Ausgabe 
(14.12.1894) 101
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das Nahen seiner Auflösung kündeten, da ergriff derWillenskräfttge nochmals Hammer und Meißel. Er schufmit eigenen Händen diesen Sarkophag, auch meißelte erkunstvoll seinen Grabstein. Das geschah freilich in seinerWerkstätte. Außer Herrn Thangmar und mir hatte KeinerKenntniß davon."

Mit Rührung umstanden Alle den Sarkophag. Indessen Tiefe lasen sie am Kopfende die lateinischen Worte:Bernward, Bischof, Knecht der Knechte Christi."

Der Sargdeckel aber, der daneben lehnte, war imInnern mit dem Lamm-Gottes-Bilde und mit einem ein-fachen Kreuze geschmückt. Auf der Oberfläche, so mit neunEngelsköpfen und vierzehn Rauchwolken geziert war, hatteBernward die Worte eingegraben:

Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und ich werdeam jüngsten Tage auferstehen und wieder mit meinerHaut umgeben werden und in meinem Fleische meinenGott schauen."

Schweigend, denn er konnte nicht reden vor innererErgriffenheit, deutete der Abt zur Seite.

Da lehnte auch vollendet und ausgemeißelt die Deck-platte des Grabes. Auf dieser Platte sahen sie einenBaum, dessen Stamm in ein einfaches, aber sinnig undschön gearbeitetes Kreuz überging. Die vier Enden desKreuzes waren verziert mit den Zeichen der vier Evan-gelisten. Da, wo die Balken sich schnitten, erblickten siedaS Lamm Gottes , geschmückt mit dem Zeichen des Kreuzes.Die Fläche aber über und neben dem Kreuze war aus-gefüllt mit einer lateinischen Inschrift, in der die ganzeEinfachheit, die Demuth und der Adel von Bernward'sGesinnung sich aussprach. Sie lautete in deutscher Sprache:

Bernward's Körper war ick dereinst;

jetzt bin ich umschlossenHier vom Dunkel der Gruft. Aschenur bin ich und Staub.

Ach, des erhabenen Amtes hab' ichnicht würdig gewaltet IHerr, laß in Frieden mich ruh'nlBetet das Amen für mich."

Das ist die künftige Grabstätte eines Heiligen,"sprach Goderam mit bebender Stimme.

Der greise Thangmar trat vor und rief:

Was ist lobenswürdiger, als diese Erniedrigungdes frommen Bischofs! Je tiefer er sich in Demuth herab-drückt, um so höher glänzt er als Leuchte der Kirche. Ichbin der Ansicht, daß wir trotz seiner Bitte um demüthigeBestattung die Leichenfeier unseres gottgeliebten Herrnnach kirchlichem Brauche würdig und erhaben gestalten,denn sein hohes Verdienst erscheint uns leuchtender alsder Tag, obgleich er selber sich in seiner Herzensdemuthganz anders beurtheilt hat."

Thangmars Meinung stimmten Alle bei.

Und so wurde des heiligen Bischofs Leiche mit großemGepränge und mit unsäglicher Andacht der Gläubigen inder von ihm selber erbauten Gruft dem Schooße der Erdeübergeben. Das ganze Bisthum war durch diesen Hin-tritt in tiefe Trauer versetzt. Die Hildesheimische Kirchewurde zur Wittwe, die Stadt beweinte den Verlust ihresErbauers, das Vaterland seinen Vertheidiger und weisenLenker, besonders aber beklagten die Armen, Wittwenund Waisen den Verlust ihres theuren Vaters. Hohe undNiedrige, Reiche und Arme wurden durch den Heimgangdessen schmerzlich betrübet, der Allen Alles gewesen war.Klagen und Weinen, untröstlicher Schmerz um den Hin-geschiedenen wurde laut. Die Gruft der Michaelskirche,

worin man ihn gebettet, wurde nimmer leer von Wei-nenden und Trauernden.

Da schritt eines Tages der noch immer stattlicheHerr Thangmar durch die Reihen der Wehklagenden.Einen mitfühlenden Blick warf er auf die schmerzlichTrauernden, dann redete er sie an:

Geliebte, wir wollen uns nicht unvernünftig be-trüben nach der Weise derjenigen, so ohne Hoffnung sind.Wenn wir trauern müssen, den Tröster auf Erden ver-loren zu haben, so wollen wir uns freuen, einen Helferim Himmel zu besitzen. Versicherte unser Herr Bernward doch selber vor seinem Ende, daß er dem Geiste nachstets bei uns sein werde. An dieser heiligen Stätte um-wehet uns sein Geist. Neben der mit dem wunderbarenRosenstrauch ausgezeichneten Gruft des Dommünsterswollte uns der gütige Gott einen zweiten Gnadenort gebenin dieser Gruft, die den heiligen Leib unseres HerrnBernward umschließt."

Noch sprach er, da brachten die Domschüler eine Tafelmit gemeißelter lateinischer Inschrift und befestigten selbigean der Säule zur rechten Seite des Grabmals. Bennohatte die Worte verfaßt, sie lauteten:

Siehe, die Gruft, sie umschließt das Gebein Bernwardens, deS

Bischofs,

Jenes erhabenen Mannes, der uns ein Wunder erschien,

Der wie ein leuchtender Stern in der Heimath Krone geglänzt

hat,

Würdig erfunden von Gott, hoch von den Menschen geliebt;Denn stets ist er der Kirche der trefflichste Bischof gewesen,Lohn' es Emanuel ihm, lohn' es ihm Michaels Huld!

Endlich am zwanzigsten Tag in dem elften der Monate tauscht' erFür dies irdische Sein glücklich den Himmel sich ein."

Diese Worte Bennos mögen das Lebensbild unseresgroßen Bernward vollenden.

Ende!

Die letzten Ellen Dich.

Erzählung frei nach dem Französischen. Von Otto LandSmann

(Nachdruck »erboten.)

I.

Durch eine ununterbrochene Arbeit von einem halbenJahrhundert war es dem alten Tuchhändler KorneliusSplenger aus der Schlossergasse in Straßburg gelungen,sich das runde Sümmchen von einer viertel Million zu-sammenzuscharren. Eines schönen Tages nun saß er,die Hände über seinem Schmerbauch gekreuzt, hinterseinem Zahltisch, und indem er einen tiefen Seufzer innerenBehagens ausstieß, sprach er nach zehn langen Minuteninneren Jubels:

Endlich, endlich bin ich am Ziele meines Strebensangekommen! Freilich ist es nicht ohne Mühe gegangen,aber schon mein seliger Großvater mit seiner bewährtenMenschen- und Sachkenntniß hat gesagt:In diesemJammerthale kommt man zu nichts ohne viel Müh' undPlage."" Ich habe also eigentlich nur meine Pflichtgethan."

Nach diesen Worten, die er mit halblauter Stimmein die Morgenstille des Kaufladens gesprochen, stand erauf, trat hinter seinem Arbeitstisch hervor, und sich derLadenthüre nähernd, verschloß er dieselbe mit einemkräftigen Ruck.So, jetzt ist's gar," sagte er, indemer sich vergnügt die Hände rieb und das linke Auge zu-drückte, was bei ihm stets der Ausdruck höchster Zu-