen Kanal dadurchbeseitigt, daß er fast durchweg geraden Lauf hat, wo-durch auch den längsten Schiffen das Durchführen er-möglicht ist. Die beiden Endschleusen (außer diesen sind