Ausgabe 
(28.12.1894) 105
Seite
817
 
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HL1V5.

Ireitaz, den 28 . Dezember

18S4.

k?ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag deS Literarischen ZnstitutS von HaaS L Grabherr in Augsburg <Vorbesitzer vr. Max Huttler) .

Des alten Toni Weihnachts-Keschichte.

(Schluß.)

Den folgenden zweiten Weihnachtstag vergess' ichnie, und ich weiß noch mehr Leute, die ihn stets imAngedenken behalten werden, denn er hat für Stein-kron's heutige Geschichte, eine hohe, segensvolle Bedeutung.

O, es ist schön um die Weihnacht in unserer Kaiser-stadt, mit ihren prächtigen Kirchen, von deren Lichter-glanz in diesen Tagen das arme, nach Licht und Wärmeverlangende Menschenherz sich gar nicht trennen möchte.Ja, da hab' ich recht innig zum Kindlein in der Krippegefleht und auch für den gnädigen, jungen Herrn, undwie hat's mir das Herz da wohlthuend berührt, als ichmich umschau' und den Freiherrn gleich hinter mirknieen sah.

Doch es war am zweiten Wethnachtstag gegen11 Uhr Morgens. Dem Freiherrn Bruno hatte ichgerade ein Packetchen überbracht, an dessen Adresse ichElwirens Handschrift erkannte. Kaum war ich in mei-nem Zimmer wieder angelangt, als mich auch die Schellewieder zurückrief.

Aufgeregt, einen entfalteten Brief in der Hand,schritt er durchs Zimmer, mich anfangs kaum bemerkend,dann aber jäh herausfahrend, sich an mich wendend:

Toni, was hast Du mit meinem Geschenk, mitden Goldnüssen, mit den Golddukaten gemacht?"

Ich prallte bei den heftig hervorgestoßenen Wortenförmlich zurück, und es mag wohl eine Weile gedauerthaben, ehe ich die Antwort fand:Herr, Euer Tont istehrlich I" Dann aber fiel es mir wie Schuppen von denAugen, und die klaghafte Episode vom Weihnachtsmarktemit dem Austausch der Nüsse, die ich beinahe schon ver-gessen, fiel mir zentnerschwer auf die Seele. Doch washalf der Schmerz, als reumüthiger Sünder galt's zu be-kennen, und die Beichte wurde mir um so leichter, jeschuldfreier mein Herz schlug.

Bei Freiherrn Bruno glätteten sich unterdessen dieFalten in der Stirne, doch blieb sein Blick ernst, tiefernst, wie ich ihn selten gesehen hatte.Es ist gut,Toni," antwortete er auf meine Erzählung kurz, dannließ er sich vor seinem Schreibtisch nieder, warf einigeZeilen zu Papier und sandte mich mit dem Briefchenzu Fräulein Elwire.

Ich weiß nicht, was der Brief enthielt, aber gleichdamals war's mir ganz erleichtert ums Herz. Es war

die letzte Botschaft, die ich an Elwire zu bringen hatte,jedenfalls war sie nicht sehr freundlicher Natur, dennstatt deS üblichen Trinkgeldes seitens des Fräuleinsgab's nur einen schnippigen Gruß der Kammerjungfer,die die Unterlippe so lang hangen ließ, als ob sie sagenwollte: mit unserer Liebe ist's nun auch aus.

Mir kam's erst gerade vor, als ob ich in einem glück-lichen Traum lebte, als ich aber nach Hause kam undunter den wegzuräumenden Sachen eine Schachtel vollaufgebrochener vergoldeter Nüsse fand und dabei einenin tausend Fetzen zerrissenen Brief mit Elwirens Schrift-zügen, da wußte ich, daß wirklich der böse Bann ge-brochen und mein junger Herr aus bösem Leid gerettetwar. Wie dankte ich unserm Herrgott, daß er sich zudiesem guten Ende meiner Ungeschicklichkeit bedient hatte!

Vergebens hatte ich unterwegs Umschau gehaltennach meiner Hökerin, die mir aus der Noth geholfen.Die Kramläden waren geschlossen, und die Inhaber feiertengewiß auch im anheimelnden Familienkreise die heiligeWeihnacht. Die Nacht war für mich nicht so ruhig, als es inAnbetracht der sich zum Besten gestaltenden Zustände hätteerwartet werden können. Ob ich die Augen schloß,immer tauchte vor mir die Frau von dem Kramladendes Weihnachtsmarktes auf, und die Frage wo sind dieGolddukaten hingekommen? ließ mich nicht zur Ruhekommen. Sobald es am nächsten Morgen mein Dienst er-laubte, war ich aus dem Hanse und nach dem Weih-nachtsmarkte auf dem Wege, wo heute der Handel nachden Feiertagen wieder aufgenommen wurde.

Nicht lange brauchte ich nach meiner Frau zu suchen,ihr kleiner Stand war bald gefunden. Die Besitzerinsah ich schon von Ferne mit einer schwarzgekleidetenDame in lebhafter Unterhaltung, ein um das andereMal vor Freude und Staunen die Hände über den Kopfzusammenschlagend oder sie vor sich hinstreckend.

Kaum ward die gute Hökerin meiner von Weitemansichtig, als sie einen lauten Juchzer von sich gab undgegen mich gewandt, ausrief:Ah, da kommt er gerade."

Mann, die Goldnüsse, die Dukaten, oh, was für'nGlück, alles hat sich gefunden."

Den überstürmenden Redeschwall der Person kannich nicht Widergeben, es wurde mir gleich klar, daß ichden verlorenen Goldfüchsen auf der richtigen Spur sei.Die schwarze Dame, der man trotz der einfachen, fastärmlichen Kleidung, den gramvollen Gesichtszügen dieZugehörigkeit zu der besten Gesellschaftsklasse ansehen