Ausgabe 
(13.11.1894) 92
Seite
717
 
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Ausbuchtung des Steiges; gegen den Absturz des Trich-ters ist dieselbe von einem Felsen geschützt, in welchemman durch ein Loch tief unten das Wasser im Grundeder Doline fließen sieht. Wir kommen nun in dieBrichta-Grotte, eine kleinere Höhle mit hübschen Ver-zweigungen und Tropfsteinen, 30 m über dem Ausflußder Reka in die kleine Doline. Von ihr steigen wirhinab zur Concordia-Brücke, ein seit Kurzem fertig-gestellter, ganz neuer Brettersteg, wenig über dem Wassererhaben; jenseits ruht derselbe auf einem mächtigen Fels-block, der den Eingang in die Marinitsch-Höhle ver-mittelt. Schon seit einiger Zeit hörten wir Steinschläge,die von den Arbeitern herrühren, die eben noch damitumgehen, die Mariritsch-Höhle und die sich anreihendenGrotten dem Publikum zugänglich zu machen. Ueberdem Anfang des schmalen Steiges steht in großen Let-tern:Eröffnet 1892." Stolz und freudig betreten wirsomit unter den ersten Besuchern den kühnen Steig. Der-selbe, in dem Gewölbe auf- und abkletternd, ist in dessenSteilwand eingehalten, ein tüchtiges Stück Arbeit; ob-wohl derselbe noch rauh ist und die sonst überall vor-handenen Versicherungsanlagen, wie Drahtseile, aufgestellteBodenbretter nach der Seite gegen den Abgrund, den dieNeka ausfüllt, noch nicht vollständig fertig sind, ist derPfad doch sehr sicher und gut gangbar. Anfangs zwarzögerte ich und wollte gleich unserm Gefährten aus Pola,dem die noch nicht beendeten Arbeiten Unbehagen ein-flößten, umkehren. Allein ein Zuruf meines Mannesund das gute Be spiel der behenden kleinen Frau, dietrotz ihrer Dicke mehr sprang als ging, stählten meinenMuth, und tapfer vorwärts schreitend, war bald jedeFurcht überwunden. Wir drangen bis zu der Stelle,von wo man durch eine aufwärts führende Kluft dieKirche von St. Canzian hoch oben im schmalenFelsspalt erblicken kann; ein Steig führt hinauf.

Der Führer beleuchtete die herrliche, hochgewölbteHalle, sowie die daranstoßenden hohen, weiten und im-posanten Grotten, und aufhorchend lauschten wir seinenErzählungen. Er war bei der Erforschung dieser unter-irdischen Räume selbstthätig zugegen; mit Begeisterungund Feuer schilderte er die Unglücksstunden, die HerrMarinitsch, als Vorkämpfer dieser Grottenerforschung, aufeinem uns vom Führer bezeichneten Fclsstück mitten inNacht und Wassergetöse zubringen mußte. Der Strick,an welchem Marinitsch's Kahn befestigt war, riß durch dieGewalt des Wasser los, und letzterer wurde über einpaar Wafferfälle hinweg gegen das breite Felsstück ge-schleudert, das seinem Insassen Rettung bot und aufwelchem derselbe nach 12 Stunden bangen Harrens vonden Mitarbeitern entdeckt und aus seiner gefährlichenLage befreit wurde. So mächtig wirkte die Rückerinnerungin dem braven Manne, daß er, obwohl der deutschenSprache ziemlich mächtig, derselben vergaß und unsererGefährtin, der gebornen Slovcnin, in seiner Muttersprachemit Begeisterung die damalige Situation schilderte, die,selbst von Erstaunen und Grauen hingerissen, uns dielange Erzählung kurz gefaßt verdolmetschte.

Jetzt, nach 3 Stunden steten Umherwanderns, warenwir mit der Grottenbesichtigung zu Ende und klettertenwieder in der großen Doline zu dem Ausgange empor.Der Himmel hatte sich indessen mit schweren Regenwolkenumzogen, und kaum waren wir bei Gombac angelangt,prasselte der Regen schleußenartig hernieder. Wir aber,vollauf befriedigt und noch ganz begeistert von all den

Wundern der Unterwelt, ruhten gerne ein Stündchen,plauderten von den hohen Genüssen des Tages und labtenuns an dem lobenswerthen Imbiß und Ge'ränke. JozöCerkvenik wurde mit Vergnügen bei seiner Entlohnungdas Zeugniß einer trefflichen und sorgsamen Führungausgestellt; denn er machte fleißig auf alle beachtens-werthen Schönheiten aufmerksam, fortwährend zur Acht-samkeit auf gefährliche Stellen und zur Benützung derSicherheitsvorrichtungen mahnend. Dann dictirte er nochauf meine Veranlassung bereitwilligst die einzelnen Namenaller Grotten, Warten und Wege, die wir besucht hottenund die außerdem wohl meinem Gedächtnisse entschwun-den wären.

Sehr anerkennenswerth sind die Bestrebungen derAlpenvereinssection Küstenland", die sich außerordentlichdarum verdient gemacht hat, durch sichere und bequemeWeganlagen und Anbringung von Drahtseilen an jederallenfalls Gefahr bergenden Stelle auch ungeübten Steigernden Besuch der äußerst interessanten Grotten zu ermög-lichen. Ich bringe ihr unsern Dank und den der ganzentouristischen Reisewclt für ihre opferwilligen Bestrebungendadurch entgegen, daß ich durch Veröffentlichung unserergenußreichen Erlebnisse ihrem Wunsche entgegenkommeund die Aufmerksamkeit des Publikums darauf hinzu-lenken suche. Möchten nur alle Naturfreunde Weg undZeit nicht scheuen, die unterirdischen Wunder des Karstesaufzusuchen; es wird sicher ein jeder hohen Genuß undBefricdiaung darin finden.

Schon brach die Dämmerung herein; der Regenhatte aufgehört, und trotz des noch vollständig nassen

Terrains suchten wir so schnell als möglich Divaca zu

erreichen. Nach einem Stündchen blitzten uns die Lichterdes Bahnhofes aus der Dunkelheit entgegen, und nach-dem gleichzeitig mit uns die aus den Manövern heim-kehrenden Truppen einparkirt waren und wir uns vonunsern nach Pola zurückreisenden Gefährten herzlich ver-abschiedet hatten, entführte uns das Dampfroß diesen

Tag noch via LaibachSteinbrück bis Römerbad mitStation gleichen Namens, wo wir ich todmüde,

indeß sich mein Mann durch derartige Strapazen nichtleicht anfech'en ließ mit nassen Kleidern morgens*/z3 Uhr endlich Ruhe fanden.

(Fortsetzung folgt.)

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Wandererlied.

Wie ist es schön zu wandernIm lichten Sonnenschein,

Da grüßen frei die BergeJn's weite Land herein.

Und filberklar die FlüsseZieh'n sie das Thal entlang,

Manch' Kirchlein winket freundlichVom grünen BergeShang.

Und ziehst du durch die Wälder,

Wie fluihet da hereinDurch Neste und GezweigeDer gold'ne Sonnenschein.

Und streckst du müd' dich niederIm schatt'gen Tann zur Ruh',Waldvögleins trauten WeisenEntzückt mutzt lauschen du.

O Wand'rer, zieh' nur weiter,

In Gottes Welt hinein,

Latz einmal dir zu MutheRecht wanderselig s in. lsriürun.

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