Ausgabe 
(18.12.1894) 102
Seite
793
 
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Nugsburger Postzeitung".

102

Dinstag, den 18. Dezember

1894 .

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabderr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttlcr).

Netter Dingo.

Nach dem Englischen erzählt von Alice Salzbrunn.

(Fortsetzung.)

2. Kapitel.

Cyprian Hays Rückkehr nach England war durchseinen Besitzantritt der vortrefflichen Geschäftsfirma inder Londoner Altstadt verursacht worden. Er hatte einreichliches Einkommen, deshalb fehlte seiner Wohnung inder Vorstadt keine Behaglichkeit oder Pracht, welche fürGeld zu beschaffen war. Alles, was das Herz der FrauMargarethe nur begehren konnte, wurde ihr von ihremGatten mit Freuden gewährt. Die langen Jahre derArmuth hatten ihren Schönheitssinn unterdrückt, derselbeerwachte jetzt wieder, und ihr gütiger Mann war stolz,ihn zu befriedigen. Ein begeisterter Besucher nannteihren Gesellschaftssaalpoesievoll"; denn er enthielt nicktdie nach einem Katalog bestellten Möbel, sondern jedereinzelne Gegenstand war von ihr mit Bedacht gewählt,von den weichen dunklen Sommerpolstcrn bis zu denkleinsten Zierathen an den Wänden. Ihr kleines Bou-doir war noch theurer ausgestattet, weil Herr Hat) daraufbestand, sie mit jeder Kostbarkeit zu umgeben, welche siezufällig bewunderte. Die ihr bewilligten Summen fürdie Kleidung, für Vergnügungen und wohlthätige Zweckeerschienen ihr unbegrenzt gegen früher, wo ihr manchmalein Schilling gefehlt hatte. Blieb ihr ein Wunsch unbe-friedigt, so geschah es nicht durch die Schuld ihres er-gebenen Gatten. Gewiß hätte sie sich ganz glücklichfühlen müssen. Jedoch wie eine listige Schlange ihrenWeg in's Paradies fand, drang auch ein böser Koboldin dieses reizende Daheim! Der Augenblick seiner ver-hängnißvollen Ankunft war schwer festzustellen. Wochen-lang schien er ungewiß die Luft zu durchdringen, an-statt eine bestimmte Gestalt anzunehmen. Aber seinEinfluß war hier und da und überall. Ganz uner-wartet machte er sich immer geltend. Zum Beispiel

Keine Frau in den weiten Vorstädten von ganzLondon war anfänglich pünktlicher als Margarethe imWarten auf die Rückkehr ihres Herrn und Gemahls mitdem Nachmittagszuge. Stets begrüßte sie ihn froh, under fand alles bereit, wie es sein sollte, bis jetzt eineAenderung eintrat. Anstatt ihm am Bogenfenster war-tend entgegen zu sehen, kam sie erst eilig aus ihremkleinen Heiligthum, wenn sie seinen Drücker in der Haus-thüre hörte. Ein paar Mal kam sie sogar nicht, bis

Herr Hay laut nach ihr rief. Dann eilte sie verwirrtund erröthend zu ihm. Das war seltsam!

Einmal war er leise in das Haus gekommenkein Gesicht war an diesem Tage am Fenster undhatte deutlich die Stimme seiner Frau laut sprechend inihrem Zimmer gehört. Er fand die Thüre desselben voninnen verriegelt. Ehe sie auf sein Klopfen öffnete, hätteer beschwören können, daß er die nach dem Gartenführende Glasthüre schließen hörte. Das war nochseltsamer!

Scherzend fragte er sie, ob sie eine Unterredungmit Geistern gehalten habe; sie neigte ihren schönge-formten Kopf, welchen er stets stolz betrachtete, über dieOrchidee in seinem Knopfloch er brachte ihr immereine Blume im Knopfloch mit, und sie trug dieselbe beimAbcndbrod; dann antwortete sie, daß sienur nurlaut gelesen habe." Natürlich war sein Gretchen ganzwahrheitsliebend, aber es klang sonderbar!

Dann wurde sie zerstreut. Während der zu Hausezugebrachten Stunden sah Cyprian Hay gern, daß seineFrau sich und ihre Gedanken nur ihm widmete. Jetztschien sie oft an etwas anderes oder verwünschterArgwohn! an jemand anders zu denken. Sie saßträumend da, wenn er ihr Neuigkeiten erzählte. Siegab verkehrte Antworten auf seine Fragen und manch-mal gar keine. Das war ärgerlich!

Auf mein Wort, Margarethe!" rief er einesAbends und warf unwillig die Zeitung hin, nachdem erihr den begeisterten Bericht über eine neue Oper vorge-lesen und sie ihn darauf träumerisch angesehen und lang-sam erwidert hatte:Es ist eine unangenehme Lage"Auf mein Wort, Margarethe! Ich möchte wissen,wo Deine Gedanken weilen! Ich glaube, Du bist meinerüberdrüssig!"

Aber es that ihm leid, so barsch gesprochen zu ha-ben, als seine Frau mit Schmerz in ihrem Blick an seineSeite kam, sich dumm nannte und sagte, sie habe etwasKopfweh.Seiner überdrüssig! Wie konnte er so grau-sam sein! Er war ja ihr alles!"

Das war befriedigend, und für etwa vierzehn Tageverschwand das Element des Unbehagens auf den nie-drigsten Grad. Dann stieg es wieder höher.

Herr Hay hatte Billete für eines der letzten gulenConcerte der Saison besorgt. Er wünschte seine Frausollte ihn um drei Uhr am Bahnhof in der Stadt treffen;anstatt sich darüber zu freuen, machte Margarethe Ein-