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Die Fürsten , so sich bisher fremd gehalten undvermeint hatten, ein anzulächelndes, unmündiges Kindauf dem Throne zu finden, waren überrascht von derHoheit und der selbstbewußten Ueberlegcnheit, mit welcherder achtjährige Knabe sie huldvoll empfing. Sein gold-blondes Lockenhaar, das gleich Löwenmähnen ihm Hauptund Schultern umwallte, erinnerte an den Ahnen Otto I.,den „rothen Löwen," sein fein, fast allzuscharf gezeich-netes Antlitz mit den großen, gebietenden, dunklen Augenan die Griechin Theophano , seine Mutter. Die gold-gestickten Gewänder, den Purpurmantel und die Kronetrug der jugendliche Herrscher so anmuthreich, als ob ergewohnt sei, in solchem königlichen Schmucke alltäglicheinherzuschreiten.
Vor der geistesstarken Frau aber, der Herrin Theo-phano , welche ihm zur Seite stand, die selber mit demTitel „Kaiser " auftrat, selber zu Gericht saß, Urkundenausstellte, alle Hohcitsrechte mit Umsicht und. Entschieden-heit wahrte, beugte sich unwillkürlich auch der Wider-strebende. Die Gewalt des Kaisertums verband sichin ihr mit dem Zauber holder Weiblichkeit. Die strengeuSachsen hatten ihr zum Vorwurf gemacht, fremde Sitten,fremde üppige Kleidung, byzantinischen Prunk eingeführtzu haben. Wie sie aber heute dastand in ihrem ausfeinstem Byssus gewebten, mit Gold durchwirkten Schlepp-gewände, dem purpurfarbenen, mit Gemmen und Perlenbesetzten Oberkleide, das von juwelenflimmerndem Gürtelum den schlanken Leib zusammengehalten wurde, währendin schwerem malerischem Faltenwurf der Kaisermantelaus strahlendem Goldstoff ihr von den Schultern zurErde wallte, wie sie dastand mit dem wallenden dunklenHaar, halb verdeckt von durchsichtig glitzerndem Schleier-gewebe, gekrönt mit dem kaiserlichen Diadem, da konntekeiner sich dem Einflüsse ihrer edelschönen Erscheinungentziehen. — „Heil Otto, Heil Theophano!" klang eshundertstimmig wieder von den hohen Wänden.
Die große öffentliche Burghalle war der einzigeRaum der deutschen Kaiserfpalz, in welchem der ver-feinerte, Prunkliebende Sinn der edlen Griechin Theo-phano seine Herrschaft nicht geltend gemacht hatte. Dierauhen deutschen Recken, welche lange nicht in Quedlin-burg gewesen, trauten ihren Augen kaum, als sie dieehedem so kahlen Wände der inneren Burg mit bunt-farbigen syrischen Teppichen umhängen, die Steinbödenmit weichem indischem Gewebe bedeckt fanden. Der hoheSpeisesaal nun gar, in Heller heiterer Farbenpracht zumFestmahle geschmückt, dünkte den deutschen Herren wieder Schauplatz eines orientalischen Märchens. KöstlicheBlüthendüfte mischten sich allhier mit aromatischen Rauch-wolken, welche silbernen Dreifüßen entstiegen. Dasschimmernde, in weiche und malerische Falten gelegte
Gewebe der Wandbekleidung wurde von fremdartigen,stark duftenden Blumen umrankt. Lautlos versank dermetallbeschwerte Fuß der deutschen Helden in schwellen-den Teppichen. Die von weißem Linnen glänzendeTafel war mit silbernem und goldenem Geräth geziert.
Wie wundersam, wie lauschig ausgestattet aber warder behagliche Raum in der Höhe, der Altan, von wel-chem aus die jungen Prinzen und Prinzessinnen und dieEdelfräulein des Hofes sich das Festmahl ansahen, anwelchem sie selber nicht Theil nehmen durften; desto
eifriger aber ließen sie ihre Aeuglein forschen, denen
nämlich nichts entging, was dort an der Tafelrunde
sich ereignete.
„Blumenkörblein", also hatten die höfischen Ritterden Frauenaltau getauft.
Als schönste Rose des Kranzes galt die Kaisers-tochter Sophia. Sie war ihrer Mutter in allen Stückenähnlich. Das war dieselbe schlanke Gestalt, dasselbe edlewie aus bleichem Marmor geschnittene Antlitz, belebtvon herrlich funkelnden schwarzen Augen, umrahmt vondunklem Lockenhaar. Nur war auf die schönen Zügeder Prinzessin ein leidenschaftlicher stolzer Ausdruck ge-prägt; ein hohes Herrscherbewußtsein sprach aus diesemvornehmen Antlitz, während die Kaiserin, die klug undgeschickt mit wahrhaft männlicher Kraft das Reich lenkte,nur den Ausdruck bescheidener Festigkeit zeigte.
Die jüngere Prinzessin, die blonde Adelheid , er-schien ganz als das Ebenbild jener, deren Namen sietrug, als das Ebenbild ihrer Großmutter Adelheid , Ottosdes Großen Gemahlin, so Roswitha von Gandersheim einst besungen hatte als „herrlich im Schmuck königlicherGestalt, hervorleuchtend durch Geist und strahlend volllauterer Güte."
Das waren zwei verschiedene Rosen auf einemStengel; die wurden umgeben von wunderlieblichen Tau-sendschön, von sinnigen Vergißmeinnicht, prächtigen Tul-pen, graziösen Nelken und zarten Veilchen. Unter diesemlieblichen Blumengefolge waren gar manche kluge undfcingebildete Griechenkinder; aber die Sachsentöchter, sosich darunter mischten, standen den fremden weder anSchönheit noch an Wissen nach. Die Prinzessinnenhatten beide in Gandersheim ihre gelehrte Bildung er-halten, und Zöglinge aus Gandersheim fanden sie so-gleich unter den Hofdamen: die goldlockige Hildeswithavon Olcsburg und deren Freundin, die braunäugigesinnjg-ernste Hedwig von Steterburg.
Dort unten im festlichen Saale reihten sich dieFürsten um die Tafel. Da leisteten in versöhnlichsterEintracht die Großen des Reiches dem jungen KaiserDienste beim Ehrenmahle.
Der ehrgeizige Heinrich von Bayern , der sich ehe-dem allzu gerne die Krone selber auf's Haupt gesetzthätte, versah heute demüthig die Stelle des Mundschenken.Seinen heranreifenden, hochaufgeschossenen Sohn Heinrichhatte er mitgebracht, auf daß auch der den Vasalleneidleiste. Ihn mahnte er:
„Widersetze Dich nie Deinem Herrn und König:denn ich fühle tiefe Neue, dies jemals gethan zu haben."
Wer den Reuigen getröstet hätte mit der Verheiß-ung, daß sein Sohn nach vierzehn Jahren an StelleOttos das deutsche Reich regiere als Kaiser Heinrich II.mit dem Zunamen „der Heilige" !
Neben Heinrich von Bayern versahen den Dienstbeim Mahle: Heinrich von Kärnten als Truchseß, Kon-rad von Schwaben als Kämmerer, Bernhard von Sachsenals Marschall. Ein herzerfreulicher Anblick.
Theophano thronte in kaiserlicher Hoheit als einzigeFrau an der Tafel. Ihr zur Rechten saß Willegis, derErzbischof und Reichskanzler. Gegenüber auf erhöhtemSessel saß der junge Kaiser, ein schlichter junger Priesterihm zur Seite. Der Ausdruck ernster Festigkeit, dieMerkmale großer Geistesthätigkeit, welche auf des letzterenadeligen Gesichtszügen hervortraten, kurz das hehre Wesendieses Mannes kennzeichnete ihn als eine außergewöhn-liche Erscheinung, die wohl der Geistesvorzüge halberden ersten Platz beanspruchen durfte. Das war GrafBernward von Sommerschenburg, des Kaisers vielgelehrter