Ausgabe 
(28.12.1894) 105
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verdient unser Fräulein, die eine kunstgeübte Stickerinist, noch ein schönes Stück Geld."

Unsere Unterhaltung wurde durch das Eintretender Freifräuleins unterbrochen; sie übergab mir einBillet für meinen Herrn, und dann mußte ich Abschiednehmen, obwohl ich am liebsten noch länger dort ver-weilt hätte.

ES muß wohl eine recht gute Botschaft gewesensein, die ich zurückgebracht, denn das Gesicht des Frei-herr» war eitel Sonnenschein beim Lesen dieser Zeilen,und mir klopfte er nachher auf die Schulter und sagte:

Toni, Du hast's gut gemacht."

In der Folge mußte ich den Weg zu der mir lieb-gewordencn Stätte häufiger machen, und mein Herr wirdwohl auch den Weg dorthin gefunden haben. Zu Osternkamen von Schloß Steinkron die alten Eltern herüber,und da ging's, alle zusammen, zu der Wohnung derLindberg's, um ein fröhliches Fest, die Verlobung desFreiherr» Bruno mit Freifräulein Lucie, zu begehen.War's da eine reine Freude in der glücklichen kleinenBehausung.

Allerdings war ich nicht mit in der Reihe, aber in denRaum, wo ich mit der Dienerin Marie saß, drang dochdas Echo der glücklichen Stunden hin, und da nahm dennder alte Toni sich auch ein Herz und frug die Marie,die er gleich vom ersten Augenblick an gern gesehen hatte:Willst auch Du mir gut sein für's Leben."

Ja freilich," jauchzte die mir entgegen und istmir an die Brust geflogen, so daß unsere kleinen Herzerlgrad gegeneinander schlugen; und da gabs einen gutenKlang l Grad, wie ich meine Marie so fest umarmt hielt,geht die Thüre auf, so plötzlich, daß an ein Auseinander-setzen nicht mehr zu denken war.

Der alte Freiherr war's, vor dem wir erröthendund verschämt dastanden.

Nun, das sind mir nette Geschichten mit euchKindern in Wien . Schicke ich euch beide dahin, um zulernen, und was treibt ihr? Liebesbriefe schreiben undin den Augen der Wiener Mädels das ABC der Liebelesen. Toni, Toni, was sollen die Dirnderl drunten imSteinort sagen?"

Bei dem Ton des Scherzes wuchs mir der Muth'und so meinte ich etwas kleinlaut:

Ach, Herr Baron, ich denke, die Weibsleut' imLaubahnthal werden der Wienerin die Augen nicht aus-kratzen und die Frau des Toni willkommen heißen, und und der gnädige Herr hat vielleicht auch ein Ein-sehen und sorgt auf Steinkron für ein kleines beschei-denes Nestchen." Ein Helles Lachen war die Antwortdes alten Herrn, der zur Gesellschaft zurückkehrte, umdort seine neueste Entdeckung zum Besten zu geben.

Wir blieben nur mehr weinge Tage in der Kaiser-stadt, wir hatten ausstudiert. Auf Steinkron aber, dagabS in der nächsten Zeit viele Arbeit, da wurde vomMorgen zum Abend mit den Handwerksleuten geschafft,und unser Freiherr Bruno, der stand mitten unter ihnenund war so geschäftig im Planen und Anweisen, daßes eine Lust war. ihm zuzuschauen. Ja, wenn man ameigenen Nestchen baut, da hat's so seine eig'ne Art.

Aber nicht nur drüben im Herrenhaus ward fleißiggearbeitet, sondern auch hier in der neuen Försterwoh-nung, und da führte der alte Herr selbst das Kommando.

Mit dem Eintritt des Endes des Sommers warhüben wie drüben Alles in Ordnung, und da rief mich

der Schloßherr zu sich und sagte:Nun, Toni, übeteinen Monat macht Bruno Hochzeit; wie wär's, wennDu am gleichen Tage Deine Marie heimführtest?"

Ja, aber Herr» woher soll ich in der Kürze derZeit die Vorbereitungen treffen?"

Nun, dafür laß mich sorgen, jetzt geh' hin undsieh' Dir die neue Försterwohnung an, ob sie Dir ge-fällt, sie soll Dein sein, und für das Uebrige laß, wiegesagt, mich sorgen."

Wie sprang ich hin zu der niedlichen Behausung,und wie ich zur Thür hineinfalle, wer beschreibt meinglückliches Erstaunen, als mir meine liebe Marie, diemit dem Freifräulein herübergekommen war, gerade indie Arme läuft?

Bei uns gewöhnlichen Leuten kommt's mit derLiebe nicht zu solchen Schwärmereien, wie sie in dendickbändigen Romanen von reichen Leuten zu lesensind, und ganz besonders nicht, wenn man, wie wir da-mals, schon in reiferen Jahren steht. Aber an solch'sonnenhellen Tagen, wo der ungetrübte Himmel deSGlücks sich in der Seele wiederspiegelt, da wird's aucheinem mit rauherer Schale umzogenen Herzen ganzeigenartig; die Pulse schlagen nicht so wie gewöhnlich,es geht so etwas wie ein erwachender Frühlingshauchmit Blüth' und Blumen durch die freiaufathmende Brust.

Zu schnell kam der Abend für alle im Bereich desSchlosses Steinkron. Mir ward noch die Gunst zuTheil, den Wagen zur Bahn fahren zu dürfen. War daSeine prächtige Fahrt. Drinnen saß Fräulein Lucie mitdem Freiherrn Bruno und auf dem Bock neben mirmeine Marie. Zwei glückliche Pärchen, schwer zu sagen,wo die meiste Seligkeit zu finden!

Der Zug brauste heran, wir nahmen Abschied mitdem frohen Gruß:Auf Wiedersehen am Hochzeitstagei"

Wie schnell verging nicht der nächste Monat mitden tausenderlei Kleinigkeiten, die für den wichtigen Tagzu besorgen waren, und so stand, ehe ich mich's versah,der glückliche Morgen vor der Thüre.

Nicht nur Steinkron, nein, der ganze Ort warin freudiger Aufregung und hatte mit Allem, was dieLiebe nur erdenken kann, das Schloß und den Ort ge-schmückt.

Eine Doppelhochzeit sollte es sein, so hatte es deralte.Freiherr gewünscht, und Bruno war freudig damiteinverstanden. Zusammen zogen wir zur Kirche undstanden gleichzeitig am selben Altare, wo uns eines Prie-sters Hand zum Bunde für das Leben einte. Furcht-sam fast wollten wir uns dann zurückziehen nach derhl. Handlung von all' den feinen Damen und Herren,zu denen wir gewöhnliche Leutchen nun einmal ganzund gar nicht paßten. Das aber ließ die Herrschaftnicht zu, am Ehrentische mußten wir Platz nehmen, dichtneben dem jungen freiherrlichen Brautpaare.

Noch immer schlimmer sollte es kommen, und ichwäre vor Scham fast vergangen, als der alte Freiherrschließlich meine tölpelhafte Nußgeschichte zum Bestengab und mich als den Anstifter der glücklichen Verbin-dung hinstellte.

Der heilige Christ hat's gethan!" so löste sich mirda die Zunge, und obwohl es vielleicht etwas despektierlichgeklungen haben mag, ich rief's laut in den Saal hinein:Der hl. Christ hat's gethan!" und ein allseitiges Bravo-rufen war die Antwort.