Ausgabe 
(14.12.1894) 101
Seite
791
 
Einzelbild herunterladen

791

des eiltenKitterle" gesetzt worden, und da Herr vonHuntheim die Güte hatte, dem Schneider Thomas einederbe Abfertigung zu ertheilen, glaubte ich, den liebens-würdigen Herrn angemessen belohnen zu müssen."

Und sich an seine Tochter wendend, die ihre Thränenschon getrocknet hatte, schloß er lachend:

Uebrigens, meine Kinder, habe ich schon längst ge-merkt, daß eins dem anderen gern in's Auge sah, unddie vier Ellen Tuch sind gerade zu gelegener Zeit aufder Bildfläche erschienen, um die Schlichtung einer An-gelegenheit zu beschleunigen, welche zwei sich liebendeHerzen betrifft."

Nach diesen Worten hatte Kornelins noch einmaldie Kühnheit, eine FlascheKitterle" aus dem Jahre 45aus dem Keller zu holen. . . Allerdings hatte er nichtmehr fünfzehn Ellen Tuch auszumessen, es hatten dieanderen zu viele Glückliche gemacht, als daß er nochmalversucht hatte, feine Viertelmillion zu vermehren.

---SS8Ü88S»-

Unsere Pflanzenwelt im Winter.

Sonnenwende des Winters, ersehnte Zeit,Ringsum Berge und Hügel so tief verschneit,Reifschauer an allen Wegen;

ES knistert der Schnee» klirret das Eis,Wie machst du das Herz doch pochen so heißDem weidenden Venz entgegen.

Unter den Füßen knistert der Schnee, und diegeschäftigen Menschen eilen hastiger als sonst durch dienebelerfüllten Straßen. Auf den sangverlassenen Flurenleuchtet des Winters Decke, und die Blumenpracht desSommers ist den eherner Gesetzen der Weltordnung er-legen. Nur wenige Spätherbstblüthen vermochten einelängere Spanne Zeit den Launen unseres Klimas zuwiderstehen. Die Günstlinge der Menschen aus derPflanzenwelt sind in dieser Zeit auf warme, lauschigeOrte angewiesen, wohin des Winters eisiger Hauch nichtdringen kann. Hier an Feusterbrettchen, nahe dem Eiseund Schnee, und in Blumentischen, geküßt vorn mattenSonnenstrahl, entfalten sichanch zur Winterszeit Hyacinthen,Cyklamen, Camellien, Alpenrosen und Veilchen, indeßdraußen Todesschauer die Natur durchzittern.

Und doch spielen auch im Winter seit uralten Zei-ten bis auf die Gegenwart Blumen und Bäume einebedeutende Rolle im Leben unseres Volkes. Es warenzur Zeit des Götterthums namentlich die Tage um dieSonnenwende, welche mit dem spärlichen Pflanzenlebenin mannigfacher Beziehung standen. Die Germanenfeierten bekanntlich in den letzten, lichtarmen Dezember-tagen, wo sie mit frommer Scheu das oberste Götterpaarerwarteten, das Julfest zu Ehren der wiederkehrendenSonne und allmählig erwachenden Mutter Erde . Hiebeiversammelten sich im tannengeschmückten Stammhause alleFamilienangehörigen zu Schmaus und frohem Liederklang.In England wurde noch in späteren Zeiten alljährlichum die Wintersonnenwende ein großer Baumstumpf, derJuelblock, auf dem Herde angezündet, um den sichdie ganze Familie in heiterer Stimmung schaarte, solangedieWihinächte" währten.

Die meisten Pflanzen, denen sich das Interesseunserer heidnischen Vorfahren zuwandte, wurden zu aber-gläubischen Gebräuchen verwendet, von denen sich jetztnoch da und dort Spuren zeigen.

Gewöhnlich holte man schon am Barbaratage (4. Dez.)in vielen Orten Zweige von Kirschbäumen, um sie zu-haust in das Wasser zu stecken und das Entfalten vonBlättern und Blüthen zu erwarten. Ließ das nichtlange auf sich warten, so bedeutete es ein fruchtbaresJahr. In der Thomasnacht wurden die Zwetschgeu-bäume geschüttelt, damit sie reichlich Früchte bringensollten. Die Rauchnächte, nämlich die Nacht vor demThomastage und die drei Nächte vor Weihnachten, Neu-jahr und Dreikönig, waren voll Schauder und Geheimniß.Die Tage sind noch nicht so ferne, daß manches Groß-mütterchen den lauschenden Enkeln von all dem Geister-spuk erzählte, der in diesen Nächten los sein sollte.Es wäre wirklich ein Wunder, wenn man in dieser ge-heimnißvollen Zeit gewisse Kräuter vergessen Hütte, diesonst als heilkräftig und bedeutsam galten. In denNauchnächten wurden in der That auch neunerlei Kräuterbenützt, mit Wachholder und Weihrauch gewürzt und inBetten und Viehtröge gelegt. Man ließ sie mitunterauch in eine Gluthpfanne werfen, womit das ganze HauSdurchräuchert wurde, um böse Geister, Druden und Hexenabzuhalten, Thiere und Früchte dagegen kräftig zu schützen.

Das schönste Fest in winterlicher, trüber Zeit istseit Einführung des Christenthums das Weihnachsfestgeworden. Die außerordentliche Heiligkeit desselben mußtesich selbstverständlich nach frommem Glauben auch auf diePflanzenwelt erstrecken. So soll sich in manchen Gegen-den in der Christnacht eine Rose, herrlich duftend undweithin leuchtend, mitten im Schnee entfaltet haben; inanderen erschlossen Safran, Silken und Nelken ihre Kelche.Von hoher Bedeutung war namentlich die Rose vonJericho, unsereAuferstehungsblume", die ebenfalls inder heiligsten Nacht des Jahres erblühte und köstlichenWohlgeruch verbreitete, während sie sonst dürr und todterschien.

Unter den Bäumen ist es in erster Linie die Tanne,dieser altdeutsche Nadelbaum, zu dem sich das sinnigedeutsche Gemüth von jeher gezogen fühlte. Tanuenreisigschmückte das Haus zum festlichen Empfange der Götterund Gäste, und das Brausen und Sausen in ihremGezweige war den Germanen der vieltausendstimmigeGesang der Geister in Wodans Heere.

Unter allen deutschen Sitten jedoch, die mit demTannenbaume zusammenhängen, ist die lieblichste dieSchmückung desselben und das Anzünden darauf befestigterKerzen am Weihnachtsabende. Dieselbe entstand ungefährim 13. Jahrhundert und verbreitete sich nach und nachin allen deutschen Ländern, während es ihr nicht gelang,bei anderen Volksstämmen sich einzubürgern.

Kein Fest auf dem weiten Erdenrund vermag diekleine Welt mehr zu beglücken, als die fröhliche, seligeWeihnachtszeit mit ihrem gabenbehangenen Tannenbaume.Der Gnadenstrahl von oben, der sich in die Herzen allersenkt, die eines guten Willens sind, läßt auch großenMenschen Herzeleid und Wintcrgram vergessen, sie wiederin die sorglos wonnige, längst entschwundene Kinderzeitversetzend.

Besonders merkwürdig ist, daß in der Mitternachts-stunde der Christnacht, wie man glaubte, Apfelbäumeblühen und Früchte tragen. In der Hofbibliothek zu Wien befindet sich ein Schreiben des Bischofs von Bamberg aus dem Jahre 1426, in dem von zwei Apfelbänmengesprochen wird, die in der Weihnacht Blüthen undFrüchte trugen. Ein gewisser Andr. von Weitra be-