Ausgabe 
(30.10.1894) 88
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Das einfache Hildesheim hatte die Prüfung gutbestanden; denn Herr Osdag hatte seine Ansprüchemuthig und pflichtgetreu zu wahren gewußt.

Willegis war mißmuthig, daß er seine vermeitnlichenRechte gekränkt sah. Er wollte aber als würdiger Prie-ster an heiliger Stätte seinen Groll an sich halten undjeden Streit vermeiden.

So konnte Herr Thangmar nach kurzer Verstän-digung mit dem Erzbtschofe voll heiliger Freude denAnwesenden verkünden, daß der Herr Erzbischof vonMainz kein Recht auf die Gandersheimer Kirche für sichin Anspruch nehme, es sei denn mit Bestimmung undErlaubniß des Hildesheimer Stuhls.

Herr Osdag segnete hierauf den Schleier Sophias,sehte sich nieder mit der Jnful geschmückt und breiteteden zarten Stoff über das gesenkte Haupt und die Schul-tern der Kaiserstochter, wobei er die Worte sprach:

Nimm hin den heiligen Schleier und erkenne da-durch, daß Du entsagt hast der Welt und als eineBraut Dich wahrhaft und in Demuth und mit Zustimm-ung Deines ganzen Herzens Jesu Christo geweiht hast.Er bewahre Dich vor allem Bösen und führe Dich zumewigen Leben."

Frau Gerberga, welche das Amt hatte, die Jung-frauen ihrem Bischöfe vorzuführen, vermochte die'er Ver-pflichtung zu ihrem Schmerze nicht nachzukommen. EineLähmung bannte sie an ihren Thronsessel. Statt ihrerwaltete eine würdige Vertreterin.

Judith, ihre so geliebte Schülerin, die heiligmäßigeAebtissin von Ringelheim , war auf Gerbergas Wunschin letzter Stunde eingetroffen und versah willig dasAmt der geistigen Brautführerin.

Je zwei und zwei knieten die zu weihenden Jung-frauen, von Bernwards edler Schwester Judith geführt,vor ihrem Bischöfe nieder und empfingen von seinerHand ihre Schleier. Dann sangen sie lieblich die Worteder hl. Agnes:

Er hat ein Zeichen in mein Angesicht geschrieben,daß ich außer ihm keinen Bräutigam annehme!"

Hierauf wurden sie von Judith an ihre Plätzezurückgeleitet.

Herr Osdag begann allsogleich den sinnreichen bi-blischen Gesang:

Geliebte! Komme zu Deiner Vermählung. DerWinter ist vergangen, die Turteltaube girrt, die blühen-den Rebstöcke duften lieblichen Wohlgeruch!"

Dann wurden die Jungfrauea wieder in derselbenOrdnung dem Bischöfe vorgestellt.

Dieser steckte Jeder den geweihten Ring an denFinger und sprach feierlich die Worte:

Ich vermähle Dich Jesu Christo, dem Sohne deshöchsten Vaters, welcher Dich unbefleckt bewahren möge!Empfange nun den Ring der Treue, das Wahrzeichendes heiligen Geistes, damit Du genannt werdest eineBraut Gottes. Im Namen des Vaters und des Sohnesund des heiligen Geistes."

Er segnete mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes.Alle sanken nieder und sangen freudig:

Ich bin Dem vermählt, in Dessen Dienst die Engelstehen. Dessen Herrlichkeit Sonne und Mond bewun-dern! Jesus Christus hat Sich mir mit diesem Ringeverlobt und mich wie Seine Braut mit einer Kronegeschmückt."

Seliger Friede, stille Verklärung ruhte auf den

Gottgeweihten, strahlte wieder von deren jungfräulichenZügen. Es war, als ob die Opferkerzen Heller leuchte-ten, als ob die Blüthen am Altare stärker dufteten.

Sophia kniete tief andächtig mit heiliger Begeister-ung vor des Altares Stufen. Was sie nach schwerenKämpfen in dieser Stunde gelobt, kam aus warmem,aufrichtigem Herzen. Ihre Lippen flüsterten Dankgebete.

Nachdem alle nachfolgenden heiligen Ceremonienund Gebete vollzogen waren, wie es sich gebührte, undwie es der Kirche Vorschrift heischte, ertheilte Herr Osdag den gottgeweihten Jungfrauen und allen Anwesendenden Segen.

Dann blieb der kaiserliche Hof sammt allen Gästenin größtem Frieden und in schönster Eintracht kurzeWeile noch beim Imbiß im Fremdenhause des Klostersbeisammen, worauf alle in ebensolchem Einverständnißauseinandergingen.

Frau Gerberga dankte Gott ob der glücklichtn Wen-dung der Dinge.

VII.

Auf der Stammburg.

Sei mir gegrüßt, Du Holde,Du aller Frauen Zier,

Du Stern vom lichten Golde,Zu eigen bin ich Dir,

Zu eigen und zu SoldeNur einz g Dir allein;

Sei mir gegrüßt, Du Holde,Dir eignet all mein Sein.

Jakobus Bälde.

Weit über waldiges Hügelland schaute die Sommer-schenburg. Gar stattlich und wohlbefestigt thronte sieauf felsiger Höhe. Bau an Bau, pferdekopfgezierte Giebel,buntbemalte Erker, einen gewaltigen Thurm umfriedetenfeste Mauern und Zinnen.

Zu den Füßen der Burg auf «halber Höhe desHügels lag der gleichfalls befestigte Freihof Sommer-werk, so alt wie die Burg selber, und tief unten schmiegtesich gar malerisch daran ein schutzbedürftig Dörflein, deßName Sommerdorf war.

Als Herr Tammo vor sechs Monden endlich zurück-gekehrt war von seinen Kriegsfahrten, da hatte er seinHeimwesen verödet und unhold gefunden. In den Ge-mächern wob die Spinne ungestört ihr Netz, und in derHalle hausten Fledermäuse und Eulen. Auf sein Macht-wort aber wurden die schlimmen Gäste vertrieben, wardemsig gemauert und gezimmert.

Nun da alles vor dem Winter fertig geworden warund wieder heimathlich, wohlig und gastlich ausschaute,stand der Graf da und fragte:Was nun? Sollich jagen, fischen, für die Heerden sorgen und friedlichdie Scholle bebauen, oder soll ich auf's Neue zum Kriegeausziehen gegen die räuberischen Slaven?"

Gerhard von Sommerwerk, der greise Burgvogt,schien die Gedanken des jungen Grafen zu errathen.

Tammo, ich weiß, worüber Du grübelst," alsosprach der würdige Herr und trat näher.

Ich rathe Dir, wie es mein vielwerther Herr undFreund, Dein Vater, selber gethan hätte: Mein Sohn,gieb das theuere Erbe, das Deine Ahnen einst mit Blutvertheidigt haben, nicht preis. Bleibe hier bei DeinemVolke; das ist an die Scholle gebunden und sucht seinenSchutz bei Dir."

(Fortsetzung folgt.)