Ausgabe 
(30.10.1894) 88
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Theophano und viele Fürsten mit zahlreichem Gefolge,sie alle dürften von nun ab jeden Augenblick zu be-grüßen sein."

Hierauf sprach drr Hildesheimer Decan trocken:

So laßt uns unsere Gemächer anweisen, auf daßwir den Reisestaub abschütteln und dem hohen Hofewürdevoll entgegentreten können."

Diesem Wunsche gemäß geschah es.

Herr Thangmar aber dachte nicht daran, sich ge-ziemend aufzuputzen. Unruhig ging er in der hochge-wölbten Stube hin und her.

Möchte nur wissen, ob mein vielgeliebter SchülerBernward, den wir mit dem Hofe zu erwarten haben,sich auch in seinen Gesinnungen also geändert hat, daßer auf Seite des Erzbischofs steht."

Auf dem Klosterhofe wurde es lebendig.

Der Lärm geht schon an," sagte er und trat an'sFenster.

Wahrhaftig, ein Reisezug von mehr denn hundertPersonen nähert sich dem Stifte, undzugleich gehen in feierlichem Zuge dieNonnen langsam den Ankömmlingenzum Empfang entgegen," also berich-tete er.

Dann flog helle Freudenröthe überThangmars Antlitz. Er neigte sich undwinkte lebhaft grüßend mit der Handnach dem Klosterhofe.

Bernward, o mein Bernward, Gott segne Deinen Einzug I" sprach er da-bei fast unbewußt.

O, wie würdevoll und mannhaftist die Erscheinung meines ehemaligenSchülers," fügte er glücklich hinzu.

Das war das erste Wiedersehen.

Im nächsten Augenblicke breitete HerrThangmar wortlos die Arme aus.

Lehrer und Schüler hielten sich um-schlungen.

Laßt Euch willkommen heißenI"sprach Herr Osdag und trat hinzu. Sosaßen die drei alsbald in eifrigem Ge-spräch beisammen.

Bernward war unbefangen:

Verzeihet," sagte er,mir dünkt es kein Eingriffin die Hildesheimer Rechte, wenn der Mainzer Erzbischofausnahmsweise der Kaiserstochter und den Jungfrauen,so zugleich mit ihr das Gelübde ablegen, den Schleiergiebt."

Eine Ausnahme dürfen wir nicht gestatten, die-weilen sie allzuleicht zur Regel würde," gab Herr Osdag in ruhiger Bestimmtheit zurück.Bedenket, Ganders-heim liegt hart an der Grenze, und die Mainzer habenlange schon geglaubt, Rechte auf das Stift zu haben."

Glücklich, wer der Dinge geheimste Ursache er-kannt hat,"" singt Virgilius . So steht die SacheI"rief Bernward erstaunt.

Werde allsogleich ein Wort mit der Herrin Theo-phano reden und auch mit Herrn Willegis," fügte erhinzu, als er den genannten Herrn just mit großem Ge-folge in den Klosterhof einleiten sah. Er eilte hinweg.

Herr Thangmar trat an's Fenster und murrtegrollend:

Das Geleite des Erzbischofs ist wahrlich noch grö-

ßer, als das des Kaisers. Was Bernward wohl beidem Stolzen ausrichten mag?"

Der junge Priester blieb lange aus. Endlichkam er.

Es ist schlecht Wetter bei Willegis. Er behauptetim Recht zu sein und will nicht nachgebe»," also be-richtete er, fügte aber freudig hinzu:

Bei der Kaiserin habe ich erreicht, daß Ihr zu-gleich mit Willegis die Einkleidung der Herrin Sophiavornehmt, während für die übrigen Jungfrauen Ihr,Herr Osdag , alles allein besorgt. Durch Vermittlungder andern Bischöfe und durch seine eigenen flehentlichenBitten erlangte Willegis, daß er am morgigen Tage dieHochmesse halten darf. Doch das hat keinerlei Einflußauf Euere Gerechtsamkeit."

Ich danke Euch, Herr Bernward , für Euere Be-mühung," also sprach der Hildesheimer Bischof; dannverstummte er nachdenklich. Er wußte, was er wollte.

Thangmars ehemaliger Lieblingsschüler bemächtigtesich hierauf ganz des verehrten Lehrers.Arm in Arm sah man die Beidenallsogleich im Klosterhofe auf und niederschreiten. In altgewohnter Weise redetensie über gelehrte Gegenstände. Hierbeimachte Herr Thangmar zu seiner un-eigennützigen Freude die Wahrnehmung,daß sein Schüler an Geist und Wissenweit über ihn hinausgewachsen war.Im Umherwandeln geriethen die Herrenauf eine Baustätte.

Das ist sie zukünftige Kirche, soHerr Othwin nach Deinem Plane auf-zubauen bestimmt hat," erklärte Thang-mar .

Laß sehen!" Bernward sprachsfreudig und kletterte sogleich mittenzwischen den Bauleuten prüfend in dembegonnenen Werke umher. Hier lobte,dort tadelte er, da ordnete er an, er-munterte er, und zuletzt ergriff er inHellem Schaffenseifer Hammer und Kelleund fügte Stein auf Stein.

Dem Gotteshause, welches so ganznach meinem eigenen jugendlichen Entwurf aufgebaut wird,muß ich doch selber einige Steine einverleiben," rief derKunstbeflissene lachend in schier kindlicher Freude seinemLehrer zu.

Thangmar nickte verständnißvoll und dachte:

In dem finden wir alles vereinigt, was einenKünstler zur Schöpfung großer Werke fähig macht. Herzund Verstand, Liebe und Begeisterung für die edlerenZiele der Menschheit treffen bei ihm harmonisch zu-sammen."

Noch nie hatte das Stift Gandersheim so viel Machtund Hoheit, so viel Glanz und Pracht in seinen Mauernumschlossen, als am Tage, da die Kaiserstochter Sophiaden Schleier empfangen sollte.

Die festlich geschmückte Stiftskirche vermochte kaumdie erlesene Versammlung zu fassen, welche hier erschie-nen war. Kopf an Kopf harrten die Edelen der Feier.Malerischen Eindruck machte es, daß zwischen den kost-baren verbrämten Gewändern der Edelleute und demkunstvollen seidenen Ornate der hohen Geistlichkeit sichauch schimmernde Rüstungen zeigten.

Prinz Philipp von Orleans .