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und klapperte mit den Straßenlaternen und den altenrostigen Wetterfahnen, der tiefe Schnee knirschte unterden Tritten, und Alles drängte und eilte in den Straßen,um die letzten Vorbereitungen für den festlichen Abendzu treffen. In den Häusern herrschte überall wichtigeGeheimthuerei; die Kinder waren alle in ein Zimmergesperrt und harrten voll Ungeduld des erlösenden Augen-blicks, die großen beschwichtigten die kleinen und hörtenihnen noch einmal die Weihnachtsgebete ab. Auch fürihn hatte es einst solche Zeit gegeben, auch seine Mutterhatte gesorgt und geschafft für ihn, und sie war glücklichund reich belohnt, wenn in seinem wilden Knabenaugeeine Thräne der Freude und Ueberraschung blitzte. Wieschön war's im kleinen traulichen Stübchen der Mutter,wenn eS im Glanz der Kerzen und der goldenen Aepfelerstrahlte, und es ward ihm, als umwehte ihn der süßberauschende Waldesduft des Tannenbaums aus derHeimath, als sagte sie zu ihm mit ihrer sanften Stimme:„Das Alles ist Dein!" Ob sie heute wohl seiner ge-dachte? Ein Schauer überlief ihn kalt. Mochte derUnglückliche wohl ahnen, daß man sie bereits hinaus-getragen an den stillen Ort, der Niemanden zurückgibt,und daß sie nun unter der starren eisigen Decke an derSeite des Mannes ruhte, der ihn einst auf seinen Knieengeschaukelt und ihn seine einzige Freude und seinen Stolzgenannt hatte? Und als sein Mütterchen auf dem Sterbe-bette lag, da war Niemand, der ihr die müden matt-geweinten Augen hätte zudrücken können, und schon glaubtedie alte Frau, allein und von aller Welt verlassen ster-ben zu müssen, da kam eine hohe edle Frauengestalt undwarf sich schluchzend über das Bert, weinte lange undkrampfhaft und konnte nur das eine Wort aussprechen:
„Verzeihung!" Da legte das alte Mütterchen diekalte erstarrende Rechte wie segnend auf das weiche blondeHaar der Büßenden; ihr brechender Blick suchte denHimmel, mechanisch bewegten sich ihre Lippen; sie hattevor dem Tode das große Unrecht verziehen. Als mandann den Sarg hinaustrug, da folgte ihm ein hohesblondes Mädchen im einfachen Trauerweide, und dieAltersgenossen wiesen mit Fingern auf sie und sagten:„Da geht sie, die des Lehrers Fritz in's Unglück getrieben,der es nicht gefiel im kleinen Städtchen bei uns; siemußte in die Residenz, und dort wurde sie leichtsinnig!"
So war es in der That. Sie waren Nachbars-leute, der junge Soldat in Algier und das schöne blondeMädchen hier hinter dem Sarge. Schon von Jugendauf waren sie für einander bestimmt gewesen, und sieliebten einander so treulich, bis der Verführer die eltern-lose Waise verlockte, in die große Stadt zu kommen undzum Theater überzugehen. Was half da alles Bittenund Rathen und Flehen? Sie ging, verblendet von demFlitterglanz — und dann kam die alte Geschichte, dieewig neu bleibt. Sie fuhr in stolzer Equipage und trugseidene Kleider. Als die Kunde davon nach dem Städt-chen drang, machte sich Fritz nach der Residenz auf, umsich Gewißheit zu verschaffen. Und als er vor dem hohenHause stand, das sie jetzt bewohnte, und sie mit einemfremden Herrn die breite Marmortreppe herabkam undihn, der sich bescheiden in eine Ecke drückte, mit kaltem,fremdem Blick musterte, als kenne sie ihn nicht, da ginger weg mit seinem bleichen Antlitz, und er ging soweitwie ihn seine Füße trugen, immer weiter in fremdeLänder, — es hörte Niemand mehr etwas von ihm. —Der Herbst kam, die Blätter fielen von den Bäumen.
Da fing das blonde Mädchen an zu hüsteln, ganz trockenund leicht. Sie hatte keine Schmerzen, und immer nochhoffte sie, er werde einst wiederkehren und ihr verzeihen,wie die Mutter ihr verziehen hatte. Als der Frühlingkam und mit warmem Sonnenstrahl die Veilchen unddie Rosenknospen hervorlockte, da trug auch sie zweiRosen auf den Wangen, still und ohne Klagen, aber siewurde blässer und blässer. Noch immer hoffte sie, erwerde wiederkehren, und sie träumte von fernen Zeitenund von einer schönen Zukunft. Die Blätter fielenwieder von den Bäumen, da trug man auch sie hinausim engen Sarge, und die Leute steckten die Köpfe zu-sammen und sagten diesmal: „Sie hat's gebüßt!"
Ahnte das Alles der junge Soldat? Immer wildertobte der Schmerz in seinem Innern, immer banger be-mächtigte sich der Zweifel seines Herzens. Lebte seinMütterchen noch, und gedachte sie seiner? Er hatte niegeschrieben, nie ein Lebenszeichen von sich gegeben, siemochte denken, er wäre todt, immer noch besser, als daßsie wußte, daß er in Algier Soldat und täglich vontausend Gefahren umgeben sei, daß sie täglichund stündlich sich um ihn ängstigte. Was machte dietreulose Braut? War sie tiefer gesunken oder auf denPfad der Tugend zurückgekehrt? Es war gleichgiltig.War sie doch für ihn auf ewig verloren! — und doch,doch! — warum mußte er immer wieder an sie denken,warum schloß er sie wider seinen Willen Abends insein Gebet ein?
Es wurde später und später, das große Feuerglimmte nur noch. Die Spieler hatten sich längst zurRuhe begeben, man hörte nur noch die regelmäßigenSchritte der Schildwachen und den Ruf der Ablösung.
Die Beiden saßen noch immer am Feuer und schautenin die glühenden Kohlen, sie waren der Außenwelt ent-rückt, tief in Gedanken versunken.
(Schluß folgt.)
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Allerlei.
Jnstitutsfrüchte. Backfisch: Weißt Du, Groß-mama, wie man ein Ei verspeist? Man nimmt ein Ei,perforirt dasselbe auf der Aversseite, bringt in der korre-spondirenden Basis eine Oeffnung an, setzt das Ei andie Lippen, inhalirt mit ganzer Kraft den Athem, unddas Ei ist seines ganzen Inhaltes entleert. — Groß-mutter: Nein, was es jetzt doch für merkwürdige Er-findungen gibt, früher hat man zwei Löcher hineingemachtund das Ei ausgelutscht.
„Auf dem Rittergut Neuhaus bei Delitzsch" — sosteht in Nr. 29 des „Pferdefreunds" zu lesen — „be-sichtigte bei Herrn Amtmann Schirmer Herr Oberland-stallmeister Graf Lehndorff am 6. Oktober zehn Hengsteund kief davon mehrere für die Landgestüte." Falsch!Es heißt nicht „kief" sondern „kuf".
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Auch ein Glück. A.: „Ich weiß mir gar keinenRath mehr, so schrecklich viele Ratten habe ich, fressenmir alles auf." — B.: „Sie Glücklicher!" — A.: „Wassagen Sie?" — B.: „Bei mir verhungert sogar dasUngeziefer."
Auflösung des Bilder-Räthstls in Nr. 102:
Spanische Wand.
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