Ausgabe 
(13.11.1894) 92
Seite
718
 
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Das 150jährige Jubiläum des kgl. bayer. 4. Chevauleger-NegimentsKönig ".

Wir wollen uns damit begnügen, zu erinnern, daßallein in der kurzen Frist vom Juli bis Mitte Augustunser Regiment immer dabei war, wo es Blutarbeit zuverrichten gab, und daß die Königs-Chevaulegers immerden Russen auf den Fersen saßen, als sich diese von einemVertheidigungsabschnitt nach dem anderen zogen und dieRochade von der Düna nach dem Dnjeper vollzogenward. Schon bei dem ersten bedeutenden Engagement,dem von Witebsk , war unser Regiment, geführt von seinemwackeren General Graf Preysing, bei der Flußpassage.Noch bevor der Vicekönig von Italien sich anschickte,Brücken zu schlagen, hatten bereits die Königs-Chevau-leger das jenseitige Ufer erreicht. Schon Tags daraufgab es bei Masajedo ein Gefecht, wobei die Chevaulegersdurch mörderisches Feuer stark gelichtet wurden.

Und wieder zwei Tage später führten unsere Che-vaulegers einen Handstreich gegen Wily, welcher Wintzin-gerode eine hübsche Portion seines Proviants und Muni-ttonsvorrathes kostete.

Der August war schon fast zu Ende gegangen, alsdie napoleonische Jnvasionsarmee in die durch die Ver-hältnisse geschaffene Operationszone einrückte. Wie Schneein der Sonne war bereits die gewaltige Masse vonStreitern, die über den Riemen gezogen, zusammenge-schmolzen, und obzwar erst eine kurze Frist seit Eröffnungdes Feldzuges verstrichen war, zählte die Infanterie bloß156,800, die Kavallerie gar nur 36,700 Mann.

Es waren also ziemlich schwache Stände, mit welchendie Truppen und auch unsere bayerische Reiterei gegen dierussischen Heersäulen anrückten, die immer zurückwichenund eine Taktik verriethen, aus welcher nicht unschwerdie Absicht zu entnehmen war, den Gegner immer tieferhinein in die unwirthliche Steppe zu locken. Solch einenCharakter trug auch das Reitergefecht bei Gjat, welchesdie Kavallerie-Division Preysing den Russen lieferte. DieKönigs-Chevaulegers bildeten mit den Regimentern Lei-ningen, Bubenhofen und Kronprinz den Vortrab derArmee des Marschalls Fürsten Porüatowsky. Mit Ent-schlossenheit und richtiger Beurtheilung der taktischen Ver-hältnisse führte unser Oberst, unterstützt von den MajorenZandt und Bieber, sowie Rittmeister Hertling, die nichtunschwierige Aufgabe durch, und seine Anstrengungenwurden mit Erfolg gekrönt.

Außerdem zeichneten sich die Lieutenants v. Hell-brunner, Gullmann, Baron Eßbeck und Korporal Zippereraus. Doch war das Engagement nur das Vorspiel desblutigen Tages von Polozk , welcher schier noch heute un-vergessene Wunden unserem Heere geschlagen hat.

Am 17. August hatte sich ein Detachement unseresRegimentes unter Oberstlieutenant Graf Fugger ausge-zeichnet, ebenso Wachtmeister Hermann und der KorporalNeisser, der sich schon im vorjährigen Frühling beiAbensberg hervorgethan hatte. Schon am 21. Augustwar das Regiment in Smolensk eingerückt, undvon hier aus zogen die Regimenter der Division Prey-sing an die Ufer des Borodino. Am 7. September kames zur berühmten Schlacht von Borodino oder an derMoskwa . Die bayerischen Chevaulegers standen unterdem Kommando des Vicekönigs von Neapel . Sie erwarbensich unsterblichen Ruhm bei der Vertheidigung von Bo-rodino, welches von den Heuschreckenschwärmen der Kosaken so lange bedrängt wurde, bis jene endlich die Uebermacht

überwältigte; aber selbst dann nur wichen sie schrittweisezurück, Zoll um Zoll vertheidigend und gleich wieder be-reit, vorzubrechen, sobald ein halbwegs genügender Kräfte-ausgleich stattgefunden.

Es war diese Schlacht wohl die blutigste des Jahr-hunderts. Ueberall thürmten sich vor den durch die Tapfer-keit unserer Regimenter gewonnenen Schanzen die Leichen-hügel auf. 30,000 Russen deckten das Leichenfeld, aberauch 40,000 Mann Todte und Verwundete hatten dieFranzosen auf den Feldern von Borodino gelassen. Nichtweniger als 30 Generale hatte Napoleon in dieser Schlachtverloren.

Nacht war's, als Kutusow zum Rückzüge blasen ließ,und als auf der blutgetränkten Wahlstatt die Siegerlagerten, hungernd, dürstend, frierend. Wieder vergingenfünf Tage, verbracht in langsamen Vormärschen, hin überdas wellige und von der Moskwa durchflossene Terrain.Da ging's auf einmal, einem elektrischen Schlage gleich,durch die unübersehbaren Heersäulen, die sich in lang-gewundenen Linien und Krümmungen, einer Riesenschlangevergleichbar, vorwärts bewegten. Und immer größer wurdedie Erregung; alles drängte nach vorn. Dort, wo vonder Höhe der Sperlingsberge die Augen Ausblick finden,da pflanzte sich nun der Ruf fort:Moskau , MoskauI"Wie ein Lauffeuer scholl er von Regiment zu Regiment,von Kolonne zu Kolonne. Vergessen schien alles Leid,vergessen all die zahllosen Strapazen und Entbehrungen,die sie bis dahin gelitten; denn reiche Winterquartiereschien ihnen die Stadt zu versprechen, welche, geschmückt^ wie in Gold und Purpur, vor ihnen lag. AngesichtsMoskau's wurde biwakirt. Unsere Königs-Chevaulegerslagerten auf der Nordwestseite des Dorfes Koszelschewa,wohin sie nach einem nicht unblutigen Kampfe mit denKosaken gelangt waren. Der Brand von Moskau ver-nichtete die Hoffnung des Heeres.

Nicht bloß die Quartiere waren vernichtet, auch alleaufgespeicherten Vorräthe, von welchen die Armee überWinter hätte zehren sollen, waren ein Raub der Flam-men geworden, und das Gespenst der gräßlichen Hungers-noth hielt seinen Einzug im Lager der Franzosen . Dazudie entsetzliche Kälte des frühen Winters, die Unmöglich-keit, die Communication längs der dritthalbtausend Kilo-meter langen Operationslinie freizuhalten, dieses alles be-1 wog Napoleon, den Rückzug aus Rußland anzutreten.Um die Riesenbrandstätte herum schwärmten gleich Heu-schrecken die Kosaken, die wenige Tage vorher Reißausgenommen, und machten sich in der unangenehmsten Weisebemerkbar. So entschloß sich der Kaiser, da die Positionvon Moskau gänzlich unhaltbar geworden, die unglücklicheStadt zu verlassen und den Weg zurückzumessen, den erso stolz vor wenigen Monden dahingezogen war.

Bei Malo-Jaroslawetz drohten die Russen unterDoktoroff dem Corps Eugens von Savoyen den Rückzugzu verlegen. Ohne Unterlaß ward um den Besitz diesesOrtes gekämpft; endlich verblieb er den Franzosen , aberes war ein Pyrrhussieg, den Napoleon erfochten. Am3. November war man bis zu den Wäldern von Wiazmagelangt. Voran als äußerste Vorhut ritt die Brigade Preysings. Noch hatte die Täte nicht das Dorf Misau-dowo erreicht, als Kosakenschwürme den Train überfielen,ihn aber im Stiche ließen, als Oberst Graf Seyssel d'Aix mit den Königs-Chevaulegers den Russen zu Leibe ging.