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Im Hintergründe auf erhöhter Tribüne, dem Chorder Schwestern gegenüber, erglänzte der Hofstaat derKaiserin, ein farbenfrischer Kranz holder Frauen undJungfrauen.
Auf dem Throne unter dem goldenen Baldachinsaßen der junge Kaiser und Theophano, die Kaiserin -Mutter.
In deren Nähe hatten die Bischöfe von Paderborn ,Minden und Worms ihre Plätze auf goldenen Sesselneingenommen.
Wider allen Brauch und in Gandersheim noch niegesehen war, daß zwei Bischöfe mit hohenpriesterlichemSchmuck festlich bekleidet gleicherweise zu beiden Seitendes Altares saßen, der stattliche Herr Willegis vonMainz und der schlichte Herr Osdag von Hildesheim .
Worüber alle staunten, war, daß es dem einfachbescheidenen Hildesheimer Bischof gelungen, seine An-
der Prinzessin sodann an die Kaiserin und an die Vor-münder richtete.
Wie von gemeinsamem Willen bewegt, gaben alleihm ihre Zustimmung.
Betroffen schwieg Willegis.
Mit derselben ruhigen Demuth wendete der Hildes-heimer Kirchenfürst sich an Sophia mit den weihevollenWorten:
„Siehe, meine Tochter, schaue auf, Jungfrau!Vergiß Dein Volk und das Haus Deines Vaters, undder König wird Deine Schönheit lieben; denn er ist derHerr, Dein Gott!"
Dann fragte er:
„Schwörst Du Unterwürfigkeit und Gehorsam demHildesheimer Bischofsstuhl?"
Und das Wunderbare geschah:
Voll Staunen vernahmen alle, wie die Kaisers-
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Photographie und Verlag von Franz^Hanfstaengl, München .
Kannst du lesen? Nach dem Gemalte von Herm. Kaulbach.
sprüche geltend zu machen, und daß selbigem gleichesRecht wie dem gewaltigen Mainzer Kirchenfürsten einge-räumt war.
Herr Willegis feierte dann in großer bischöflicherPracht das Pontificalamt. Aber als er den Segenspendete, und er zur Weihe Sophias schreiten wollte,geschah es, daß jener schlichte Mann, von dem Alleschon geglaubt hatten, er sei seiner bischöflichen Rechteauf Gandersheim verloren gegangen, der demüthige HerrOsdag . plötzlich emporgerichtet dastand, stark und frei,wie ihn noch keiner gesehen hatte; sein leuchtendes Auge,die Würde seiner Haltung, die Ueberlegenheit, die sichin jeder seiner Bewegungen ausdrückte, wirkten über-wältigend.
Mit steigender Theilnahme hörte die Versammlung,wie Herr Osdag in edler Einfachheit und Ruhe, jenerEinfalt, welche in wahrer Größe ihren Ursprung hat,zuerst an den Kaiser die Frage stellte, ob er in die Ein-kleidung seiner Schwester willige, dieselbe Frage betreffs
tochter mit Heller Stimme folgendes Gelöbniß ablegte:„Ich, Sophia, Tochter des Kaisers Otto, ver-spreche vor Gott und Seinen Heiligen und vor dieserfeierlichen Versammlung Treue, gebührende Unterwerf-ung, Gehorsam und Ehrfurcht meiner Mutter der hei-ligen Kirche zu Hildesheim und Dir Herrn Osdag, demHerrn und Bischöfe dieser Kirche, und Deinen Nach-folgern gemäß den Anordnungep der kirchlichen Satz-ungen, und wie es das unverletzliche Ansehen der römi-schen Päpste befiehlt."
Herr Osdag hielt ihr das offene Evangelienbuchvor. Sie legte beide Hände darauf uud sprach feierlich:
„So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evan-gelien Gottes!"
Dem Willensstärken Wesen des schlichten Bischofskonnte selbst die Stolze nicht widerstehen.
Nach Sophias Beispiel gelobten alle Jungfrauen,so den Schleier nehmen wollten, Beobachtung der Kloster-regel und Gehorsam.