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konnte, redete mich an und bat um Aufklärung überdie räthselhaften Goldnüsse, die ich denn auch bald gabnebst der verlangten Adresse meines Herrn. Daraufempfahl sich mit einer leichten Verbeugung die Dameund ließ mich bei der Krämerin allein, welche sich nunsoweit aus ihrer Erregung herausgearbeitet hatte, daßsie mir nähere Aufklärung über das Räthsel geben konnte,das sich vor mir aufspielte.
„Denken Sie nur," begann endlich die gute Frau,„kaum waren Sie weg, da kommt ein junges Fräulein,die Noth Gottes sah man ihrem ganzen Erscheinen an;schwarz gekleidet wie die Alte, die Sie soeben hier ge-sehen, von einer ganz bezaubernden milden Engelsschön-heit. Obwohl man ihr das Leid überall herauslesenkonnte, war sie doch so ungezwungen freundlich, daßman auf den ersten Augenblick gleich für sie eingenom-men sein mußte.
„Was sie kaufte, waren nicht große Dinge: einigeganz billige Spielsachen, und dann verlangte sie noch nachetwas für den Christbaum, „vielleicht beschädigte Sachen,denn viel dürfen sie nicht kosten."
„Einige vergilbte Fähnchen und Korallen waren baldgefunden, und dann fielen mir denn auch Ihre glücklichenGoldnüsse in die Finger.
„Gern hätte ich der armen vornehmen Mamsell diearmseligen Sächelchen geschenkt, und das Herz blutete mirordentlich als sie aus dem kleinen Portemonnaie untereinem so trüben und doch so glücklichen Lächeln die ein-zelnen Kreuzer hervorsuchte. Aber bei der stattlichen,ehrfurchtgebietenden Persönlichkeit hätte ich nimmer ge-wagt. mein Mitleid anzubringen.
„Als ich nun heute Morgen in der'Frühe nach denFeiertagen wieder zu meinem Stand hinkomm', da seh'ich die beiden Damen unruhig auf- und abgehen, undals mich die junge erblickt hatte, da wies sie die älterean mich, welche denn auch gerade eben zu mir kamund mir erzählte, wie die kleinen Kinder in jeder dervon mir verkauften Nüsse einen Golddukaten gefundenhätten. Mir ging's im Kopf rund, bis mir der Zwischen-fall vom heil. Abend einfiel und ich mir die Geschichtewohl so zusammenreimen konnte, daß Ihr gnädiger Herrmit dem Geschenke einen Scherz habe verbinden wollen.Gerade hatte ich die Erklärung der ehrwürdigen Frauabgegeben, als Sie selbst erschienen und uns aus jederweiteren Verlegenheit halfen. Daß sie jetzt gleich mitdem gefundenen Geld zu Ihrem Herrn hin ist, das istsicher, denn die Ehrlichkeit leuchtete ja beiden Frauenordentlich aus dem Gesichte heraus. Ihr könnt Euchgratnliren, das Christkind hat Euch gut in Schutz ge-nommen, denn sonst würde, es für Euch wohl „harteNüsse" gegeben haben."
Die Krämerin hatte gewiß Lust noch recht langenit mir zu plaudern, aber mich trieb die Ungeduld nachzause, und so mußte ein Versprechen „auf Wiedersehen"?er redseligen Frau meine fernere Zuhörerschaft entgelten.
lllicht lange war ich zu Hause, da wurde die Schelleu unserer Wohnung gezogen, und ich geleitete in's Em-pfangszimmer die beiden bekannten Damen, die nach demgnädigen Herrn verlangten. Ich muß es gleich gestehen,daß ich im Herausgehen es nicht unterlassen konnte,einen flüchtigen Blick auf die junge Dame zu werfen,and wahrhaftig, die Hökerin hatte Recht, es war eineganz einzige Schönheit.
Freiherr Bruno ließ nicht lange auf sich warten.
Was zwischen den drei Personen ausgetauscht wordenist, kann ich nicht verrathen, denn ich war nicht dabei,und das Thürenlauschen ist nie meine Sache gewesen,so sehr auch gerade diesmal meine Neugier erklärlicherWeise auf die Folter gespannt war.
Es dauerte beinahe eine Stunde, ehe sich wiederdie Thür öffnete und mein Herr selbst die beiden Damenzur Treppe geleitete. Aber wie seltsam sah er aus, wiebewundernd, nein es war mehr; liebend ruhte sein Augeauf der jungen Schönheit, die, leise erröthend, nur umso bezaubernder sich ausnahm.
Vom Fenster seines nach der Straße gehendenStudierzimmers aus noch verfolgte der Freiherr dieFrauengestalten, welche wohl bald aus den Augen, nichtaber aus dem Sinn waren.
Nun wurde auch ich herbeigerufen, doch es gab keinDonnerwetter, das verrieth mir gleich der glückliche,träumerische Blick meines Herrn.
„Toni, da sind die rechten Nüsse zurückgekommenmitsammt den Dukaten, geh', nimm sie für Dich, mirscheint, der hl. Christ hat'S gut gemeint, daß er dieVerwechslung durch Dich geschehen ließ. Wenn meineFreunde kommen, so sage, ich sei nicht zu sprechen. Ja,alter Junge, Du brauchst nun den Kopf nicht mehr zuschütteln, mit dem Leichtsinn ist's zu Ende, und ein neuesLeben beginnt."
Wie ich meinen Dank gestammelt, ich weiß es heutenicht mehr, jedenfalls galt er den letzten Worten meinesHerrn, die mir das Herz beglückten, nicht minder alsdem hochherzigen Geschenk.
Die spätere Zeit lehrte, daß den Worten Thatenfolgten; die Freunde von ehedem pochten vergebens anunsere Thür und, mir gewährte es offen gestanden einekleine Freude, wenn ich einen von den jungen leicht-fertigen Herrchen so an der Thüre konnte abblitzenlassen. Von unserer neuen Weihnachtsbekanntschaft sahich nun eine Zeit lang nichts mehr; mit meinem Herrnmuß es wohl anders gewesen sein, denn er war frohund munterer Dinge und machte häufig Spaziergänge.
Es rückte schon die Fastnachtszeit heran, da erhieltich eines Morgens den Auftrag, ein werthvolles Nofen-bouquet beim Gärtner zu kaufen und mit einem Brief-chen des Herrn an Freifräulein Lucie von Lindberg zuüberbrjugey. Die Wohnung war eine recht bescheidene,doch blitzte es vor lauter Reinlichkeit, und in der An-ordnung der einfachsten Dinge ließ sich eine vornehmeHand erkennen.
Fast wäre mir das Wort in der Kehle stecken ge-blieben, als ich mich dort Plötzlich der jungen Damevon Weihnachten gegenübersah. Indessen mit einer liebens-würdigen Anrede half mir das Fräulein über meineVerlegenheit hinweg.
Ich durfte nicht gleich weg, sondern mußte mir vondem Stubenmädchen in dem kleinen Wohnzimmer einGlas Bier und ein Butterbrod auftischen lassen. Gernnahm ich's an, nicht etwa, weil ich Hunger und Durstdarauf gehabt hätte, nein, es war so anheimelnd indiesen Räumen. Von der Dienerin erfuhr ich dennauch manches über die Familie von Lindberg. Ueber denkranken Herrn, der ein ehemaliger Offizier gewesen, vomUnglück hart verfolgt, sein Vermögen gänzlich verlorenund mit seiner Familie, einer Frau, einer Tochter undzwei jungen Söhnen, von der kargen Pension lebenmußte. „Aber es langt doch, und wir sind glücklich, dazu