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„Augsburger Postzritung".
Dinstag, den 30. October
1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg ( Vorbesitzer Dr. Mar Huttler).
Kermvard von Hilüesheim.
Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.
(Fortsetzung.)
VI.
Die Bräute Christi.
Ich bin eine Dienerin Chiisti
und zeige mich als eine ihm dienstpflichtige Magd.
Antiphone.
„Und so laden wir Euch ein, ehrwürdiger undgeliebter Amtsbruder, Euch am Feste des heiligenEvangelisten Lucas im Stifte Gandersheim einzu-finden, allwo wir am genannten Tage der gottge-weihten Kaiserstochter Sophia und anderen Mäg-den des Herrn den Schleier geben werden."
Also lautete der Schluss eines Briefes, den dermächtige Mainzer Erzbischof Willegis an Herrn Osdag, den Bischof von Hildesheim, gesandt hatte.
Herr Osdag hatte dazu verwundert den Kopf ge-schüttelt, war aber der Einladung nachgekommen, undzwar im Geleite seines Dekans Thangmar. Er warschon am Tage vor dem Feste nach Gandersheim ge-ritten; nicht weil ihn die Einladung absonderlich freute,sondern weil er, der Bischof von Hildesheim, gewilltwar, sich seine Rechte nicht verkümmern zu lassen, näm-lich die im dortigen Kloster der Welt entsagenden Jung-frauen selber einzukleiden, wie das von alten Zeitenher Brauch war.
Als er vom Saumthier abgestiegen war, wandteder fromme und bedächtige Herr sich der Kirche zu, umdaselbst ein Gebet zum Gelingen alles Guten zu ver-richten.
Sein Dekan Thangmar aber schritt inzwischen sporen-klirrend dem Gemach der Aebtissin zu.
„Gott zum Gruß, ehrwürdige Frau!" sprach er undneigte sich geziemend. „Was ist das?"
Frau Gerberga reichte ihm verständnißvoll vomSessel aus die Rechte und sagte mild:
„Eine Prüfung, Herr Decan. Seid willkommen!"Frau Gerberga hatte nicht mehr die Kraft, sohoheitsvoll da zu stehen, wie vor zwölf Jahren. Eininneres Leiden zehrte an ihrem Lebensmark: es hatte sienamhaft verändert.
Herr Thangmar gewahrte das mit Betrübniß. Darumbemerkte er sanfter, als es vor dem seine Absicht war:
„Eine Prüfung sagt Ihr, Frau Aebtissin; wir abersind nicht gewillt, eine Demüthigung über uns ergehen
zu lassen. Wisset, den Rechten unseres bischöflichenHerrn soll durch keinerlei Anmaßung irgend welcher Ein-trag geschehen!"
„Gewiß nicht Herr Thangmar," sprach die Aebtissinernst und richtete sich empor.
„Wie aber kommt es, daß Herr Willegis unsernHerrn als Zuschauer einladet zu einer Amtshandlung,die Herrn Osdag selber obgelegen Hütte?"
Frau Gerberga zuckte wehmüthig die Achseln.
„Der Kaiserstochtcr Sophia wurde es eingeredet,daß der mächtigste Kirchcnfürst Deutschlands, der Erz-bischof von Mainz, besser dazu geeignet sei, unser Frauen-klostcr, das hart an der Mainzer Grenze liegt, zu be-schirmen, als es dem Herrn Bischof von Hildesheim ge-länge. Darum wandte sie sich an den Herrn ErzbischofWillegis mit der Bitte, ihr den heiligen Schleier zugeben. Dieser, der Rechte auf das Stift zu haben glaubt,sagte bereitwillig zu, sie, sowie ihre Mitschwestern zuweihen. Wenn ich meine gewohnten Geisteskräfte hätte,oder wenn meine vielliebe Freundin und StellvertreterinNoswitha wir nicht durch den Tod entrissen wäre, sohätten wir Frauen ein Wörtlein dreingeredet von deralten Gerechtsamkeit. Eine Kranke aber," sie schautemuthlos drein, „muß von den hohen Herrschaften garmanches geschehen lassen, was nicht nach ihrem Sinne ist."
Da trat der kräftige Herr Thangmar ein klein wenigmit dem Fuße auf und sprach:
„Wir werden allen Gewalten gegenüber unser gutesRecht festen Willens vertheidigen."
Während dieser Versicherung war leise und beschei-den der Herr Bischof von Hildesheim eingetreten. Mitfreundlicher Würde begrüßte er die Aebtissin; dann sagteer schlicht:
„Als ich just eben im Gebete vor dem Allerheilig-sten kniete, kam mir der Gedanke, den bischöflichen Stuhlhinter die Rückseite des Altars stellen zu lassen, ausdaß zunächst keiner den kirchlichen Vorrang unrechtmäßigbehaupten könne. Das ist nach meiner Verordnung schongeschehen. Frau Gerberga, wie viele Bischöfe haben sichangekündigt, um dem feierlichen Acte der Einkleidungbeizuwohnen?"
Gerberga antwortete ehrerbietig:
„Die Herren Rethar von Paderborn und Milo vonMinden sind bereits zur Feier eingetroffen; Herrn Hilde-wald von Worms erwarten wir zugleich mit HerrnWillegis von Mainz. Der König Otto, die Kaiserin