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Nun durch das kleine Pazzcwäldchen, in welchem uns wieder Alpenveilchen erfreuten, in einigen Win«düngen aufwärts, und wir biegen in die 80 in lange,30 na hohe und in ihrer Mitte 25 na breite Schmidl-Grotte ein.
Reizend hübsch hängt von der Decke des Eingangsgleich einer Ampel, zwischen einer Spalte der TropfsteineWurzel fassend, ein üppig grünendes Schlinggewächs,Epkeu oder etwas ähnliches, von oben nach unten wach-send, herab, we ches mit dem von außen einlugendenGesträuch und den heitern Sonnenstrahlen eine freund-liche Decoration des grauen Gewölbes bildet. Nachdemwir die ganze Höhle durchschritten und den Tropfstein-schmuck bewundert hatten, biegen wir unter Fackelscheinseitwärts ab. Dem erstaunten Auge öffnet sich einehohe, nach oben ähnlich den gothischen Spitzbogen zu-laufende Halle, der Rudolfs-Dom. An seinem Ein-gänge kommt die Reka breit und schwarz neben einemAbgrunde und unter einem Felsriegel hervor und dringtin die Tiefe des dunkeln, hohen Gewölbes. Ehe wirden hehren Raum betreten, geleitet uns der Führer nochseitwärts über diese Naturbrücke hinweg auf ein breiteres,ziemlich steil ansteigendes Felsenplateau, das Belvedere.Hier heißt er uns vor der Hand bleiben, indeß er aufungebahntem, theilweise gefährlichem Pfade vorwä'ts eilt,das Innere der grausen Höhle zu erhellen. Ein beäng-stigendes Gefühl erfaßt die Sinne hier oben auf schauer-licher Warte! — Unter uns die schwarzgraue Fluth,flimmernd von Streifen bläulichen Lichtes — vor unsder gähnende Schlund der Felsenhöhle, die sich über unsernHäuptern mächtig und allmälig in Nacht versinkend auf-baut. Mit bangem Blick des im fernen Grottenraumentschwundenen Führers harrend, sehen wir ihn endlichviele Meter entfernt auftauchen. Ein schauerliches Bild:die dunkeln Umrisse des Mannes mit der schwingendenFackel, an verschiedenen Stellen der Felsmauern rothaufglühende Lichter des abgestoßenen Brandes, im schwarzenGewässer sich widerspiegelnd und gigantische Schatten,sowie magische Beleuchtungseffccte an den Grottenwöl-bungen weckend. Bezeichnender für das Ganze könntenichts sein, als der Ausruf meines Mannes: „Nunwerde ich zu Hause erzählen, ich war beim Teufel undhabe seiner Großmutter Behausung gesehen!" DerRudolfs-Dom ist 70 rn hoch, 130 ru lang und hat eineBreite von 50 ru und darüber. Obwohl uns die ganzeScenerie mit unheimlichem Grauen erfüllte und wir dieRückkehr des Führers ersehnten, waren wir doch erfreut,zu vernehmen, daß wir nun selbst in die Tiefen desüberschauten Gewölbes eindringen sollten. Ein schmalerSteig, rechts und links vem Drahtseil begleitet, führteuns viele, in die Steilwand eingehauene Stufen empor,dann eine Zeit lang derselben entlang, von einemBalkensteg, der Teufelsbrücke, unterbrochen, welcher deneinen Felsvorsprung mit dem anderen verbindet. DieWölbung der Decke senkt sich, daß wir, um ihr auszu-weichen, uns leise überneigen zu müssen veimeinen, steigtdann aber bald wieder auf 70 m empor, indeß unserWeg mittelst Stufen bis an das Ufer der Reka hinab-führt. Wir haben die Cerberus-Grotte passirt; wiederaufwärts klimmend, blicken wir in die hohe Wölbung dessich anschließenden Svetina-Doms, in welch m dieReka im unterirdischen Flußthale, von Felscnufern be-gleitet und vom Felsendome überwölbt, in Nacht undGrauen dahinfließt. Wasserfällc, der Tiefe des finstern
Schachtes zuströmend, entziehen dem Auge ihren WesternLauf. Kaum hätte es das phantastisch Schauerliche derScene erhöht, wenn als einzig denkbare Staffage diesesunheimlichen Raumes auf den dunkeln Fluthen ein Kahnerschienen wäre mit schwarzen Gestalten, die mit lautlosenRuderschlägen eine bleiche Seele in den finstern Hadesüberfüh-en — die Vergegenwärtigung des Styx, wie manihn sich nicht besser ausmalen kann.
Nun wurde auf einem seitwärts hinankletterndenPfade der Brunnen-Grotte ein Besuch abgestattet.Durch eine schön geformte Grotte mit einer Menge sichberührender Stalaktiten und Stalagmiten, die unserenMitbesuchern laute Bewunderung abdrängten,*) gelangtenwir in einen niederen, feuchten Gang, an dessen Endeeine kleine Grotte sich öffnet, in welcher die sogenanntenBrunnen sich aufbauen. Alan denke sich eine Anzahlgrößerer und kleinerer schön geformter, muschelartigerWasserbecken bis zu 1 m Tiefe, aneinander gereiht undgleich einer grotesken Schalenpyramide aufgethürmt, inso weichen Formen, daß ich einen Augenblick zögerte,daran hinaufzuklettern, aus Angst, die genagelten Berg-schuhe könnten die zart erscheinenden Ränder der Schalenbeschädigen — bis ich schnell die Ueberzeugung gewann,daß der feste Stein, von Jahrtausenden erzeugt, durchkeine flüchtigen Fußtritte leidet. In den Becken, vomFacke schein erleuchtet, zeigte sich theilweise Wasser. DieseBrunnen-Grotte ist ein außerordentlich interessanter Theilder unterirdischen Nachtwanderung. Wie wir indessenauf labyrinthischen Pfaden von einer der vielen Grottenin die andere gelangten, einmal hoch oben, wo die Deckesich über unsern Häuptern zu wölben begann, später aufeinem untern Wege nahe dem Wasser zurückkehrend —diese Jrrgänge und Windungen klar zu erkennen undgenau auseinander zu halten, ist meinem Gedächtnisse,in Ermangelung eines Planes, nicht gelungen. Es warenzu viel der Eindrücke des Imposanten und Schauerlichen,man hatte zu viel mit Achtung auf die schmalen Wegeund steilen Steintreppen zu thun; aufmerksamst suchtedas Auge die dicke Finsterniß zu durchdringen, in derjedes sich den Schritt und die nächste Umgebung mittelsteines Kerzenlichtes in der Hand erhellte und bei denrothen Lichtblitzcn der Fackel die Gewölbebildungen undden Wasserlauf zu erhäschen trachtete. Der Gedanke, wiewir herauskämen, wenn Plötzlich die Lichter verlöschtenoder dem Führer etwas zustoßen würde, bewirkte einunheimliches Erbeben. Der Anblick der Tageshelle undder grünende Eingang der Schmidl-Grotte, die wir nunwieder erreichten, wurde erleichterten Herzens begrüßt.Nun zurück über den Plenkersteig, zum Eingang derTominz Grotte, wo wir die durstigen Lippen mit Tstopf-steinwasser benetzten.
Die Hauptgrotten der großen Doline waren be-sichtigt; nun sollten wir noch einige Merkwürdigkeitender kleinen Doline zu Gesicht bekommen. Wir gingenüber die Tomasini-Brücke, durch die Guttenberg-Hallein die Schröder-Grotte; von da über den Parendini-Sreig zur Radonetz-Naturwarte. Wir sind bereitsin der kleinen Doline; zu unsern Häuptern sehen wirdie Häuser des Dörfchens Bethanien den Felsrand be-grenzen; ebenso wurden uns in schwindelnder Höhe einpaar andere Warten, ähnlich der Stefanien-Warte, ge-zeigt. Radonetz-Naturwarte ist eine etwas erweiterte
*) Wir waren in dieser Beziehung durch den vorhergehen-den Besuch der Adelsberger Grotten an diesen Anblick gewöhnt