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kämpfend. Er suchte seinen Zorn an jenem Abend imGrog zu ertränken (seine erste und letzte Ausschreitungdieser Art) und bekam schrecklichen Katzenjammer. Alssie sah, daß er nicht zurückkehrte, eilte sie weg — jedochnicht in die Kirche, sondern in ihre Schlafstube; dortverbarg sie ihr Gesicht in die Kopfkissen und schluchztewie ein Kind; dann lag sie stundenlang nachdenkend,ob sie morgen zuerst an ihn schreiben müsse oder er ansie. Er ging am nächsten Morgen sehr elend, aberunbeugsam in das Comptoir. Dort fand er seinen Onkelentrüstet über Nachrichten aus Ceylon, wo der Geschäfts-agent Unterschlagungen gemacht hatte. Ein Vertrauens-mann der Firma mußte die Angelegenheiten des Zweig-geschäftes ordnen und deshalb nach Indien geschickt wer-den. Noch rasend eifersüchtig bot Cyprian sich zu derReise an. Niemand bedürfte seiner in England , wenig-stens sie nicht; die übrige Welt zählte nicht mit. Gretchenlieble ihn nicht und würde ihn vergessen. Nach zwölfStunden trat er die Reise an, gerade als Margarethesich durch das lange Warten auf sein Klopfen an derThüre schwach fühlte, ihren Stolz aufgab und über denbesten und schnellsten Ausgleich nachdachte. Jedoch solltedas arme Mädchen keine Gelegenheit dazu haben undnoch mehr Unglück erfahren.
Bevor es allgemein bekannt geworden war, daßMargarethe Grimthorpe ihren Bräutigam verloren hatte,verbreitete sich die Trauernachricht, daß sie ihren Vaterverloren hatte.
Mit dem Ableben des Schuldirectors hörte dasEinkommen auf. Jedem seiner Kinder blieben nur fünfPfund zehn Schillinge jährlich. Die einzige Zuflucht,welche Margarethe aus der Bettelarmuth sah, war dasHeim einer alten kränklichen Verwandten. Die Letzterebeeilte sich zu erklären, daß sie von einer bei ihrem Todeaufhörenden Rente lebe, weßhalb die Tochter des Direc-tors Grimthorpe weder Luxus noch ein Vermächtntß er-warten dürfe, wenn sie ihre Pflegerin und Gesellschaf-terin werden wolle. Es war ein herber Wechsel, abersie konnte wenigstens ihren Unterhalt verdienen. Sowurde das Jugendleben des Mädchens in dem Land-städtchen, wo die alte kranke Dame wohnte, begraben.Die Rosen ihrer Wangen verschwanden mit der Zeit;sie vergoß viele Thränen in vielem Kummer; Cyprianhatte sie vergessen oder sie nie geliebt! Zwölf langeJahre verlebte sie arbeitsam, ruhig, freudenlos. Dann —
Ein Herr stand eines Abends an der Thüre einesGesellschaftssaales, in welchem getanzt wurde. Er be-trachtete den Wechsel der Kleidermoden, seit er England vor langer Zeit verlassen hatte. Sie gefielen ihm garnicht. Hals und Arme der Mädchen waren jetzt mehrentblößt als früher, und ihr Benehmen zeigte sich keines-wegs verfeinert. Er sagte das zu seiner Wirthin, alssie zu ihm kam und ihm einen Vorwurf machte, weiler den Walzer nicht tanzte.
„Man kann mit den jungen Damen keine Unter-haltung führen," murrte er weiter, „sie scheinen heutzu-tage nur geziert lächeln oder kichern zu können."
„Kommen Sie," sagte seine Freundin, „ich willSie einer Tame aus einer andern Schule vorstellen.Sie ist in der Schule des Unglücks gewesen, könnte mansagen," erzählte die Dame, als sie durch das Zimmergingen, „sie hat Mißgeschick erlebt und ein trübes Lebengeführt bei der Pflege einer gebrechlichen alten Ver-wandten, deren Tod sie kürzlich von diesem Mühseligen
Werke befreite. Erst nach langer Ueberredung bewegteich sie, heute Abend zu uns zu kommen; ich bin demMädchen herzlich gut und möchte sie gern erheitern. Siewird weder albern lächeln, noch kichern, dafür bürge ichIhnen. Erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Hay vorzu-stellen — Fräulein Grimthorpe."
Eine noch sehr anmuthige Gestalt wendete sich zuihm. Ein ihm wohlbekanntes Gesicht mit der schönengoldbraunen Flechtenkrone erhob sich überrascht fragend.Waren es die Lichter im Saal, oder was schien die Bei-den zu blenden? Nur eine Secunde sahen sie einanderin die Augen, aber in dem einen Blick lasen sie, daßsie Beide wahr geliebt und nicht vergessen hatten.
Fünf Minuten in einer halbverhangenen Fenster-nische genügten zur Erklärung für die Beiden; Marga-rethe hörte, daß Cyprian ihr einmal, ein Jahr nachihrer Abreise, geschrieben und den Brief mit „unbekannt"auf der Adresse zurückbekommen hatte. Sie erzählteneinander, daß sie in einer beständig trüben Stimmung,einsam und elend gewesen waren und niemals eine an-dere Herzensneigung empfunden hatten. Gretchens rosigeFarbe kehrte in ihr bleiches Gesicht zurück, ihre Augenwaren sanfter, strahlender, zärtlicher als je. Sehr ein-fach gekleidet, mit ein paar Rosen an ihrem schönenweißen Hals, erschien sie dem gereiften Liebenden unver-gleichlich gegen jede andere Dame im Saal. Obschonsie sich thöricht und sündhaft zornig getrennt hatten, wardie Freude der Wiedervereinigung so innig, daß sie fastvolle Genugthuung bot. Ehe er sie aus der Fenster-nische führte, hörte er mit großer Befriedigung, daß siejetzt alleinstehend und wieder heimathlos sei.
„Also hindert uns nichts, miteinander glücklich zusein, so schnell wir können," sagte er.
Hier hatte er vollkommen Recht, der Hochzeitstagwurde sogleich bestimmt. Nach drei Wochen feierten sieim Hause derselben älteren Freundin ihre Vermählung.Den Honigmonat brachten sie an den Schweizer Seenzu und fühlten sich dort stündlich verjüngt. Sie ver-sprachen einander daheim in dem Berghause, welchesGretchens Vater in der Londoner Vorstadt bewohnt hatte,stets glücklich zu sein. Anfänglich schien sich ihr Ver-sprechen schön zu erfüllen. Jedoch nach einjähriger Ehewurden ihre friedlichen Tage bedroht. Es war so sehrseltsam l (Fortsetzung folgt.)
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DermwrrrH von MÄSLheim.
Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt .
(Schluß.)
Bernward begann:
„Liebe Brüder, ich habe noch eine Bitte. Behängetund bedecket meinen todten Leichnam nicht nach dem Welt-brauch mit kostbaren Gewändern, sondern mit Asche undeinem härenen Bußkleide, auf daß meine Seele nicht umein hochmüthigeS, unverdient prächtiges Begräbniß imJenseits gepeinigt werde. Wenn^Jhr meinen Wünschennachkommen werdet, so verhoffe ich, in Anbetracht einerdemüthigen Bestattung bei dem Herrn Barmherzigkeit zufinden. Auch soll mein Volk hier auf der Welt durchmein Beispiel nicht zur Hoffart und zur Wollust, sondernzur Bescheidenheit und zur Entsagung veranlasset werden."
Als er dies gesagt hatte, machte er eine kraftloseAnstrengung, sich zu erheben. Ein Lächeln glitt überseine abgezehrten Züge: